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Nachrichten aus Kultur und Medien

Die Kraft einer Stimme

08.02.2011

"We fight for our rights": Das TV-Interview mit der gestern freigelassenen Ikone der Protestbewegung, dem Google-Manager Wael Ghomin

An diesem Interview dürfte die Propagandamaschinerie des ägyptischen Regimes zu kauen haben. Es wurde gestern Abend im ägyptischen DreamTV-Kanal gesendet und kursiert auf allen Kanälen; mittlerweile ist es auf You-Tube ( mit englischen Untertiteln) zu sehen; mit Unterstützung von Twitter wird es größere Kreise ziehen. Für das bekannte ägyptische Blog "The Arabist", das über eine große Reichweite verfügt, hat das Interview mit Wael Ghomin das Potential für einen "Relaunch der Revolution".

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Ghonim, ein "Google-Executiv" - und wie er in einem anderen Interview bestätigte - als all1: El Shadeed Admin einer der Facebook-Seiten, welche die Demonstrationen seit dem 25. Januar organisierten, war seit dem 28.Januar in Haft, in einem "State Security"-Gefängnis; die Augen verbunden, ohne Kontakt zur Außenwelt, ohne Nachrichten; gefoltert wurde er aber nicht, sagt er im Interview mit der ägyptischen Moderatorin Mona Shazli. Über Twitter wurde von zahlreichen Anhängern immer wieder seine Freilassung gefordert, seine gestrige Freilassung war eine große Nachricht für jeden, der mit der Protestbewegung sympathisiert.

In dem bewegenden Interview argumentiert Ghonim eindringlich, mit der Überzeugungskraft eines Mannes, der sich auf wahrhaftige Motive stützt, gegen die Diskreditierung der Protestbewegung und seiner Person als "Landesverräter". Der Vorwurf "Verräter" werde zur Zeit jedem gemacht, der gute Absichten habe, weil Böse-sein die Norm sei", so Ghonim in seiner Replik auf die Bezichtigungen:

"Anyone with good intentions is the traitor because being evil is the norm."

Er will sich nicht als Held feiern lassen, habe er doch die ganze Zeit seiner Haft "geschlafen", während die anderen, die wirklichen Helden auf der Straße ihr Leben riskierten. Die seien auch nicht vom Ausland gesteuert, wie behauptet werde. Ihm ist es im Interview vor allem wichtig, die Gemeinschaft, die "Liebe zu Ägypten", herauszustellen.

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Darin geht er soweit, dass er sogar seine Verhörer und das Personal im Gefängnis als Patrioten schildert, die aus "Liebe zum Land" handelten (Einfügung - es geht aus den übersetzten Untertitel allerdings nicht ganz klar hervor, wieviel Ironie, bzw. Sarkasmus dem beigemischt ist; andere Äußerungen lassen das zumindest ahnen). Schon zu Anfang des Interviews erklärte er alle, nicht nur getötete Demonstranten, sondern auch Opfer unter der Polizei und den "Sicherheitskräften", seien Märtyrer. Das richtet sich eindringlich gegen die Propaganda-Rethorik des Staates, welche die Proteste als "nicht-ägytisch", "ägypten-fremd" darzustellen versucht - um damit Distanz zwischen der Protestbewegung und der Bevölkerung zu schaffen und diese Kluft ständig auszubauen.

Seine brückenschlagenden Aussagen unterstreicht er im Interview dadurch, dass er auf Gespräche mit dem Gefängnispersonal, wo er intellektuelles Interesse ausgemacht hat, und mit dem Innenminister eingeht - mit dem Hinweis, dass auch sie ihn dafür respektiert hätten, dass es ihm und den Demonstranten nicht um "Zerstörung", sondern um Ägypten ginge. Im besten Interesse kämpfe die Protestbewegung für ihre Rechte, gegen den "Müll", der sich in Ägypten angesammelt habe. "We fight for our rights."

$(LE

Spätere: Ergänzung

: Ghomin geht bei der Beurteilung seiner "Gastgeber" im Gefägnis nicht so distanzlos um, wie das manche Kommentare mutmaßen, er grenzt sich deutlich ab: "Inside I met people who loved Egypt [State Security people)$ but their methods and mine are not the same. I pay these guys' salaries from my taxes, I have the right to ask the ministers where my money is going, this is our country."]

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Man habe von Anfang an darauf Wert gelegt, dass die Proteste ordentlich verlaufen, ohne Gewalt. Jede andere Zuweisung sei falsch, betont Ghonim immer wieder, mit großer Erregung. Mit den Bildern von den Toten konfrontiert, schluchzt er und verlässt das Studio - zuvor hatte er allerdings sehr klar geäußert, dass dies nicht seine Schuld oder die der Protestbewegung sei.

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Die Zahl der Toten, die wahrscheinlich zum allergrößten Teil auf angeheuerten Mob, Banden der Polizei, Mitgliedern des Sicherheitsdienstes und des Innenministeriums zurückgeht, wird durch neuere Veröffentlichungen immer höher angesetzt. Human Rights Watch geht derzeit von mindestens 297 Toten aus. Das ist ein weiteres Argument der Protestbewegung gegen die offizielle Rhetorik, die versucht, Stimmung gegen die chaotischen, unägyptischen Demonstranten zu machen.

"I thought that the next step for the people in Tahrir would have been to retake the initiative by suggesting its own roadmap for transition, or focusing on the many deaths and reports of the use of snipers that are coming out". The Arabist

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