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Nachrichten aus Kultur und Medien

Die Ökonomisierung der Gefühle

23.10.2009

Der Ratgeber- und Selbsthilfemarkt boomt. Eva Illouz weiß warum. Der therapeutische Diskurs prägt die moderne Gesellschaft.

Wer jüngst einen Rundgang auf der Frankfurter Buchmesse unternommen hat, der wird eine große Diskrepanz ausgemacht haben zwischen dem, worüber die Medien berichten, und dem, was er dort selbst in Augenschein nehmen konnte. Von all dem, wovon jüngst die Rede war, vom Wettstreit um das E-Book, von chinesischen Dissidenten oder vom Ballyhoo um Herta Müller und Kathrin Schmidt merkte der gemeine Besucher nur wenig.

Wer bin ich?

Dafür stach ihm, wie all die Jahre zuvor, wieder etwas anderes ins Auge, nämlich die schiere Überfülle an Psycho- und Ratgeberliteratur, die dem Leser verspricht, ihm bei der Suche nach sich selbst zu helfen. Allem Anschein gibt es für diese Form der Anleitung zur Selbsthilfe, Selbstfindung und zum Glücklichsein nach wie vor eine ungebremste Nachfrage – trotz oder gerade wegen der Krise.

Doch nicht nur in Frankfurt kann man diese Entdeckung machen. Auch am Kiosk, am Bahnhof oder Flughafen locken unzählige Familien-, Eltern- und Fitnesszeitschriften, die die Reparatur wunder Seelen oder die Heilung verkorkster Paarbildung geloben und auf so dringliche Fragen Rat wissen wie: Führe ich meine Mitarbeiter richtig? Gibt ein Seitensprung meiner Beziehung neuen Drive? Ernähre ich mein Kind auch gesund? Oder auch im Fernsehen, wo beim Show-Talk mehr oder weniger Prominente bereitwillig ihr Innersten entblößen und frustrierte Großstädter in allabendlichen Serien ihre Neurosen pflegen.

Spiele, die wir spielen

Eine Erklärung dafür liefert die Kultursoziologin Eva Illouz, die an der Hebrew University in Jerusalem unterrichtet und vor fünf Jahren die Adorno-Vorlesungen in Frankfurt bestritten hat. Sie zeigt, wie die "therapeutische Perspektive" mit ihren Begriffen, Modellen und Erzählungen Zug um Zug in nahezu alle Bereiche der modernen Gesellschaft eingedrungen ist – in Unternehmen und Armee, in Massenmedien und Popkultur, in Schule und Erziehung, und mittlerweile zum "wichtigsten Kode" geworden ist, um das Selbst auszudrücken, zu gestalten oder anzuleiten.

Anders als etwa Michel Foucault oder Richard Sennett geht es Illouz nicht um jene "kulturelle Praktiken", die das Subjekt zu dem machen, was es angeblich mal war oder wie es künftig sein sollte, sondern sie will einfach zeigen, was der "therapeutische Diskurs" für das Arbeits- und Intimleben der Menschen "leistet" und warum seine Sprache und seine Inhalte überhaupt in diesem Maße triumphieren konnten. Wohltuend ist, dass sie seine Karriere nicht an irgendeinem Ideal misst, sondern mehr oder weniger urteilsfrei referiert, welche Spiele wir spielen, wenn wir uns darauf einlassen.

Das neuzeitliche Drama um die "moderne Seele" beginnt, wie sollte es auch anders sein, vor mehr als hundert Jahren, als Sigmund Freud die Bühne betritt und seinen viktorianischen Blick auf die "Pathologien des Alltagslebens" lenkt. Durch den Wiener Seelendoktor, glaubt Illouz, erfahren wir, dass "das ereignislose und banale Reich des Alltäglichen der maßgebliche Schauplatz" für die Ausbildung des Selbst ist, für dessen Errichtung, aber auch für dessen Zerstörung.

Diese Überfrachtung des vormals Trivialen und Belanglosen mit Sinn zeitigt Folgen, unübersehbare sogar, wie wir heute erkennen und beobachten. Seit Freud wird das Selbst nicht nur zum Objekt eines es durchmessenden und durchdringenden Blicks und Diskurses, es wird auch zum Akteur und Dramaturgen seines Ichs, das sein eigenen Lebens inszeniert.

Auf fruchtbaren Boden

Die Kultursoziologin zeichnet den Siegeszug, den das Freudsche Vokabular von Wien aus nimmt, noch einmal nach. Neben der Überzeugungskraft des Wiener Arztes und seiner Sensibilität für die Probleme des modernen Lebens, waren es vor allem glückliche Umstände und Zusammenkünfte, die den Aufstieg des Freudschen Textes begünstigten und ihm den unheimlichen Erfolg beim Publikum bescherten.

Als beispielsweise Freud auf seiner Vortragsreise in den USA vor genau hundert Jahren seine Gedanken an der Clark University darlegte, war die versammelte psychiatrische und neurologische Elite des Landes zugegen, die danach seine Vorstellungen aufgrund der ihnen zur Verfügung stehenden Netzwerke und Ressourcen in die unterschiedlichsten Foren der Gesellschaft trugen. Bereits zwei Jahre später, 1911, wurde die erste US-amerikanische Psychoanalytische Gesellschaft in New York gegründet.

Hinzu kam, dass der amerikanische Kontinent sich durchaus offen für "spirituelle Heilverfahren" zeigte. Gleichzeitig fand die Psychoanalyse mit dem Sprung über den Atlantik Anschluss an die dortige Kulturindustrie, an Film und Werbung, die ihre therapeutische Sprache in visuelle Symbole und Erzählmuster übersetzten und so einen Markt für einen neuen Berufsstand schufen, den der Psychologen.

