k
Nachrichten aus Kultur und Medien

"Einmal richtig abspritzen"

09.02.2013

Aus gegebenen Anlass: Eine Wiederbegegnung mit einer vormalig rebellischen Subkultur

In "Who I Am" verglich Pete Townshend jüngst den "Punkrock", der vor fünfunddreißig Jahren am Rockhimmel auftauchte, mit einem "Tsunami". Obgleich er ihn seinerzeit als "regenerative Kraft" erlebt habe, sei ihm sofort klar gewesen, dass er ihn und seine Band in "Rock-Dinosaurier" verwandeln werde.

Anzeige

Punk is Dead

Aus dem ist bekanntlich nichts geworden. Zwar schnitten sich er und andere Rock-Protagonisten ihre Zottelmähnen ab. Und die jungen, zornigen weißen Männer der Arbeiterklasse, die vorher noch lautstark "The Who", "Led Zeppelin", "Deep Purple" und die "Rolling Stones" zugejubelt hatten, wechselten die Pferde. Wohl auch, weil ihre Helden den neu erworbenen Status und Wohlstand genossen, sich aufs Land oder in die reicheren Viertel Londons verzogen und darüber den Kontakt zu ihrer Fangemeinde verloren.

Doch bereits fünf Jahre nach der "Geburt des Punk" war es mit dem Spuk vorbei. Die meisten Punkbands wie die "Sex Pistols" oder "The Jam" hatten sich schon wieder aufgelöst oder waren just in Auflösung begriffen. An seine Stelle waren New Wave Kapellen getreten, New Romantics und Teenybopper, die ihre Augen mit Kajal ummalten und laut kreischende Mädels, die den schönen Jungs von "Duran, Duran" oder "Spandau Ballett" verliebte Blicke zuwarfen, während die Altrocker weiter die großen Spielstätten füllten.

Wut, Zorn, Gewalt

Die Implosion des Punk, den die Anarchogruppe "Crass" in "Punk is Dead" verkündet hatte, änderte aber nichts daran, dass die "Sex Pistols" mit "Never Mind the Bollocks" in London bzw. die "Ramones" ein Jahr davor in New York eine mittelgroße Kulturrevolution entfacht hatten. Nicht nur in der Rockmusik, wo sie den ausgefeilten, episch ausufernden Songs die rotzig-rohe Gewalt dreier Akkorde entgegensetzten. Sondern auch und vor allem in der Mode und im alltäglichen Umgang, im Lebensstil und im öffentlichen Erscheinungsbild.

Es waren die Punks, die für ein paar Jahre die Wut und den Zorn einer neuen Generation präsentierten und ihren Unmut aggressiv und lautstark nach außen trugen. Von der damaligen Politik, von Labour genauso wie später von Margaret Thatcher, fühlten sie sich verraten, verkauft und auf den Müllhaufen der Geschichte geworfen. Punk zu sein, bedeutete, wie ein Protagonist der erste Stunde es treffend formulierte, herauszuschreien, "was einem gerade einfällt, worunter man leidet oder was einen fertigmacht".

Vital und expressiv

Anders als die Mods, gut eine Dekade davor, kleideten sich die Punks alles andere als fein. Auch fuhren sie nicht mehr auf Motorrollern nach Brighton, um sich an Wochenenden mit den Rockern zu kloppen. Stattdessen übten sie sich in der Kunst des Hässlichen und machten das Abstoßend-Anstößige zum Programm. Sie rasierten sich die Haare oder färbten sie grell; sie zerfetzten Jacken und Hosen und bemalten sie mit unflätigen Sprüchen; und sie durchbohrten den Hautsack mit Sicherheitsnadeln oder anderem metallischen Zeugs.

Auch wenn Punk auf diese Weise dem Unreinen, Ekligen und "Dreckigen" eine ästhetische Heimat gab, Gewalt, Aggression und Eruption positiv besetzte, und damit im Entfernten an Georges Bataille großen und langjährigen Versuch erinnerte, dem Heterogenen und Inkommensurablen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen: im Grunde war all das nichts anders als eine schrille Reaktion und Manifestation dessen, was geschah.

