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Ein Alarmphone gegen den Tod von Flüchtlingen im Mittelmeer

06.01.2015

Flüchtlingsschutzorganisationen setzen auf praktische Hilfe mit modernsten technischen Hilfsmitteln

Die ausgebrannte Fähre Norman Atlantic hatte Ende Dezember für einige Tage die Medien in Deutschland beschäftigt. Nur am Rande wurde erwähnt, dass die genaue Zahl der Toten noch nicht ermittelt werden konnte, weil nicht klar ist, wie hoch die Anzahl der Geflüchteten an Bord der Schiffes war. Doch schon die häufig verwendete Metapher von den blinden Passagieren zeigt an, dass selbst bei einem solchen Unglück nicht alle Menschen als Opfer, die Hilfe bedürfen, angesehen werden.

Auf rechten Internetseiten wurde eine regelrechte Kampagne gegen die sogenannten blinden Passagiere der Norman Atlantic betrieben. Auch in der konservativen Zeitung Die Welt wird ein Szenario heraufbeschworen, dass "Reisende nicht mehr sicher sein können, in den dem mafiösen Menschenschmuggel direkt verwickelt zu werden und gar mit den Flüchtlingen auf hoher See um ihr Leben kämpfen müssen“.

Gegen das Sterben im Mittelmeer und das zynische Desinteresse der Mehrheitsgesellschaft setzen Flüchtlingsschutzorganisationen und antirassistische Initiativen auf praktische Hilfe mit den modernsten technischen Hilfsmitteln. Ein Jahr nach der Schiffskatastrophe vor Lampedusa initiierte das transkontinentale Bündnis Afrique-Europe.interact den Aufruf für Alarmphones auf den Schiffen.

Nach dem Schiffsunglück vor Lampedusa bei der mehr als 200 Menschen starben, weil die Rettungsarbeiten verzögert wurden fragten die Aktivisten:

Was wäre passiert, wenn die Boatpeople einen zweiten Notruf an eine unabhängige Hotline hätten richten können? Wenn ein Team von zivilgesellschaftlichen Akteuren sofort Alarm geschlagen und Druck zur Rettung auf die Behörden ausgeübt hätte?

Ziel ist ein Alarmnetzwerk auf beiden Seiten des Mittelmeers

Genau hier liegt für die Initiative die Perspektive. Das ambitionierte Ziel ist die Etablierung eines zivilgesellschaftlichen Alarmnetzwerks auf beiden Seiten des Mittelmeers. Seit dem 10.Oktober 2014 arbeiten die Aktivisten in Kooperation mit dem Projekt Watch the med, das Menschenrechtsverletzungen gegenüber Geflüchteten im Mittelmeer dokumentiert, eng zusammen.

Das alternative Alarmtelefon ist rund um die Uhr besetzt und wird von einem mehrsprachigen Team getragen. Geflüchtete notieren sich, bevor sie ins Boot steigen, die Nummer des Alarmphones und können dann dort anrufen, wenn sie mitbekommen, dass ihr Schiff Probleme mit den Naturgewalten oder den verschiedenen staatlichen Mächten bekommen, die sie daran hindern wollen, dass sie ihr Ziel erreichen.

Die wichtigste Fragen, die dann geklärt werden muss, ist die Lage und der Zustand des in Not geratenen Bootes. Mit den genauen GPS-Daten können die Aktivisten auf der Homepage vesselfinder.com eruieren, wo sich das Boot im Mittelmeer genau befindet.

Allerdings ist den Aktivsten auch klar, dass sie im Ernstfall selber keine Rettungsaktionen vornehmen können. Die Vorstellung, sie könnten ein eigenes Schiff chartern, das im Mittelmeer schippert und auf einen Notruf hin Geflüchtete rettet, geht an den Realitäten im Mittelmeer vorbei. Die Kriminalisierung der Crew der Cap Anamur, die im Jahr 2004 37 Geflüchtete aus Seenot gerettet hatte, zeigt wie eng die Grenzen für Humanität sind. Daher setzen die Aktivisten auch eher auf eine kritische Öffentlichkeit, die sie im Notfall zu mobilisieren gedenken.

In dem Aufruf wird ihr Vorgehen so beschrieben:

Allen Betroffenen in Seenot raten wir, zuerst die offiziell verantwortlichen Rettungskräfte zu alarmieren. Wir werden zudem selbst die Küstenwachen anrufen, ihre Handlungen verfolgen und ihnen deutlich machen, dass wir informiert sind und sie beobachten. Sollten sie nicht reagieren, werden wir allen erdenklichen politischen und öffentlichen Druck aufbauen, um sie dazu zu zwingen. Wir werden Schiffskapitäne in der Nähe des Unglücksortes alarmieren wie auch internationale Journalisten, wir informieren engagierte Würdenträger aller Konfessionen und prominente Unterstützer. Wir nutzen die kritische Netzöffentlichkeit für Just-in-Time-Kampagnen und rufen alle auf, sich an der Entwicklung weiterer kreativer Interventionsformen zu beteiligen.

Keine Garantie für Rettung

Natürlich gibt es keine Garantie dafür, dass die kritische Öffentlichkeit schnell genug mobilisierbar ist und dass dieser Schritt dann Konsequenzen für die verantwortlichen Behörden hat. Man muss ja auch bedenken, dass oft nur wenige Stunden über Leben und Tod der in Not geratenen Menschen entscheiden können.

Deshalb versucht die Initiative bei den Transfersuchenden auch dem Eindruck entgegenzuwirken, mit der Nummer für das Alarmphone wäre die Überfahrt gefahrloser. Doch die Initiative, die noch wächst, zeigt auch, dass es Möglichkeiten gibt, das stille Sterben von Geflüchteten in Afrika nicht einfach hinzunehmen. Mit den Möglichkeiten der modernen Technik und einer kleinen Gruppe engagierter Menschen aus mehreren Kontinenten zeigen sie eine Alternative zur bisherigen Politik der Flüchtlingsabwehr auf.

Würde das Know How, das Frontex und andere Organisationen einsetzen zur Verfügung zu Rettung der Menschen verwendet, könnte das Sterben im Mittelmeer schnell beendet werden. Dass es nicht geschieht, ist politisch gewollt.

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