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Die Angst vor einem Währungskrieg steigt

09.10.2010

"Der Dollar ist unsere Währung, aber euer Problem." - Der autistische Währungskurs der USA und die Reaktionen in China, Japan und Europa

Der Klügere gibt nach. Oder ist China gegenüber den massiven Forderungen aus den USA eingeknickt, die dem Reich der Mitte vorwerfen, seine Währung künstlich zu verbilligen, um die Wettbewerbsfähigkeit hoch zu halten? Stets wird den Chinesen vorgehalten, das "Volksgeld" (Renminbi, die Einheit heißt Yuan) sei etwa 20% unterbewertet. Im derzeitigen US-Wahlkampf wird das Thema populistisch stark aufgebauscht und an sehr gefährlichen Gesetzen gebastelt. Mit Unterstützung der Opposition hat das Repräsentantenhaus der USA in der vergangenen Woche mit klarer Mehrheit (348 zu 79) ein Gesetz verabschiedet, das Handelssanktionen ermöglicht, wenn sich Länder durch "Währungsmanipulationen" einen unangemessenen Vorteil im Welthandel verschaffen.

China und der Dollar

Nun hat China erneut seine Währung aufgewertet (siehe China wertet auf). Peking führt den Aufwertungskurs fort, denn das Land hatte schon am 19. Juni die Koppelung des Renminbi an den Dollar gelöst, worauf der Wert der chinesischen Währung um gut 2% gestiegen war. Doch nun ist Peking einen deutlichen Schritt gegangen. Nun ist der Dollar nur noch 6,67 Yuan wert, und das war eine Aufwertung an nur einem Handelstag von 0,31% gegenüber dem Vortag. Dass der Schritt genau jetzt kam, ist kein Zufall, schließlich findet am Wochenende die Jahrestagung des Internationalen Währungsfonds (IWF) in Washington statt.

China beweist damit vor den Befürchtungen eines Währungs- und Handelskriegs Verantwortung und unterstreicht damit auch seine Ansprüche, nach der Reform des IWF einen deutlich größeren Einfluss in der Washingtoner Finanzorganisation zu erhalten. Peking wirft seinerseits den USA vor, sich auf einem gefährlichen Weg in den Protektionismus zu entry101005-080029: begeben. Denn nach Japan hat auch die USA begonnen, den Dollar massiv nach unten zu prügeln, um eigene Exporte zu verbilligen und darüber einen Ausweg aus den massiven wirtschaftlichen Problemen zu finden.

Der Arbeitsmarktbericht der US-Regierung

Dass in den USA im September erneut fast 100.000 Stellen vernichtet wurden, bringt die USA schwer unter Druck, denn die Arbeitslosigkeit steigt und steigt (siehe US-Wirtschaft mit Schüttelfrost, auch wenn die Quote weiter bei 9,6% stabil geblieben sein soll. Der Arbeitsmarktbericht der US-Regierung fiel deutlich dramatisch aus, als es ohnehin erwartet worden war.

Große Sorgen macht die enorme Zahl von Langzeitarbeitslosen, die ist längst auf einem Niveau angelangt ist, das nur mit dem in der Großen Depression in den 1930er Jahren vergleichbar ist. Die Angst vor einem Rückfall in die Rezession wächst in den USA weiter und deshalb wird händeringend nach einem Ausweg gesucht. So riskiert man in Washington sogar einen Währungskrieg und nicht mehr nur allein mit China, sondern auch mit Japan und Europa. Denn auch das Reich der aufgehenden Sonne sieht sein Heil vor allem, wie Deutschland, im Export und versucht mit allen Mitteln den Wert des Yen zu drücken.

Die deutsche Binnennachfrage

Dass es angesichts dieser Situation mit dem Aufschwung XXL in Deutschland nichts wird, den Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) schon am Horizont aufziehen sah, machen Aussagen aus Berlin deutlich. Zum Beispiel die Aussage von Bundeskanzlerin Angela Merkel, die plötzlich das begrüßt, was seit längerem in Deutschland gefordert wird: höhere Löhne. Anscheinend hat man auch in Berlin erkannt, dass die Entwicklung schnell einbricht, wenn sie nicht durch eine steigende Binnennachfrage gestützt wird. Merkel stellte sich damit hinter Brüderle, der erklärt hatte:

"Wenn die Wirtschaft boomt, sind auch kräftige Lohnerhöhungen möglich."

Sie ließ ihren Sprecher Steffen Seibert auch eine Kritik an den USA andeuten, die sich mit einem niedrigen Leitzins zwischen 0 und 0,25% ebenfalls klare Devisenvorteile verschaffen würden. Seifert zog sogar eine Parallele zwischen den USA und China. Das zeigt an, dass der Wind im internationalen Konkurrenzkampf rauer wird. Er erklärte zwar, die Bundesregierung teile die US-Kritik an der chinesischen Währungspolitik, doch fügte er folgendes an:

"Man kann nun aber natürlich auch argumentieren, dass auch die amerikanische Währung, indem extrem viel Liquidität dort in den Markt gepumpt wird, tendenziell dadurch abgewertet wird. Und auch das entspricht vielleicht nicht einem ganz realen Wert."

Ärger in der EU

Auch in der gesamten EU wächst der Ärger über den Washingtoner Kurs, die Exporte in fünf Jahren auch über eine gezielte Schwächung des Dollars um 50% zu steigern. Der streitbare Luxemburger Jean-Claude Juncker findet stets deutlich klarere Worte, als sie im Hause Merkels üblich sind. So sagte der Eurogruppenchef am Freitag zum Beginn der IWF-Herbstagung:

"Der Euro ist zu stark."