Punk war, wenn man so will, der verzweifelte Versuch, einen passenden Ausdruck und Stil für Gedanken und Emotionen zu finden, die die Realität schrieb. Stellte sich die Zukunft schon als trostlose Schrotthalde oder Müllkippe dar, die man durch sein Dasein noch vergrößerte, dann wollte man in der kurzen Zeit, die einem blieb, wenigstens im Hier und Jetzt spüren, dass man am Leben war, noch einen Funken Lebensenergie besaß und doch noch etwas in Bewegung setzen konnte.

Kyniker reloaded

Beliebtes Mittel, seine Gefühle öffentlich kundzutun, waren die Provokation und Beschimpfung "der anderen". Nur wer auffiel und aneckte, andere "verstörte" und dabei ihre bösen und wütenden Blicke auf sich zog, in der Schule, am Arbeitsplatz, in der Familie oder auf den Straßen und Plätzen, wähnte sich wahrgenommen. Lebensmut und Lebensfreude schöpfte der Punk, wenn es ihm gelang, den Gegenüber aus der Reserve zu locken, und ihn womöglich soweit zur Weißglut oder Raserei zu treiben, dass er sein Gesicht verlor und ausrastete.

Dass das Herausfordern der anderen nicht immer gelang, der Provokateur mit seinen "Kampfansagen" an das Establishment den Kürzeren zog, wird in der Rückschau und in der ästhetischen Feier des Punk gern übersehen. Ich kann mich noch gut an einen Punk erinnern, Achmed hieß er, der damals in meiner Stadt auftauchte und einige Tage lang dort sein "Unwesen" treiben konnte. Um seine Notdurft zu verrichten, suchte er sich mit Vorliebe die öffentlichen Mülltonnen aus, auf die er sich hockte, bisweilen auch zur Mittagszeit, wenn er auf ein zahlreich vorhandenes Publikum hoffen durfte.

Als er tatsächlich einen Tag lang einen Hilfsjob auf dem Bau annahm, weil das Schnorren auf den Bürgersteigen zu wenig einbrachte, kreuzte er am späten Nachmittag mit geschorenen Kopf bei uns auf. Seine Arbeitskollegen hatten den "Kyniker", mit denen sich Punks historisch wohl am besten vergleichen lassen, kurzerhand in die Mangel genommen, sie hatten ihn gepackt und ihm gemeinschaftlich den Kopf kahl geschoren.

Militantes deutsches Antihippietum

Nicht übersehen werden sollte aber auch, dass Punk hierzulande eine Besonderheit aufwies, die sich von dem auf der Insel doch etwas unterschied. Sie hatte mit der Studentenrevolte, der Aufarbeitung des Faschismus und dem Marsch durch die Institutionen einerseits, und mit der Baader-Meinhof Gang und dem darauf folgenden "Deutschen Herbst" andererseits zu tun.

Darum standen im Zentrum punkiger Attacken hierzulande vielleicht weniger irgendwelche Kleinbürger, Arbeiter, Handwerker oder Angestellte, die an Wochenenden den Vorgarten pflegten, die Straße fegten oder die C-Klasse auf Hochglanz polierten, als bevorzugt all jene Neuspießer und Gutmenschen, die zehn Jahre davor zwar selbst den Zorn der Kleinbürger auf sich gezogen hatten, aber bereits angefangen hatten, es sich im "Summer of Love" behaglich einzurichten: Hippies und Alt-68er, Frauenversteher und Grün-Alternative.

