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Nachrichten aus Kultur und Medien

Der amerikanische Traum verblasst

28.11.2009

Während der Sonnenstaat in Schulden versinkt und Amerikas öffentliches Erziehungssystem daniederliegt, macht Asiens technische Intelligenz lieber zu Hause "ihr Ding".

Noch nehmen die USA Spitzenplätze in den Schlüsselindustrien der Zukunft ein, in der Informations- und Nanotechnologie und den Lebenswissenschaften. Und noch führt das „Weltwirtschaftsforum“ das Land als wettbewerbsstärkste Wirtschaft in ihren Rankings. Werden Entscheidungsträger aufgefordert, Länder nach ihrer Innovationsfreudigkeit aufzulisten, rangieren die USA jedes Mal auf den vordersten Plätzen.

Schwerfällig und träge

Diese Spitzenposition ist jedoch zunehmend in Gefahr. Und das nicht nur wegen nachrückender „aufstrebender Mächte“ in Fernost ( Forever Number One), die, wie mittlerweile China, fast sechzig Prozent ihres Budgets in Forschung und Entwicklung stecken.

„Die amerikanische Kultur“, schreibt Fareed Zakaria, vieldiskutierter Autor eines „postamerikanischen Zeitalters“ ( Die Zukunft ist postamerikanisch), in „Newsweek“ ( Is America Losing Its Mojo?), dessen Herausgeber er ist, „ist gegenüber technischen Erfindungen nicht mehr so offen und innovationsfreundlich wie noch vor Jahren.“

Sichtbar werde das neben der pharmazeutischen Industrie, die derzeit einen ähnlichen Niedergang durchmache wie die Textilindustrie vor Jahren, vor allem bei der Energieversorgung. Auf nahezu allen wichtigen Gebieten alternativer Energiegewinnung, bei Wind, Solar oder Photovoltaik, hinke das Land allen anderen Ländern hinterher. Zwar habe man mit „General Electric“ den weltgrößten Hersteller von Windturbinen im Land, doch nahezu alle anderen Topadressen befänden sich außer Landes, in China, Japan, Korea oder in Deutschland.

Der Brain Drain versiegt

Sichtbar werde das aber hauptsächlich an den fehlenden „Fachkräften“. Anders als vor und nach WK II, als vor allem aus Deutschland die besten Köpfe in Übersee eine neue Heimat suchten und fanden; und anders als in den sechziger und siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts, als man die Einwanderungsgesetzgebung stark erleichtert hat und Millionen von Asiaten ins Land strebten, hätten die USA bei diesen Bevölkerungsgruppen an Attraktivität verloren. Sie seien nicht mehr jener Magnet, der die Talentiertesten und Begabtesten aus aller Welt anzieht.

Zwar gebe es noch keine exakten Messungen, aber die Anzeichen mehrten sich, dass junge Wissenschaftler, Akademiker und Ingenieure lieber in ihren Heimatländern blieben, in China, Indien, Singapur und Korea. Sie wollten lieber dort „ihr Ding“ machen, als sich zu entwurzeln und ihr Glück in einem fremden Land zu versuchen. Landeten Anfang der 1980 noch etwa „dreiviertel aller Absolventen des ‚Indischen Instituts für Technologie“ in den Vereinigten Staaten, sind es in den letzten Jahren weniger als 10 Prozent gewesen, die es nach Amerika zog.“

Der Pleitegeier kreist

Zakaria erinnert daran, dass Silicon Valley, Menlo Park und andere vergleichbare Technologiezentren nicht „im Vakuum“ entstanden sind. Vielmehr seien sie durch eine Reihe staatlicher Maßnahmen gezielt gefördert worden. Der Staat Kalifornien beispielsweise, in dem viele dieser Parks entstanden sind, habe sich einst durch eine „vorzügliche Infrastruktur“ ausgezeichnet, er habe sich sehr „unternehmerfreundlich“ gezeigt und darüber hinaus auch mal „das beste öffentliche Erziehungssystem“ gehabt.

Diese Zeiten seien aber längst vorbei. Heute sei der Staat notorisch pleite, er könne seine Beamten nicht mehr bezahlen und „baue statt Schulhöfe lieber Gefängnisse“. Gab man vor vierzig Jahren noch „18 Prozent des Staatshaushalts für Erziehung aus, sind das gegenwärtig nur noch zehn Prozent“. Dies sei wohl auch einer der Gründe, warum Amerika nicht mehr jene Talente und Begabungen hervorbringe, die die künftige Wissensgesellschaft 2.0 unbedingt benötige.

