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Energie & Klima News
Neuigkeiten aus der Welt des Klimas und der Energie

Datenklau

22.11.2009

Weil ihnen die Argumente ausgehen, müssen Industrielobbyisten und ihre Fangemeinde private Daten klauen, um die große "Verschwörung" der Klimawissenschaftler aufzudecken.

Wie armselig. Da gehen der Lobby der Dinosaurier-Industrien die Argumente aus, also lässt sie einen Server der Abteilung Klimaforschung des britischen Hadley Centers (Climate Research Unit) hacken. Und siehe da, aus Hunderten von Emails, die die Klimawissenschaftler mit Kollegen und Journalisten ausgetauscht haben, lassen sich tatsächlich ein paar Zeilen extrahieren, mit denen, aus dem Zusammenhang gerissen, bei dem ein oder anderen gutgläubigen Laien und sicherlich bei den meisten Freunden obskurer Verschwörungstheorien Eindruck gemacht werden kann. Man stelle sich vor: Die Wissenschaftler geben zu, dass sie nicht alles erklären können, und sprechen gar von "statistischen Tricks", die sie anwenden würden.

Hier in Deutschland berichten das PI-Projekt sowie die Achse des Guten von Hendrik M. Broder und anderen als erste darüber. Immerhin eine aufschlussreiche Verbindung, die Geistesverwandtschaften deutlich macht. Ansonsten beschäftigt man sich dort nämlich vor allem damit, gegen den Bau von Moscheen zu hetzen, islamophobes Ressentiment zu schüren und hat das israelische Volk offenbar so gern, dass man am liebsten jeden Tag ein paar Tanklastzüge Benzin in das Feuer des Nahost-Konflikts kippen würde.

In der angelsächsischen Welt, wo die Industrielobby seit Beginn der 1990er Jahre besonders erfolgreich war, die Debatte über Klimawandel und notwendige Maßnahmen zu stören, erregte der Datenklau erhebliches Rauschen im Blätterwald. Unter anderem berichtet die New York Times ausführlich. Auch sie zitiert vor allem, dass Phil Jones, ein erfahrener Klimastatistiker der CRU, von einem "Trick" spricht, den er angewandt habe, um eine Abkühlung aus einer Temperaturkurve zu entfernen.

Allerdings ist derlei gängiger Jargon, auch unter deutschen Wissenschaftlern. Ein Trick ist nichts weiter als eine intelligente Methode, um ein Problem zu lösen. Mit unwissenschaftlichen Methoden hat das nichts zu tun. Das wäre auch kaum möglich, denn die von Phil Jones und Kollegen zusammengestellte Temperaturkurve wird weltweit viel beachtet. Wenn chinesische, indische, US-amerikanische oder deutsche Wissenschaftler mit den gleichen oder ähnlichen Daten zu einem signifikant anderen Ergebnis gekommen wären, so gäbe es darüber längst eine publizierte wissenschaftliche Debatte.

Tatsächlich ist aber die von Jones und anderen publizierte Temperaturkurve jene, auf die sich die Gemeinde der Klimatrolle so gerne beruft, wenn sie ihr abgnutztes Argument, es fände seit zehn Jahren keine Erwärmung mehr statt, mal wieder hervorholt. Die Daten der britischen Wissenschaftler sagen nämlich, dass 1998 das wärmste Jahr war. Beim Goddard Instute for Space Studies der NASA ( GISS) ist man hingegen der Ansicht, dass 2005 das bisher wärmste Jahr war.

Nach einigen Diskussionen ist inzwischen auch der Grund klar: Weil in der Arktis die Dichte der Stationen besonders gering ist und die Qualität der Daten den CRU-Leuten nicht gut genug erschien, wurde dieser Bereich nicht in die Analyse einbezogen (in der Sprache der Wissenschaftler ist das ein "statistischer Trick"). Die GISS-Leute vertreten hingegen die Ansicht, dass die Daten ausreichend seien, und kommen daher zu einem höheren Ergebnis. In der Arktis ist die globale Erwärmung nämlich besonders ausgeprägt. ( hier und hier hat Stefan Rahmstorf die Sache ein wenig genauer erläutert).

Man darf übrigens gespannt sein, ob die Vorstandsetagen der US-Öl-, Auto- und Kohleindustrien nun bei so viel erzwungener Offenheit der anderen Seite ihren vollständigen Emailverkehr der letzten 15 Jahre zur Verfügung stellen. Dann könnte die Öffentlichkeit vielleicht besser nachvollziehen wie deren Lobbyarbeit gegen Klimaschutzpolitik und zur Förderung einer wissenschaftsfeindlichen Stimmung in den USA und einigen anderen Ländern im einzelnen funktioniert.

Ein sehr ausgewogener Kommentar eines vom Datenklau betroffenen Wissenschaftlers findet sich auf Realclimate

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