Und womit hätte man dieses neue "Juste Milieu" besser provozieren können, als mit all jenen Konventionen und Gegenständen zu brechen, die ihnen "heilig" waren und die seit ihrem kulturellen Take-Over gesellschaftlich als verpönt oder tabuisiert galten, mit Hakenkreuz und Judenwitz, mit RAF-Symbolen, Schwulen und Pornos. Indem der "deutsche" Punk mit all jenen Symbolen und Codes seinen Schabernack trieb, wollte er dem grün-alternativen Establishment zeigen, dass sie "mit ihren langen Haaren genauso faschistoid waren wie irgendwelche Pfaffen".

Alles machen und sagen

Punkrock war laut Jäki Eldorado, Deutschlands erstem Punk, gerade deswegen so interessant, "weil es auf einmal keinen ideologischen Ballast mehr gab. du konntest durchdrehen. Party machen. Brauchtest keine Rücksicht mehr zu nehmen, ob der jetzt mit einem Hakenkreuz rumläuft oder die RAF gut fand - das war alles eins". Punk bot zu jener Zeit jedem "eine freie Fläche", er gab den Leuten, wie Thomas Schwebel, Gitarrist der Band "Fehlfarben" meint, die Lizenz, "offen für alles" und "alles sagen und machen zu können", wozu oder worauf er gerade Lust hatte.

Politisch war das gewiss alles recht diffus. Man lief mit T-Shirts der "Clash" herum und fand doch nichts dabei, gleichzeitig Mitglied in der Wiking-Jugend zu sein; man hantierte mit deren Symbolen herum, während man sich als Sympathisant der RAF ausgab. Aber niemand störte sich groß daran. Hauptsache war, man konnte mit all dem mächtig "Rabatz machen" und "völlige Verstörung" vor allem bei all jenen Grün-Alternativen hervorrufen, die bereits in den 1970ern Beton und Plastik, Hochhäuser und Atomkraft "Scheiße fanden" und immer wieder alles ausdiskutieren wollten.

Gewiss war etliches vom "Aufstand des Codes" bloßes Spiel, Inszenierung und ästhetischer Schein. Mittlerweile wissen wir, dass etwa Malcolm McLaren, der Manager der "Pistols", und seine Getreuen im Hintergrund dabei geschickt die Fäden zog. Im Grunde ging es bereits damals, noch vor jener "Hyperrealität des Medialen", die Jean Baudrillard am Horizont bereits aufziehen sah, mehr um Haltung und Pose, mithin auch um die Frage, wie man Aufmerksamkeit generiert, aus der grauen Masse heraus sticht und die Blicke der anderen auf sich zieht.

Alles ist vorbei

Gut fünfunddreißig Jahre später ist das alles Geschichte, die im "Haus der Geschichte" besichtigt werden können. Und es sind Geschichten, die in Jürgen Teipels Dokuroman, der letztes Jahr, gut zehn Jahre nach seiner Erstveröffentlichung, in um knapp hundert Seiten erweiterter Fassung - Verschwende deine Jugend - auf den Markt gekommen ist, nochmals nachgelesen werden können. Wer dies macht, wird vielleicht zu allerlei Schmunzeleien angeregt, aber vielleicht auch zu kontroversen Debatten, alternativen Betrachtungen und Neubewertungen. Vor allem über das herrschende Diskursklima und den darin sich verbergenden Zeitgeist.

Gewiss hat sich die Bewegung, die weniger gemeinschaftlich agierte als individuell und ich-zentriert, sozial ausdifferenziert. Die Fronten haben sich politisch längst geklärt. Die Nachfahren der Punks haben sich mehrheitlich fürs linksanarchistische Lager entschieden.

Andere haben musikalisch eine neue Heimat im aufkommenden Maschinensound des Techno gesucht, während der überwiegende Teil seinen Frieden mit der Gesellschaft geschlossen hat. Sie haben Herkunft und Gesinnung abgestoßen, haben einen geregelten Job angenommen, sich dem Geldverdienen gewidmet und dafür gesorgt, dass Punk gesellschaftliche Akzeptanz gefunden hat.

