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Nachrichten aus Kultur und Medien

"Der freie Wille ist eine Illusion"

17.05.2009

"Kritik der mörderischen Vernunft" ist ein ausnehmend gelungener Wissenschafts- und Philosophiekrimi aus der Welt der Hirnforschung.

Krimis oder Thriller sind Gegenwarts- oder Zeitgeistliteratur, die schnell reagiert und auch gerne einmal vorwegnimmt, was gerade erst vor der Tür steht. In ihnen werden, zumindest in den gelungenen, soziale, politische, technische und wissenschaftliche Trends erkundet und in einer spannenden Geschichte abgeklopft.

Einen der bislang besten Krimis, die wissenschaftliche Themen behandeln, hat meiner Ansicht nach Jens Johler mit seiner "Kritik der mörderischen Vernunft" geschrieben. Der Titel schreckt ab, weil er einen Anspruch suggeriert, der von einem Roman wohl kaum eingelöst werden kann. Macht er auch nicht, auch wenn sich die mörderische Hauptfigur, die gegen Neurowissenschaftler und ihre Experimente mit Tieren und Menschen vorgeht, das Pseudonym Kant gegeben hat und die Kantische Philosophie einen Resonanzboden für die im Rahmen der Erzählung geschickt eingespielten Überlegungen über die Ziele der Neurowissenschaften und ihren Ansatz abgibt, die Willensfreiheit zu leugnen und alles durch neuronale Prozesse zu erklären.

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Johler hat in dem Manifest Hirnforschung im 21. Jahrhundert (2004) von führenden deutschen Hirnforschern für seine "Kritik" einen guten Aufhänger für die Geschichte gefunden, auch wenn er dessen Inhalt zuspitzt. Einige der Hirnforscher, die die Willensfreiheit bezweifeln, lassen sich auch in den Krimifiguren wieder erkennen, überhaupt versucht der Autor, seine Geschichte mit Fakten zu unterlegen. Dargestellt wird sie aus der Perspektive des Wissenschaftsjournalisten Troller der fiktiven Berliner Zeitung Fazit und seiner Freundin, die dort als Kriminalreporterin tätig ist. Troller hatte bereits ein Buch gegen den "Terror der Wissenschaft" geschrieben, und wird durch eine mysteriöse Email mit dem Inhalt "Ich werde in dieser Nacht mit unserer praktischen Kritik beginnen" in die Anschläge auf die internationale Sippschaft der Hirnforscher und Neurophilosophen hineingezogen, die seine theoretische Kritik in die Tat umzusetzen scheinen.

Der "Kant" des Krimis ist dem Unabomber Ted Kaczynski nachempfunden. Der Mathematiker hatte Jahre lang durch Versenden von Briefbomben versucht, die technische und wissenschaftliche Elite in den USA zu bekämpfen, der er die Hauptschuld an den Niedergang der Welt und der Kultur zuschrieb ( Bomben aus der Wildnis). Zudem wird nebenbei noch eine mit der Entwicklung der Neurowissenschaften verbundene Verschwörung zum Thema, die von Lutz Dammbecks Buch und Film über den Unabomber angeregt ist. Aber es geht auch um kommerzielle Interessen, die hinter der Hirnforschung stehen, und um die Folgen der Zukunft, falls die Forschung es einmal ermöglicht, nicht nur die Gedanken zu lesen, sondern auch das Verhalten der Menschen zu steuern.

Eine anregende Lektüre, gut verpackt in eine spannende Geschichte. Ein Wissenschafts- und Philosophiekrimi, wie man ihn sich öfter wünschen würde. Vermutlich ist Johler die Geschichte auch deswegen so gut geglückt, weil er selbst der Hirnforschung und manchen ihrer Konsequenzen und Vertretern skeptisch gegenübersteht. Aber das wäre ein anderes Kapitel.

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