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Außer Kontrolle
Twister schreibt

Die Könige der ALGII-Empfänger-Herzen (Update)

Die Krokusse sprießen, die Sonne scheint... und auch die Politik findet zur Wärme in den Herzen zurück. Und kämpft um den "König der ALGII-Empfängerherzen"-Titel.

Die Geschichte des ALG II-Empfängers ist eine Geschichte voller Missverständnisse. Während sich einige Magazine noch dafür abrackern, endlich klarzustellen wie der gemeine ALGII-Empfänger so denkt, fabulieren sogenannte Hilfsvereine und Sozialromantiker, deren pfefferminzgetränkte Realismusabwehrtörtchen wunderbar funktionieren, davon, dass Arbeitslosigkeit systembedingt oder "systemisch" wäre, dass die bisherige Idee, Arbeit solle das Leben bestimmen, überholt ist etc. Uralte Science-Fiction-Heftchen werden aus der Erinnerungskiste aus dem Dachboden gekramt, akribisch vom Staub des Wahnwitzes befreit und dienen dann als Zeichen dafür, dass "früher" doch die Arbeitslosigkeit eben jene spätrömische Dekadenz bedeutete, die der derzeitige Außenminister glücklicherweise trotz seiner offensichtlichen wichtigen Themen wie den Afghanistaneinsatz, die Probleme bezüglich der Datenaustauschideen mit der USA, den Umgang mit dem Iran usw. noch anzusprechen weiß.

Außenminister Westerwelle, nach vielen Außenministern, die sich kleinkariert lediglich auf ihr Gebiet spezialisierten, endlich jemand, der auch in der Koalition nicht vergisst, dass er irgendwie immer in der Opposition ist und sich um die Leistungsträger kümmern muss, gibt sich redlich Mühe, hier der Sozialromantik einen Riegel vorzuschieben und den Finger in die blutende Regelsatzwunde zu legen. Nicht aber um dort noch Salz hineinzustreuen, sondern um, einem Apotheker gleich, hilfreich zur Seite zu stehen, wenn es um ALG II-Probleme geht.

Denn eine Vielzahl von ALG II-Empfängern ist schlichtweg unglücklich. Aber nicht etwa weil sie mittlerweile fast pauschal als Sozialschmarotzer angesehen werden oder in Einzelfällen mal ArGe-Angestellte ein wenig harsch reagieren - nein, diese Menschen langweilen sich. Was sollen sie denn den lieben langen Tag machen? Bewerbungen schreiben, das Becksche Wellnessritual (waschen, rasieren) vollenden, ein wenig in der sozialen Hängematte schaukeln, sich dem Alkohol und den Zigaretten hingeben und etwas Unterschichtenfernsehen sehen oder politische Talkshows (was nicht selten das gleiche ist). Und dann?

Anders als der gemeine Politiker hat der ALG II-Empfänger, wenn er nicht gerade dem Idealtypus entspricht, selten Gelegenheit, von Aufnahme zu Aufnahme, von Interview zu Interview zu hüpfen, sich mit markigen Sprüchen zu Wort zu melden oder gar an Arbeitsessen etc. teilzunehmen. Die psychologisch begründeten Folgekosten dieser frustrierenden Langeweile sind gar nicht auszudenken. Oder, um im Zierkeschen Jargon zu bleiben: das könnte zu der schlimmsten Katastrophe führen, die wir uns ausmalen können. Undenkbar, unglaublich grausam, unfassbar schrecklich.

Aber im März, da die Sonne den Schnee zum Schmelzen bringt, entdecken auch Politiker ihre im Winter kaltgewordenen Herzen zurück und eine warme Welle des Beschützertums bricht über die ALG II-Empfänger herein. Niemand wird ausgelassen und fast keine Partei zeigt sich nicht voller Herzensgüte. Es ist wunderbar zu lesen, dass der amtierende Bürgermeister Berlins, Herr Wowereit, beispielsweise den "alleinstehenden, arbeitsfähigen jungen Mann, der nicht arbeiten wolle", unter seine Fittiche nehmen will und ihn durch "Kürzungen beflügen will". Beflügeln - das klingt ein wenig so als würde Herr Wowereit persönlich den Herren in die Arme schließen und ihm sagen: "Du, Du hast einfach noch nicht verstanden, dass wir es gut meinen. Aber warte mal ab, wenn Du nur lange genug mit wenig oder gar keinem Geld auskommen musst, dann wirst Du das verstehen und froh sein, dass wir dir geholfen haben."

Auch die Alkoholiker sollen nicht, wie bisher, am Rande stehen, sondern miteinbezogen werden. Entzug und Therapie soll organisiert werden damit auch der letzte rotnasige, seit Jahren arbeitslose Alkoholiker wieder in die fröhliche Gruppe der Arbeitenden eingemeindet werden kann. Welches Potential liegt in dieser Idee! Heerscharen von Streetworkern können demnächst die Parkbänkebelagerer aufsuchen und ihnen klarmachen, dass sie, statt sich zu durch Betteln durch den Tag zu kämpfen, demnächst, wenn sie erst wieder "fit" sind, jeden Morgen für ein paar Euro mehr als bisher durch einen arbeitsreichen, erfüllenden Tag zu neuem Glück finden können. "Nein, mein Junge... gib das Geld nicht für den lebensnotwendigen Alkohol aus... spare für einen Anzug, bilde dich fort, pflege dich und schon wird dir ein Arbeitsplatz gegeben..." So schön kann märzliche Politikerliebe sein (dass der Alkoholiker durch einen kalten Entzug bestimmt viel mehr beflügelt werden kann, lassen wir mal außen vor...).

