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Ein frühes Opfer des islamistischen Terrors

05.11.2014

Vor 10 Jahren ging der Mörder von Theo van Gogh so vor wie heute der IS in Syrien und im Irak

Der Mann war mit dem Fahrrad unterwegs, als er von einem anderen Fahrradfahrer eingeholt wurde, der auf ihn schoss. Als der Angeschossene verletzt am Boden lag, stieg der andere vom Fahrrad und schnitt seinem Opfer die Kehle durch. Wer hier an den Terror des IS denkt, liegt einerseits falsch und ist doch auf der richtigen Spur.

Die blutige Szene spielte sich vor 10 Jahren auf offener Straße in Amsterdam ab. Das Opfer war der Schriftsteller und Regisseur Theo van Gogh, der keine Scheu hatte, Religionen und Kulte, die Menschen heilig scheinen, zu verspotten und zu verhöhnen, keine Religion war vor seinem Spott sicher. Nur wenige Tage vor seiner Ermordung erklärte er, dass er nur ein Dorfnarr sei, dem nichts passieren werde.

Vorläufer des IS-Terrors?

Van Goghs Mörder Mohammed Bouyeri legte bei seinem Verbrechen Elemente an den Tag, die in den letzten Wochen durch den IS-Terror weltweit bekannt wurden und für Entsetzen sorgten. Auch Bouyeri ging es darum, einen Menschen zu vernichten, weil er in seinen Augen den Islam beleidigt hatte, ein Ungläubiger war. Zudem ging es ihm wie dem IS darum, möglichst viel Terror und Schrecken öffentlich zu verbreiten. Deshalb schnitt er seinem Opfer auf offener Straße die Kehle durch. Auch hinterließ er ein Bekennerschreiben, in dem er alle Elemente eines Weltbildes offenlegte, das man zurecht als islamofaschistisch bezeichnen konnte.

In seinem Schreiben bedrohte er die Parlamentsabgeordnete Ayaan Hirsi Ali und beschuldigte sie, gemeinsame Sache mit den Feinden des Islam zu machen. Hirsi Ali hatte kurz zuvor das Drehbuch zu van Goghs islamkritischem Film Submission verfasst, der den Regisseur das Leben kostete. Hirsi Ali verließ daraufhin das Land und migrierte in die USA.

Warnung vor Dschihadismus

In Holland gibt es 10 Jahre nach dem Mord an dem Regisseur zahlreiche künstlerische und politische Veranstaltungen. In Deutschland ist das Echo wesentlich verhaltener. Gerade bei den Linken hätte man eine lebhaftere Debatte anlässlich dieses Jahrestages erwartet. Schließlich bekommen 10 Jahre nach der Tat durch den Aufstieg der IS nachträglich jene Teile der Linken recht, die bereits damals davor warnten, die dschihadistische Ideologie zu unterschätzen und die islamistische Gewalt in erster Linie als Folge der Unterdrückung der Moslems zu interpretieren.

Genau diese Lesart konnte man nach dem Mord an van Gogh beobachten. Da wurde ihm zumindest eine Mitschuld gegeben, wenn gefragt wurde, warum er auch alles, was irgendwem heilig war, zum Gegenstand von Hohn und Spott machen musste. Auch Hirsi Ali wurde nicht in erster Linie als eine Frau gesehen, die nach dem islamistischen Mord an ihrem Kollegen und den Drohungen gegen sie die Niederlande verlassen hat, sondern als eine Konservative, die sich in ihrer politischen Arbeit mehr und mehr an bestimmte, von den Linken wenig geschätzte Organisationen anlehnte.

Die Frage, ob das auch daran gelegen haben kann, dass viele Linke in Holland, aber auch in anderen Ländern den radikalen Islamismus in Theorie und Praxis unterschätzten und teilweise sogar kleinredeten, wurde zu wenig gestellt.

Auch in Deutschland wurden Menschen, die nach den islamistischen Anschlägen des 11. September in den USA darauf hinwiesen, dass die Ideologie und die Praxis des Islamismus eine Gefahr für Juden, Linke und überhaupt alle Freunde der Freiheit sind, schnell in die konservative Ecke geschoben. Wobei man durchaus nicht verschweigen sollte, dass einige dieser Gruppen dann auch tatsächlich in diesen Kreisen ihre politische Heimat fanden.

Religionskritisches Potential der Linken

Die Kritik daran ist berechtigt. Doch die Frage bleibt, warum linke Gruppen jeglicher Couleur allzu oft Religionskritik im Allgemeinen und Kritik des Islamismus in Theorie und Praxis rechten und rechtspopulistischen Gruppen überließen wie in den Niederlanden Geert Wilders. Die können sich dann als Rebellen und Streiter für die Freiheit ausgeben.

Dabei müsste sich die Linke nur auf ihre religionskritischen Wurzeln besinnen. Es waren Anarchisten und Anarchosyndikalisten, die für eine Gesellschaft ohne Gott und Staat eintraten. Es war Karl Marx, der in seinen Schriften Elemente einer radikalen Religionskritik propagierte und keine Ehrfurcht vor Tradition und Heiligtümern.

Insofern stand Theo van Gogh - der sich aber keineswegs als Marxist verstand - auch in diesen Traditionen. 10 Jahre nach seiner Ermordung muss man sich schon fragen, warum auf den vielen Demonstrationen, die jetzt überall in der Welt mit Kobane und den kurdischen Verteidigern gegen die IS organisiert wurden, nicht auch an Theo van Gogh erinnert wird. Schließlich war er einer der ersten Opfer dieses speziellen islamistischen Terrors auf europäischen Boden.

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