Der Ministerpräsident Luxemburgs hatte dabei den Wechselkurs im Blick, der um 1,4 zum Dollar schwankt und die deutschen Exporte längst wieder einbrechen ließ. "Ich glaube, der Dollar steht nicht in Einklang mit den zugrundeliegenden Fundamentaldaten", fügte Juncker an. Er weiß, dass es vor allem das starke deutsche Wachstum im 2. Quartal war, das der EU und dem Euroraum ein Wachstum von 1% von April bis Juni beschert hat. Das entstand vor allem über den Export und dazu trug entscheidend der schwache Euro im Frühjahr bei. Zeitweilig fiel er sogar unter die Marke von 1,2.

Merkel, Junker und Co wird langsam angst und bange. Klar, einige Euroländer wie Griechenland und Irland stecken schon wieder in der Rezession. Spanien und Portugal werden angesichts des harten Sparkurses folgen und der starke Euro fördert den Abschwung weiter.

Ja, sogar in Luxemburg geht es seit drei Quartalen deutlich bergab. Im 2. Quartal ist die Wirtschaft des kleinen Lands schon wieder um 0,3% geschrumpft. Bestätigt sich der Trend im dritten Quartal, gibt es ein weiteres Land in Europa, das offiziell zurück in die Rezession gefallen ist, womit sich der Double-Dip weiter in Europa festsetzt.

Abwertungsspiralen

Der Chef der Europäischen Zentralbank (EZB) hat den Ängsten vor einem Währungskrieg gerade neue Nahrung gegeben. Jean-Claude Trichet hatte von "unordentlichen" Bewegungen gesprochen und damit die Interventionen am Devisenmarkt kritisiert. "Wechselkurse sollten wirtschaftliche Fundamentaldaten widerspiegeln", sagte Trichet. Nicht nur Japan und die USA greifen über Interventionen in ihre Wechselkurse ein, sondern zuletzt hat auch Brasilien begonnen, sich mit Kapitalverkehrskontrollen gegen Kapitalzuflüsse zu wehren.

Wie gefährlich derlei Abwertungsspiralen sind, hat die Große Depression in den 1930er Jahren deutlich gemacht. Auch damals hat man sich auf den Kurs aus Währungsdumping und Protektion begeben, der schlussendlich die gesamte Weltwirtschaft in einem Abwertungsstrudel nach unten gezogen hat.

Der Währungsstreit wird deshalb, trotz der chinesischen Aufwertung, die IWF-Jahrestagung massiv bestimmen. Angesichts gefährlicher nationaler Alleingänge werden die Rufe nach einer besseren internationalen Zusammenarbeit immer lauter, um einen sich anbahnenden Währungskrieg abzuwenden. Der IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn nannte es zwar nachvollziehbar, dass einzelne Länder angesichts von Wechselkursnachteilen Kapitalimporte begrenzen wollten. Dies könne aber nur eine Zwischenlösung sein.

"Was wir brauchen, ist mehr Kooperation in der Währungspolitik."

Der Chefvolkswirt der von den USA dominierten Organisation versucht allerdings abzuwiegeln. Olivier Blanchard warnte seinerseits vor einer Nervosität wegen der Euro-Stärke: "Nichts hier ist besorgniserregend." Er rechne nicht mit einer weiteren Aufwertung des Euro, sondern erwarte, dass sich das Kursverhältnis zum Dollar wieder auf dem Niveau vor der Euro-Schuldenkrise im Frühjahr einpendeln werde. Ein frommer Wunsch, den die Regierung Obama hat andere Pläne.

Zu viel Liquidität

So war es der Chef der brasilianischen Notenbank, Henrique Meirelles, der von ernsten Turbulenzen an den Devisenmärkten sprach. Man müsse die Wirtschaft vor zu viel Liquidität schützen, forderte er. Doch angesichts der wirtschaftlichen Entwicklung ist in den USA zu erwarten, dass die Notenbank (FED) die Liquidität sogar noch weiter ausweitet. Schließlich hatte der FED-Chef erst kürzlich angekündigt, dass man die Notenpresse wieder auf Hochtouren bringen wird, um erneut Staatsanleihen zu kaufen.

Danach hatte Ben Bernanke angekündigt, man werde weitere "unkonventionelle Maßnahmen" einzuleiten, um zu verhindern, dass die größte Volkswirtschaft zurück in die Rezession rutscht. So warnt der Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz, dass Notenbanken in den USA, Europa und Japan die Welt mit ihrer extrem lockeren Geldpolitik ins Chaos zu stürzen. Die "Liquiditätsflut" destabilisiere die globalen Devisenmärkte, meint Stiglitz. Diese Politik "mag ein bisschen helfen - aber ist viel zu schwach, um die Probleme der USA und Europas zu beheben".

Letztlich fährt vor allem Washington seinen autistischen Kurs weiter, der kurzfristig den USA helfen soll, aber massive Probleme für die Weltwirtschaft bringen kann. Mehr als deutlich hatte das 1971 John Connally unverschleiert erklärt:

"Der Dollar ist unsere Währung, aber euer Problem."

Er war US-Finanzminister unter Richard Nixon und wies so die Kritik an der US-Währungspolitik zurück. An der Einstellung hat sich bisher nichts geändert, auch wenn das in der USA nicht mehr so deutlich gesagt wird und deshalb wächst die Einsicht, dass der Dollar als Leitwährung ausgedient hat, der den USA seit Jahrzehnten erhebliche Vorteile verschafft.

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