Und für diejenigen, die jetzt wieder mit dem althergebrachten Mantra, dass es nicht genug Arbeit für alle geben würde, ankommen: Erstens gibt es genug Arbeit, nur kann diese auf Grund der wirtschaftlichen Lage nicht bezahlt werden, weiß doch jeder. Und zweitens geht es doch zunächst darum, den armen Arbeitssuchenden, die ob ihrer Arbeitslosigkeit voller Schuldgefühle gegenüber dem Staat nicht wissen, was sie tun sollen, zu helfen. Damit auch der psychisch Kranke, der Alkoholkranke oder der Arbeitsunwillige, demnächst wieder zur Sonne und zur Freiheit... pardon, Arbeit gehen kann. Mit gesundem Geist und gesundem Körper und dem Wissen, dass er nun endlich für die Gemeinschaft, die ihn seit Jahren (er)trägt, auch etwas tun kann. Ein Angebot, so die derzeitige SPD-Spitzenkandidatin in NRW, Hannelore Kraft, das diesen Menschen wieder eine Perspektive gibt, sei notwendig. Und genau dieses soll es geben. Einen sinnvollen gemeinnützigen Arbeitsmarkt eben, an dem diese verzweifelten Menschen teilnehmen können, ohne dass sie vom Gedanken an den schnöden Mammom abgelenkt werden, den ggf. dann andere durch sie verdienen. Denn die Perspektive ist wichtig, nicht etwa die Bezahlung. Und wer in diese wunderhübsche, durch die Märzsonne beleuchtete Kristallkugel schaut, deren herzerwärmende Regenbogenfacetten schon einige Menetekel an die Wand werfen, der hört vielleicht doch jenen Herrn Barnabas im Hintergrund leise lachen, der ob seines Arbeitslagervergleiches sehr schnell den Hut nehmen durfte.

Was spricht eigentlich dagegen, Meschen, die schon jetzt alleine und verzweifelt sind, durch das Zusammenleben mit anderen wieder zu mehr Fröhlichkeit zu verhelfen? Wenn wir schon dem Alkoholiker durch Entzug und Therapie zu mehr Perspektive verhelfen wollen - was ist mit all jenen, deren äußeres Erscheinungsbild derzeit problematisch ist? Warum nicht auch mit Frühsport, Ausdauertraining, einer gesunden Ernährung, positivem Denken, gemeinschaftlicher Fortbildung und einem geregelten Tagesablauf in einer kontroll... nein, in einer mit freundlichen Helfern ausgestatteten Einrichtung die Chancen erhöhen? Kultur etc. kann man auch ohne Geld bieten und Studenten etc. kommen schon jetzt mit wenig Platz aus, ohne dass dies der Menschenwürde nicht entspräche. Warum überhaupt noch Geldleistungen, wenn schon beim Thema "mehr Geld für die Kinder" auf Sachleistungen gebaut werden soll? Wenn zu befürchten ist, dass der gemeine "Hartzie" sowieso alles versäuft und vertelefoniert, dann muss dem ein Riegel vorgeschoben werden. Und warum nicht schon durch ein Logo, dass die Einrichtung ziert, bereits klarmachen, worum es geht? Bei der Agentur für Arbeit geht es doch auch.

Wie der FDP-Generalsekretär sagt: die SPD muss wieder zur Tradition des Fördern und Forderns zurückkehren, zur Tradition des Gerhard Schröder, der voller Sorge um die Arbeitssuchenden einen Niedriglohnsektor aufbaute und sich dessen stets rühmte, zur Tradition eines Herrn Wolfgang Clement, der sich nicht scheute, seine eigene Reputation durch falsche Missbrauchszahlen, die er in Talkshows wiederholte, aufs Spiel zu setzen, um den Arbeitssuchenden durch "sanften Druck zu beflügeln".

Beflügeln ist das Zauberwort, sanfte Erziehung, sanfte Kontrolle, freundliches Miteinander statt feindliches Gegeneinander. Ja, die ALGII-Empfänger werden in eine wollig-weiche Decke aus Mitgefühl eingewickelt, die höchstens einmal kurz aufgerollt wird damit sie die Eingliederungsvereinbarung unterschreiben können. Und zu Weihnachten gibt es dann einen Gasgutschein, eine Clementine und ein etwas verhartztes Beißholz, während der siebenköpfige Kinderchor singt "Morgen, Kinder, wird´s was geben."

Update: In die Riege der liebevollen Unterstützer hat sich nun auch der DGB eingereiht. "Wir brauchen die Diskussion über einen dritten kommunalen Arbeitsmarkt für Menschen, die so viele Handicaps haben, dass sie in reguläre Beschäftigung nicht zu vermitteln sind", heißt es vom DGB. Natürlich.. natürlich... immerhin sie werden überhaupt in irgendwelche '"Verhältnisse" gepresst.

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