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Nachrichten aus Politik und Wirtschaft

Die nächste finanzielle Kernschmelze

19.02.2009

Zeitbombe: Die osteuropäische Kreditkrise und die tiefe Verstrickung der westeuropäischen Banken

Die zweite Runde einer "finanziellen Götterdämmerung" für das westliche Bankensystem sieht der britische Telegraph aus Österreich und Osteuropa heraufziehen: Wenn Osteuropa nicht gerettet werde, dann gebe es eine weltweite finanzielle Kernschmelze - das Schuldendrama in Russland, in der Ukraine und in östlichen EU-Ländern habe einen akuten Gefahrenpunkt erreicht, alarmiert die Zeitung.

Österreichische Banken haben in Osteuropa Kredite im Volumen von 230 Mrd. Euro offen. Das entspricht einem beunruhigend hohen Anteil des BIPs - beinahe 70 Prozent, wie der Telegraph vorrechnet: Bereits nicht zurückbezahlte 10 Prozent dieser Kredite würden so zu einem Kollaps im österreichischen Finanzsystem führen. Die europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung den Anteil schätzt den Anteil fauler Kredite auf zwischen 10 und 20 Prozent. In der österreichischen Zeitung Die Presse wird darüber berichtet, dass der Bank Austria und ihrem italienischen Besitzer UniCredit, ein "monetäres Stalingrad" im Osten bevorstehe. (Dazu am Rande: Libyen hat das Kapital der italienischen Bank UniCredit mit einer Milliarden-Finanzspritze gesichert, damit hat der libysche Staatschef Gaddafi Einfluss auf das Kontrollgremium der Bank-Austria-Mutter).

Zwar würden Politik und Banken laufend beteuern, dass es keine kritische Situation in den osteuropäischen Ländern gebe, schreibt die österreichische Kleine Zeitung, trotzdem aber setze sich die heimische Politik massiv für Stützungsmaßnahmen ein - allerdings "mit wenig internationalem Widerhall". Der Vorschlag des österreichischen Finanzministers Josef Pröll nach einem Hilfspaket für Osteuropa wurde in Brüssel nicht einmal diskutiert. Vor allem der deutsche Kollege Peer Steinbrück hatte Prölls Gesuch aus nationalen Interessen heraus brüsk abgewiesen.

Eine Haltung, die Experten für einen "glasklaren politischen Fehler" halten und die eine Zeitbombe gezündet haben könnte, da diese Haltung die Schuldenkrise in den osteuropäischen Ländern verschärft hat. Länder wie Polen, Ungarn, die Ukraine, die baltischen Staaten und die Balkanländer können ihre Kredite nicht zurückzahlen, weil sie sie in Fremdwährungen aufgenommen haben, in der Annahme, dass die Kurse stabil bleiben - indessen sind die Landeswährung verfallen.

Auch Russland steckt in großen Schwierigkeiten, da der Ölpreis niedriger ist als kalkuliert und sich die "russischen Oligarchen" nach Informationen des Telegraphs mit 500 Milliarden Dollar verschuldet haben.

Laut dem Morgan Stanley-Währungsexperten Stephen Jen beläuft sich die Gesamtsumme, die sich osteuropäische Länder oft mit kurzfristigen Papieren geliehen haben, auf 1,7 Billionen Dollar. Davon werden 400 Milliarden dieses Jahr fällig. Das entspricht einem Drittel des Bruttoinlandsprodukts der Region. Währungsstrategen warnen vor einer Währungskrise in Osteuropa, wahrscheinlich gepaart mit einer Solvenzkrise, die "erhebliche Auswirkungen" auf Westeuropa haben wird. Hans Redeker, Chef-Währungsstratege von BNP Paribas:

"23 Prozent unserer Exporte sind in der Vergangenheit Richtung Zentral- und Osteuropa gegangen. Nun sind wir dabei, unseren zentralen Exportmarkt zu verlieren".

Die europäischen Banken sind in dieses Desaster mehr verstrickt, als man lange Zeit gedacht hat. So hat Österreich seit Ausbruch der Weltwirtschaftskrise bereits Kredite in Höhe von 287 Milliarden Euro nach Mittel- und Osteuropa vergeben. Auf dem zweiten Platz liegt Italien als Kreditgeber mit rund 230 Milliarden Euro, Deutschland folgt mit 210 Milliarden Euro. Aber auch schwedische, griechische, italienische und belgische Banken sind Gläubiger.

Da in Ungarn, Tschechien, Polen und Rumänien Kredite in Schweizer Franken sehr beliebt waren, stecken Schweizer Banken ebenfalls tief in der osteuropäischen Malaise, wie Arthur P. Schmidt kürzlich beschrieb (siehe Der Alpen-Hedge-Fonds):

"So wurden nicht nur Hypotheken im Osten in hoher Zahl in CHF aufgenommen, sondern es wurden auch Niedrigzins-Kredite für Autos gewährt. Die Kreditsumme hierfür soll sich auf mehr als 600 Milliarden CHF belaufen, was deutlich mehr wäre als das Bruttosozialprodukt des Alpenstaates."

Bei weiteren massiven Zahlungsausfällen, die auch zu Staatsbankrotten von osteuropäischen Staaten führen könnten, drohe auch sogar dem schweizerischen Staat durch das immense Gegenparteirisiko der Bankrott.

Die Summen, die nötig wären, um die Zahlungskrisen in den osteuropäischen Ländern aufzufangen, übersteigen auch die Mittel des ohnehin stark beanspruchten Internationalen Währungsfonds. Für den Telegraph-Kommentator Ambrose Evans-Pritchard kann es die osteuropäische Kreditkrise in Umfang und Wirkung mit der amerikanischen Sub-Prime-Krise aufnehmen. Die Banken Europas hätten somit - im Gegensatz zu amerikanischen Banken - zwei dicke Krisen am Hals.

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