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Die Schmuddelkinder der gegenwärtigen Überwachungsdebatte

02.12.2014

Wer sich die Frage stellt, warum die DNA-Sammelwut kaum auf Widerstand stößt, muss sich mit dem Bewußtsein in der Bevölkerung kritisch befassen

Einen Adventskalender zur digitalen Selbstkontrolle hat die Initiative Digitalcourage kreiert "Vom ersten bis zum 24. Dezember öffnet sich jeden morgen ein Türchen: Statt Schokolade finden sich dort Tipps zur digitalen Selbstverteidigung“, heißt es in der Pressemitteilung der Organisation. Doch die biologische Vorratsdatenspeicherung wird dort sicher keinen großen Stellenwert einnehmen.

Unter diesen Begriff bezeichneten die beiden Mitarbeiterinnen des Gen-ethischen Netzwerkes Susanne Schultz und Uta Wagenmann die DNA-Sammelwut. Das GeN hat kürzlich ein Buch herausgegeben, das sich der Frage widmet, warum das Sammeln der DNA-Daten selbst in überwachungskritischen Kreisen so wenig thematisiert wird.

Während ein Max Schrems mit dem Ruf "Kämpf um Deine Daten“ Facebook und anderen Internetgiganten zumindest Nadelstiche verletzt, sind die DNA-Datenbanken im letzten Jahrzehnt weltweit gewachsen.So schreibt der Politikwissenschaftler Eric Töpfer:

Was als "Kopfgeburt" des deutschen Innenministers Otto Schily (SPD) begann, wird langfristig ein multilaterales Netz von Datenbanken, in denen EU-weit schon jetzt die DNA-Profile von knapp 10 Millionen Menschen gespeichert sind.

Doch eine ähnliche Gegenbewegung, wie sie gegen die EU-Richtlinie zur Vorratenspeicherung entstanden war, und die sicherlich zu ihrem Scheitern beitrug, ist gegen DNA-Datenbanken nicht in Sicht.

Gute Lobbyarbeit für DNA-Vorratsdatenspeicherung?

Die Frage nach den Ursachen ist sicher nicht einfach zu beantworten. Schließlich gab es noch in den 1980er Jahren eine relevante gentechnikkritische Bewegung, die sich auch schon über DNA-Tests Gedanken machten, bevor die technischen Möglichkeiten dazu ausgereift waren. Diese kritische Haltung war vor allem in feministischen Kreisen stark verankert, umfasste allerdings auch Wissenschaftler und Mediziner.

Das Genethische Netzwerk steht in der Tradition dieser kritischen Strömung. Wenn man sich fragt, warum die DNA-Sammelwut so wenig öffentlich wirksam kritisiert und überprüft wird, muss man auch auf die Akzeptanz zu sprechen kommen, die die Gentechnik in vielen anderen Bereichen in den letzten Jahren erfahren hat. Ihr wird noch immer zugetraut, dass sie gesellschaftliche Probleme lösen kann.

Deshalb stößt auch eine Propaganda auf offene Ohren, die die DNA-Tests als Waffe gegen Verbrechen wie Vergewaltigung und Mord anpreist. So zum Beispiel im Zusammenhang mit der Firma Thomas Honeywell Gouvernmental Affairs, die bei ihrer Lobbyarbeit für die DNA-Technologie auch mit Opfern von schweren Verbrechen arbeitet.

Zu den Sponsoren dieses Lobbyunternehmens gehört unter anderem das Unternehmen Life Technologies, einer der führenden Anbieter auf dem Gebiet der DNA-Industrie. Wie bei aller Lobbyismuskritik ist es allerdings auch im Fall der DNA-Werber angebracht, deren Bedeutung nicht übermächtig erscheinen zu lassen.

Eine gute Lobbyarbeit trägt sicher zu einer Popularisierung der von ihnen beworbenen Produkte bei, was ja schließlich deren Aufgabe ist. Doch die kann nur solche Früchte tragen, wenn es in großen Teilen der Gesellschaft Denkmuster gibt, die durch die Lobbyarbeit verstärkt, aber nicht erzeugt werden kann. Dazu gehört sicher der Wunsch, als gesellschaftlich störend Empfundenes mittels einer modernen Technologie bekämpfen und einschränken zu können.

Diese Vorstellung, die der wissenschaftlichen und technischen Revolution vorausgegangen ist, wurde populärer, als sich mit der Entwicklung der Gentechnologie die wissenschaftlichen Möglichkeiten boten, solche Utopien oder Dystopien in die Realität umzusetzen. Wenn viele Autorinnen und Autoren des Gen-ethischen Netzwerkes nachweisen, dass DNA-Analysen in Deutschland längst nicht nur oder nicht einmal in erster Linie bei Schwerverbrechen, sondern auch bei Kleinkriminalität wie Diebstahlsdelikten angewandt wird, so stößt diese Maßnahmen bei dem Teil der Bevölkerung nicht auf Kritik, der sich eine wissenschaftliche Bekämpfung gesellschaftlicher Probleme wünscht.

Daher setzt eine kritischere Haltung zur DNA-Datensammelwut eine Problematisierung der Vorstellungen voraus, mit technologischen Mitteln gesellschaftliche Probleme angehen zu können. Wenn Schultz und Wangenmann kritisieren, dass die DNA von Unterprivilegierten und rassistisch diskriminierten Gruppen überdurchschnittlich häufig erfasst wird, korrespondiert das mit einem weit verbreiteten sozialchauvinistischen Bewusstsein, das diese Gruppen schnell in die Nähe von Kriminalität rückt.

Finger weg von meiner DNA

Dass parallel dazu Kampagnen gegen die DNA-Sammelwut, wie sie das gen-ethische Netzwerk immer wieder initiiert, sinnvoll sind, ist unbestritten. Sie dienen der Aufklärung und haben Informationen geliefert, auf die dann Gruppen zurückgreifen konnten, als sie selber zur DNA-Probe aufgefordert wurden. Das kann ganz unterschiedliche politische Zusammenhänge ebenso betreffen wie Menschen, die in der Nähe von Orten wohnen, an denen ein Verbrechen geschehen ist.

Sich dann den geforderten DNA-Reihenuntersuchungen zu verweigern, ist schon ein Akt der Zivilcourage Schnell kann zum Verdächtigen werden, wer eine solche "freiwillige" Reihenuntersuchung ablehnt.

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