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Die Angst des Wolfgang Schäuble vor Geflüchteten

12.11.2015

Aus dem Kern der CDU löst sich ein Lawinen-Vergleich mit Flüchtlingen und zeigt die breite Basis für Ressentiments

"Lawinen kann man auslösen, wenn irgendein etwas unvorsichtiger Skifahrer an den Hang geht und ein bisschen Schnee bewegt“, sagte Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble am Mittwochabend auf einer Veranstaltung in Berlin. Nun muss es trotz des milden Herbstwetters kein Fehler sein, sich über Lawinen Gedanken zu machen, wenn man einen Skiurlaub in den Bergen plant.

Doch Schäuble redete nicht über den Winterurlaub, sondern über die Flüchtlingskrise. Ob die Lawine schon im Tal angekommen sei oder im oberen Drittel des Hanges, wisse er nicht, erklärte Schäuble. Damit hat er bewusst im Zusammenhang mit Geflüchteten eine Metapher gewählt, die eine Bedrohung signalisieren soll. Schließlich sind Lawinen eine Gefahr, die Tod und Verwüstung bringen und vor denen man sich so gut wie möglich schützen soll.

Ähnlich wie die Metapher von der Flut, die auf Flüchtlinge angewandt wird, wird mit der Lawine suggeriert, dass hier eine potentiell tödliche Gefahr bestehe. Sowohl die Flut wie die Lawine begraben Menschen unter sich? Was bedeutet es nun, wenn solche Begriffe auf Menschen angewandt werden?

"Die rechte Wut sickert in den Mainstream“

Unter der Überschrift die "Angst der alten Männer vor den Flüchtlingen" ist der Publizist Christian Schröder im Tagesspiegel mit entsprechenden Äußerungen von Botho Strauß und Rüdiger Safranski hart ins Gericht gegangen. "Die rechte Wut sickert in den Mainstream: Botho Strauß und Rüdiger Safranski klagen über die 'Flüchtlingsflut', einen Begriff der Rechten", analysiert Schröder.

Freilich hat nur wenige Wochen zuvor ein Tagesspiegel-Autor selber die Metapher von der Flüchtlingsflut benutzt. Schröder kommentierte das intellektuelle Geraune treffend so:

Deutschland geht unter, bald wird es spurlos im Nichts versunken sein. Jedenfalls wenn man den Intellektuellen glaubt, die nun Alarm schlagen. Sie verhalten sich wie Mitglieder der Bordkapelle auf der Titanic, die bekanntlich bis zum letzten Moment weiterspielte. Die Katastrophe konnten sie nicht verhindern, doch sie möchten noch möglichst lange zu hören sein. Ihre Hits klingen allerdings schon etwas alt und ranzig.

Doch, wenn Schäuble Methapern der Gefahr und des Untergangs verwendet, ist es auch populistisch und stellt eine Gefahr für die Geflüchteten dar.

Selbst wenn Schäuble vor seiner Wortwahl keine diskurstheoretischen Überlegungen angestellt hat, können sich diejenigen bestätigt sehen, die die Grenzen dicht machen wollen. Denn, wer will sich von einer Lawine erdrücken lassen? Es könnte sein, dass bald Menschen, die wegen Angriffe auf Geflüchtete oder ihre Unterkünfte angeklagt sind, sich darauf berufen, dass man eine Lawine stoppen soll, bevor sie gefährlich wird. Insofern kann eine solche Begriffswahl von führenden Politikern durchaus sogenannte Bürger zur Selbsthilfe ermutigen.

Aus Schäuble spricht der Kern der Union

Schäuble hat mit seiner Begrifflichkeit auch deutlich gemacht, dass die Union weiterhin ihre Basis versteht. Mit manchen Merkel-Äußerungen schien das in Frage zu stehen und die AfD hat davon profitiert. Aus Schäuble spricht der Kern der Union, für die Geflüchtete, vor allem wenn sie in großer Zahl kommen, noch immer mit Gefahr verbunden sind. Schäuble hat bereits in den letzten Tagen mehrmals deutlich gemacht, wie die Union tickt.

So hat er sich sofort hinter den Bundesinnenminister gestellt, als der scheinbar im Widerspruch zur Merkel-Union für weitere Einschränkungen bei den Flüchtlingsrechten eintrat. Ob er sich damit wirklich in Widerspruch zu Merkel befand oder es nur so schien, ist nicht klar. Schäuble jedenfalls kann mit seiner Positionierung wie schon in der Griechenland-Krise auch einen späten Trumpf auskosten.

Schließlich war Schäuble der Pate der Kohlära und galt als dessen Kronprinz. Merkel machte diesen Plänen ein Ende. Nun kann sich Schäuble als Stimme der Unionsbasis gegen die scheinbar unklare Merkel-Linie profilieren. Manche in der Union würden Schäuble gerne doch noch zum Kanzler machen.

Schon in der Griechenlandkrise wurde er zum Liebling des Boulevards. Mit seinen Einlassungen zur Lawine der Flüchtlinge hat er sich diese Position sicher erneut verdient. Er bedient damit aber nicht nur die Angst der alten Männer, wie Schröder in Bezug auf Strauß und Safranski meinte. Pegida und ähnliche Aktionen zeigen, dass die Basis für solche Ressentiments viel breiter und generationsübergreifend ist.

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