Bestätigt und gar noch getoppt wird diese Aussage Zakarias von John B. Judis ( End State). Der ehemalige Herausgeber des „New Republic“ fürchtet gar, dass sich der amerikanische Traum, der sich im Sonnenstaat Kalifornien aktualisieren sollte, zu einem Alptraum entwickelt könnte, wenn dem Land nicht rasch eine Trendumkehr gelänge. Nicht nur sei die Arbeitslosenquote auf über 12 Prozent hochgeschnellt, der höchsten seit siebzig Jahren, der Frontierstaat sei auch zum größten Schuldenmacher unter allen anderen Bundesstaaten geworden.

Paradise Lost

Verantwortlich für diese missliche Lage Kaliforniens ist laut Judis auch dessen schlechtes „öffentliches Bildungssystem“. Nahezu zwei von drei Schülern sind mittlerweile Hispanics oder Afroamerikaner. Viele davon stammten aus einkommensschwachen Bevölkerungsgruppen, die meist nur schwer zu unterrichten sind und deren Eltern für Bildung und Fortkommen ihrer Kinder kein unmittelbares Interesse zeigten. Um diese Kinder gezielt zu fördern, bringe der Staat Kalifornien nicht nur viel zu wenig Mittel auf, er kürze auch noch am Material und Personal.

Für die Misere verantwortlich sei aber noch mehr die „Segmentierung der Wirtschaft“. Während man in den „Leuchttürmen“ Kaliforniens, rund um Santa Barbara, Palo Alto oder in Oakland noch wenig von der Krise merke, sehe es in Central Valley und in den Speckgürteln, wo der Suprime Markt seine Spuren hinterlassen ha, so aus wie in Detroit.

Dementsprechend unterschiedlich gestalteten sich auch die Arbeitslosenquoten. Läge sie im Silicon Valley bei knapp neun Prozent, erreiche sie nahe der mexikanischen Grenze fast dreißig Prozent. Ähnliches lasse sich über die Lohnentwicklung sagen. Ginge die Schere zwischen gut und schlecht bezahlten Jobs, zwischen Managern auf der einen und Landarbeitern und Dienstpersonal auf der anderen Seite, immer weiter auseinander, würden die gut bezahlten Jobs immer rarer. Allein in den neunziger Jahren habe Kalifornien einhunderttausend dieser gut dotierten Jobs verloren, während siebenhunderttausend neue Jobs entstanden seien, die mit zehn Dollar die Stunde entlohnt würden, Kassiererinnen, Kellner, Büro- und Küchenhilfen. Tendenz steigend!

Is California Finished?

Ganz offensichtlich realisiert sich hier bereits, was der amerikanische Handelsökonom Jagdish Bhagwati schon seit Längerem vermutet: Anders als in früheren Zeiten, wo technische Innovationen nach einer gewissen Zeit der Einführung zu „Einkommenssprüngen“ auf Seiten der abhängig Beschäftigten führten, trage die Computerisierung dazu bei, dass die Einkommen der amerikanischen Mittelschichten seit zwei Jahrzehnten stagnierten.

Belasteten bislang die Einführung Arbeitskräfte sparender neue Technologien die Einkommen nur für kurze Zeit, um sie danach wieder in die Höhe schnellen zu lassen, drücke die Informationstechnologie die Löhne gnadenlos nach unten. Dadurch würden auch alle Anstrengungen, die unternommen werden, um Kinder, Jugendliche und Jungerwachsene höher zu qualifizieren und zu besseren Jobs zu verhelfen, konterkariert.

Einen „Masterplan“, wie beides, das darbende Erziehungssystem und die „segmentierte Wirtschaft“, repariert werden könnte, sieht Judis hingegen nicht. Und die Hoffnung, dass sich der Sonnenstaat wie früher selbst erneuere, neu erschaffe oder sich gar am eigenen Schopf aus dem Sumpf herausziehen könnte, hat er auch nicht. Dafür sei das politische System mittlerweile zu verfahren, zu unbeweglich und zu zerrüttet. Eine Einschätzung, die auch andere ( Can America Fail) teilen.

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