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Übermensch
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Die USA legalisieren die medizinische Anwendung von Cannabis

Wohin führt die Abgabe von Marihuana?

Über die vergangenen Jahre hatte sich immer deutlicher gezeigt, dass Cannabis bei einigen Krankheiten hilft. So lindert es in manchen Fällen chronische Schmerzen, ebenfalls nachgewiesen ist die appetitanregende Funktion. In den USA ist daher in mittlerweile 14 Bundesstaaten Patienten die Anwendung von Marihuana oder Haschisch erlaubt, es soll an die 300.000 autorisierte Cannabis-Nutzer geben. Aber die Regierung unter George W. Bush wehrte sich strikt gegen die Zulassung von Hanfprodukten als Medizin. Mehr noch, sie bekämpfte die Anstrengungen einzelner Bundesstaaten, Cannabis für Schwerkranke zugänglich zu halten. So war auf regionaler Ebene legal, was auf Bundesebene illegal war.

Ab sofort wird keine Strafverfolgung nach Bundesrecht mehr geben, sofern der Gebrauch medizinisch begründet ist. Dies gab das Justizministerium in Washington am Montag bekannt. Das sorgt zwar für Begeisterung in der Hanf-Lobby, dürfte aber über kurz oder lang zu neuen Problemen führen. Denn die Verschreibungen sind in einigen Bundesstaaten schon heute aus dem Ruder gelaufen, Herkunft und Vertrieb des heilkräftigen Krauts bewegen sich nach wie vor in einer Grauzone. Nun sind neue Lösungen gefragt.

Bislang organisieren sogenannte Cannabis-Clubs oder "dispensaries" die Abgabe an die Patienten. In einigen erhält man nur Cannabis, wenn man ein ordentliches Clubmitglied ist. Bei anderen reicht es aus, wenn man am Eingang seine Rezept vom Arzt vorzeigt. In beiden Fällen offenbart sich dann eine breite Auswahl an Therapeutika. Verschiedenen Sorten, meist grob nach Sativa und Indica und ihres Wirkungsgrades getrennt, Öle, Butter und Kekse sind in unterschiedlichen Mengeneinheiten zu kaufen. Ein typischer Beutel mit einer 1/8 Ounce (3,5 Gramm) kostet 50 Dollar. In einigen Clubs zahlen arme Kranke nichts für ihr Gras, die anderen Klienten tragen dieses Modell. Sogar Haschisch gibt es auf Rezept.

Die Hochburg dieser Entwicklung ist Kalifornien. Alleine hier sind über 15.000 Patienten registriert, deren Genehmigungen für Rauschhanfmedikation gelten ein Jahr lang. San Francisco hat seinen "Medical Cannabis Act" bereits 2005 erlassen, damit wurde ein Entwicklung angestoßen, von der selbst die Cannabis-Befürworter nicht immer genau wissen, ob sie gut verläuft: Innerhalb kurzer Zeit entstanden fast 100 Clubs, manche von Aktivisten der ersten Stunde, manche aus reinen Profitgründen gegründet. Nicht immer war klar, wer unter welchen Umständen Cannabis erhielt. Auch darum wurde der Druck aus Washington größer. Seit Sommer 2007 müssen sich die Clubs nun einer strengen Sicherheitsüberprüfung stellen, die Bürokratiemühle kam in Gang. Gesundheitsamt, Arbeitsschutz, Feuerwehr: jeder brachte seine Richtlinien ein. 6.600 Dollar Anmeldegebühr sind seither pro Club fällig. Abseits der Cannabis-Clubs haben sich Lieferservices und Head-Shops mit Hinterzimmer etabliert, die Autoren Patrick McCartney and Martin A. Lee ("Acid Dreams") sprechen gar von 400 Stück, 200 davon alleine in der Region in und um Los Angeles. Gras aus Mittel- und Südamerika wird in diesen modernen Apotheken kaum noch verkauft, die örtlichen Grower in Orange County und dem Rest der USA liefern seit Jahren gute Qualität. Man spricht in Anlehnung an goldene Zeiten bereits vom "großen kalifornischen Grasrausch".

Gleichwohl war die Zahl der Anklagen gegen Cannabis-Patienten in den letzten Jahren enorm angestiegen, immer wieder schlossen die Behörden auch sauber arbeitende Clubs. Ärzte wurden verdächtigt, ohne vernünftige Diagnose Rezepte auszustellen. Journalisten probten die Praxis und erhalten tatsächlich ohne Probleme eine Verschreibung. Besonders verschreibungswillige Mediziner werden auf Listen im Internet geführt. Apple führt in seinem Online-Store eine iPhone-Applikation, die den Weg zur nächsten Hanf-Abgabestelle aufzeigt.

Das nun die Obama-Administration grünes Licht für den Medizinalhanf gibt, dürfte die Verschreibungen noch einmal in die Höhe schnellen lassen. In den Zeiten der Wirtschaftskrise werden seit kurzem sogar Steuereinnahmen durch die Cannabis-Industrie diskutiert.

Die einzelnen Bundesstaaten haben unterschiedlich weitreichende Verordnungen erlassen. Oft ist nur ungenau geregelt, welcher Patient wieviel Cannabis sein Eigen nennen darf. Beispiel Rhode Island: Hier darf ein Patient zwölf Pflanzen und rund 70 Gramm Gras besitzen. Beispiel Oregon: Dort darf man bis zu sechs reife Pflanzen und 18 Setzlinge beherbergen, zudem knapp 700 Gramm Cannabiskraut für den persönlichen Gebrauch horten. In Oregon ist der Erhalt von Cannabis kein Einzelfall mehr: Das medizinische Programm umfasst dort über 15.000 Patienten. Die Indikationen sind von Bundesstaat zu Bundesstaat ebenfalls unterschiedlich. Meist umfassten sie AIDS, Krebs und Multiple Sklerose, nicht immer Glaukom, Epilepsie und chronische Schmerzen.

Es ist ein buntes Treiben: Die Legalisierungs- und Entkriminalisierungs-Bewegung hat auf das Pferd mit Namen "Cannabis als Medizin" aufgesattelt, die leeren Kassen lassen selbst den Gouverneur von Kalifornien die Besteuerung des Hanfs überdenken und die pharmazeutische Industrie sucht eifrig nach Wirkstoffen, die an den Cannabinoid-Rezeptoren im Körper ansetzen. Der euphorisierende Effekt von natürlichen Cannabisprodukten wird dabei als unerwünschte Nebenwirkung beschrieben. Mit viel Aufwand versucht man heute in den Labors, die psychoaktive Wirkung der Cannabinoide zu eliminieren und ein Reinprodukt zu erhalten, dass zielgenau nur bestimmte Bereiche des menschlichen Organismus beeinflusst. Die Geschichte der Medikamente zeigt aber nur zu deutlich, dass solche Bemühungen meist nur mit neuen Nebenwirkungen erkauft werden. Aber das Marketing der Pharma-Firmen wird dieses Phänomen weiterhin zu kaschieren wissen. Die Verfechter einer naturnahen, medizinischen Anwendung des Hanfs werden unter diesen Bedingungen auch weiterhin als "Kifferfreunde" abgestempelt werden.

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