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Ein Fünftel der Briten im arbeitsfähigen Alter ist "wirtschaftlich inaktiv"

18.02.2010

Das Problem dürfte nicht Hartz-IV mit einem "anstrengungslosen Wohlstand" sein, sondern die Wiederkehr des Lumpenproletariats

Die Rundumschläge gegen steigende Sozialausgaben für Menschen, die nicht arbeiten und mit Hartz IV im "anstrengungslosen Wohlstand" leben, unterstellen, dass die Arbeitslosen, wenn sie nur genügend Druck durch Verelendung verspüren, wieder auf den Arbeitsmarkt drängen werden, der sie freudig aufnimmt. Allerdings ist die Zeit der Vollarbeitsgesellschaft lange vorbei, während die Zahl der Geringverdiener und Working Poor - durchaus politisch gewollt zunimmt und damit auch die Armut, die ein Westerwelle in Wohlstand umdefiniert.

Wer hier Einschnitte machen will, ohne ein funktionierendes Rezept zu haben, wie mehr Arbeit und höhere Einkommen geschaffen werden können, sagt im Klartext, dass es den Leistungsträgern egal sein muss, was mit den Armen und Arbeitslosen geschieht. Die können dann höchstens noch, wie der beamtete Philosoph Sloterdijk vorschlägt, nach dem Vorbild der Feudalgesellschaft darauf hoffen, mit Spenden abgespeist zu werden. Da können sich dann die Reichen gut fühlen und gleichzeitig den Bodensatz erhalten, den man in früheren Zeiten das Lumpenproletariat genannt hat.

Gestern hat das Deutsche Institut für Wirtschaft eine Studie veröffentlicht, nach der in Deutschland die Zahl der Armutsgefährdeten auf 11,5 Millionen Menschen oder 14 Prozent der Gesamtbevölkerung angewachsen und die Schere zwischen der ärmeren und der Reichen Schicht weiter auseinander gegangen ist. Eine Trendwende ist nicht zu erkennen. Das Wirtschaftswachstum bis zum Eintritt der Finanzkrise hat zwar das Vermögen wachsen lassen, aber die soziale Kluft gesteigert und die Zahl der prekär Lebenden, der Geringverdiener und Zeitarbeiter vermehrt. Das Wirtschaftswachstum und die Mehrung des Vermögens kam in der Breite nicht an.

Das Problem, das sich in der nächsten Zeit immer drängender stellen wird, ist, wie die Gesellschaften mit denjenigen umgehen werden, für die sie keine Arbeit mit einem Einkommen anbieten kann, das zu einem normalen Leben in dieser Gesellschaft ausreicht. Deutlich wird das Problem, wenn man einen Blick auf Spanien wirft, wo die Arbeitslosigkeit bereits auf 20 Prozent gestiegen ist und bei den jungen Menschen sogar auf 40 Prozent. Aber auch in Großbritannien lässt sich erkennen, wo die Gräben des allmählich wiederkehrenden Klassenkampfes verlaufen werden.

Auf der Insel sind nach dem britischen Statistikamt 8,08 Millionen Menschen im arbeitsfähigen Alter – 21,3 Prozent – wirtschaftlich inaktiv, wie es so schön heißt. Sie beziehen also kein offizielles Einkommen (können aber natürlich durchaus schwarz verdienen). Das ist seit 1983 ein Rekord. Allerdings gehören dazu etwa auch Studenten, chronisch Kranke oder Menschen, die frühzeitig pensioniert wurden. Da das Risiko der Arbeitslosigkeit besonders für junge Menschen gestiegen ist, versuchen diese, den Eintritt ins Berufsleben hinauszuzögern und drängen an die Universitäten, die aber die wachsende Flut nicht mehr aufnehmen können. In Großbritannien kommt hinzu, dass der Druck wächst, aufgrund der Verschuldung die Studiengebühren massiv zu erhöhen.

Die Beschäftigungsrate beträgt 72,4 Prozent (28,9 Millionen) – 2007 lag sie noch bei 75 Prozent. Dazu gehören aber auch viele, die keinen Vollzeitjob haben. Die Arbeitslosenrate liegt bei 7,8 Prozent (2,46 Millionen), Arbeitslosengeld beziehen aber nur 1,64 Millionen, trotzdem auch ein Rekord für die Labour-Regierung. Vollzeitarbeitsplätze werden weniger, Teilzeitarbeit wächst. 2,8 Millionen Beschäftigte arbeiten weniger, als sie wollen, oder in Jobs, für die sie überqualifiziert sind.

Angeblich wollen, wie die konservative Zeitung Telegraph heraushebt, 5,75 Millionen der wirtschaftlich Inaktiven auch gar nicht arbeiten. Theresa May, die Sprecherin der Konservativen für Arbeitspolitik, westerwellt denn auch und sagt, es sei alarmierend, dass mehr und mehr Menschen es aufgeben, nach einem Job zu suchen und dass die Zahl der wirtschaftlich Inaktiven auf einen Rekordwert angestiegen sei: "Einer von 5 Menschen im Arbeitsalter will keinen Arbeitsplatz mehr und 5 Millionen Menschen in diesem Land haben unter der Labour-Regierung nie gearbeitet." Das sei schockierend, löst aber keineswegs die Frage, dass es nicht genügend Arbeitsplätze gibt – und es auch für besser Ausgebildete düsterer aussieht.

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