Schließlich passte die Lehre auch wunderbar zum optimistischen American Way of Life und zum gesellschaftlichen Umbruch, der sich gerade in Familie und Sexualität in den USA vollzog. Mit dem neuen Ideal vom individuellen Streben nach Glück und Autonomie, bot Freud den Menschen einen neuen Interpretationsrahmen, um diesen Wandlungsprozess zu organisieren.

Emotionale Selbstkontrolle

Rasch nahm auch die Arbeitswelt Besitz vom therapeutischen Vokabular. Als der Harvard-Professor Elton Mayo Mitte der 1930er insbesondere Arbeiterinnen in den "Hawthorne-Werken der Western Electric Company zu ihrem Wohlbefinden am Arbeitsplatz befragte und dabei feststellte, dass Konflikte vor allem auch eine Folge blockierter Emotionen, Charaktereigenschaften oder psychischer Disharmonien sein konnten, wurde die Bedeutung von Emotionen und zwischenmenschlichen Beziehungen für die Produktivität und Effizienz eines Unternehmens schlagartig klar.

Dies führte alsbald zur Aufwertung "weiblicher Kommunikationsstile", zum Einzug eines "neuen emotionalen Stils" in Unternehmen, der "maskulines" Durchsetzungsvermögen mit "femininem" Einfühlungsvermögen paart. Mittlerweile wird die "emotionale Intelligenz" durch den Markt geradezu gefordert und gefördert. Nach der "fachlichen" und "moralischen Kompetenz" ist sie zur entscheidenden Führungsqualität geworden. Nur wer zuhören und sich in andere hineinversetzen kann; wer mit anderen kooperieren und mit den Augen der anderen zu sehen gelernt hat; wer Interessen und Erwartungen, sowohl der eigenen als auch der anderen, kommunizieren und sich von Wut, Zorn oder Frustration distanzieren kann, gilt als geeigneter Mitarbeiter und erfolgreiche Führungsperson.

Attraktive Männer

Auch auf dem Gebiet der Intimität veränderten sich die Tradierten Geschlechterrollen immens. Der "therapeutische Diskurs" zwingt die Männer dazu, eine eher "weibliche Haltung zum eigenen Selbst einzunehmen". Klagen Frauen Rechte und Bedürfnisse ein, müssen Männer fortan Emotionalität zeigen und diese zugleich artikulieren und kommunizieren können. Längst regiert auch in modernen Schlafzimmern die emotionale Selbstkontrolle. Erwartet wird vom männlichen Partner, dass auch der Sex (zumindest ab einem gewissen Bildungsgrad) nach fairen und für beide gleichen und transparenten Diskursregeln gestaltet und geführt wird.

Richtig attraktiv ist und wird ein Mann erst, erklärt eine alleinstehende Highschool-Lehrerin mit einem Diplom in Literatur, wenn er eine Therapie macht. Nach Meinung der Achtundzwanzigjährigen bedeute dies, dass er "Zugang zu seiner weiblichen Seele" hat und folglich "gesprächig, gefühlvoll und verständnisvoll" ist. "Um heute zu gewinnen", weiß Maureen Dowd, die bekannte Kolumnistin der New York Times ( What's a Modern Girl to Do?), "müssen sich Männer femininisieren." Andernfalls würden sie überflüssig ( 'Are Men Necessary?': See the Girl With the Red Dress On).

Die Verunsicherung wächst

Nichts könnte den "allgemeinen Trend zur emotionalen Androgynität" besser charakterisieren als das. Die Frage ist nur, ob Partnerbeziehungen, Arbeitsverhältnisse und Führungsverhalten durch den "emotionalen Stil" einfacher oder nicht doch noch komplizierter werden als sie eh schon sind. Illouz tendiert allem Anschein nach mehr zum Letzteren. Sie scheint der Überzeugung zu sein, dass die Selbsthilfeindustrie die Widersprüche der modernen Identität vertieft und damit das Leiden und die Verunsicherung der Menschen eher verstärkt als löst.

Abzulesen ist das an der Kategorie der "Gesundheit", die durch die "Human Relations"-Bewegung und namhafte Psychologen wie Erik Erikson, Carl Rogers oder Abraham Maslow zum Codewort für "Selbstverwirklichung" und Intimität" wurde. Wer dieser natürlichen, angeborenen Tendenz zur "Gesundheit" nicht folgt, gilt mithin als krank, deformiert oder dysfunktional und der Therapie für bedürftig. Für das Selbst bedeutet dieser emotionale Wert, dass es zur Pflicht wird, sich ständig selbst zu aktualisieren und einem ebenso flüchtigen wie diffusen Ziel der Selbstverwirklichung nachzujagen.

Es verwundert daher nicht, dass die Ausweitung der Kategorie der psychischen Erkrankung, Hand in Hand mit den finanziellen Interessen ärztlicher Verbandsinteressen und der Pharmaindustrie geht. In den USA war fast die Hälfte der Bevölkerung schon einmal beim Psychiater, während der Ritalin-Konsum exorbitante Ausmaße annimmt. Allein die Umsätze, die die Selbstverbesserungsindustrie mit Büchern und Seminaren, visuellen Formaten und Coaching-Angeboten in den USA macht, werden auf jährlich zweieinhalb Milliarden US-Dollar geschätzt. Womit wir wieder bei der Buchmesse wären.

Eva Illouz: Die Errettung der modernen Seele. Therapien, Gefühle und die Kultur der Selbsthilfe. Aus dem Englischen von Michael Adrian. Frankfurt: Suhrkamp 2009, 412 S., 26,80 €.

Maureen Dowd: Are Men Necessary. When Sexes Collide. New York: G. P. Putnam's Sons, 338 pp., $25.95

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