Die Haare zu färben und zu stylen, sich zu piercen oder zu tätowieren oder seine Jeans zu zerschneiden, gilt schon als Ausdruck von Coolness, Originalität und Individualität, bei Lehrern in den Schulen, in den Medien, aber auch auf den Sport- und Fußballplätzen dieser Welt. Ein voll rasierter Kopf, ein rundum tätowierter Hautsack, ein Metallkopf in Lippe und Zähnen oder eine zerrissene Jeans bei einem Empfang zieht keine verstörenden oder verwunderten Blicke der anderen mehr auf sich. Vormalige Punkrocker wie Campino sind hof- und gesellschaftsfähig geworden, sie haben sich zu einer Institution entwickelt, werden zu Fragen der öffentlichen Moral interviewt und durften sich auch auf die Couch von Thomas Gottschalk setzen.

Grenzen immer enger

Und ein Dritteljahrhundert danach ist auch ein undifferenzierter Umgang mit Zeichen, Codes und Ideologien, ein politisch unbefangenes Spiel etwa mit Nazi- oder RAF-Symbolen nicht mehr möglich. Nicht nur, weil knapp zehn Jahre später Ausländer- und Asylantenwohnheime in Mölln und Hoyerswerda brannten und die "Kids", die dazu auf den Straßen tanzten und dazu "Ausländer raus" intonierten, Parolen und Songs der "Clash" grölten. Sondern auch und vor allem, weil die moralischen Grenzen dafür in all den Jahren hierzulande immer enger gezogen wurden.

Weil objektive Werte fehlen oder als solche keine allgemeine Anerkennung mehr finden, und auch das Recht sich als Ersatz dafür wenig tauglich erweist, hat die Medienöffentlichkeit diese Funktion übernommen. Sie bestimmt nicht nur, was gesagt werden darf und was nicht und welche Werte von Fall zu Fall eingefordert werden müssen, sie reagiert auch zunehmend allergisch und ahndet und sanktioniert rigider, wenn Verstöße dagegen ruchbar werden.

Was seinerzeit allenfalls Sozialpädagogen aus der Haut fahren ließ: "den Mussolini zu tanzen" (DAF) oder den "Aufstand der Weißen" zu fordern ( The Clash), würde heute einen öffentlichen Sturm der Entrüstung mit tagelangen, erbitterten Debatte hervorrufen, der zwangsläufig zum sofortigen Ausschluss des aus der Kommunikationsgemeinschaft und den sozialen Tod des Sprechers zur Folge hätte.

Als etwa der Sänger "Morrissey" sich gegenüber einem Reporter etwas undifferenziert über den "Tonfall" äußerte, den er in den Städten Britanniens vernehme, stand er deswegen wochenlang unter Rassismus-Verdacht mit der Folge, dass man einige seiner Songs, auf mögliche zweifelhafte und inkorrekte Zeilen und Aussprüche genauer untersuchte.

Club der Anständigen

Sicherlich ließen sich diesbezüglich noch etliche andere Beispiele zitieren. Festhalten lässt sich aber, dass die moralische und politische Korrektheit, die Teile des Punk bewusst und gezielt aufs Korn genommen hatten, auf ganzer Linie gesiegt hat. Selbst Punkrocker wie etwa "Die Toten Hosen" haben Empörung und Entrüstung über Dieses und Jenes als Verkauf förderndes Selbstdarstellungsmittel entdeckt.

"Einmal schnell richtig abspritzen", sich einfach gehen und die Sau mal richtig raus zu lassen, wie es ein anderer Punk der ersten Stunde mal ausgedrückt hat, geht vielleicht gerade noch im privaten Umkreis, ist aber auch da mitunter mit hohen persönlichen Risiko verbunden. Erst recht, wenn es sich um Personen des öffentlichen Leben oder um Personen von öffentlichem Interesse handelt.

Nicht nur, weil ein "Heer von Anständigen" die Redaktionshäuser bevölkert hat, die sorgsam darauf achten, dass bestimmte Diskursregeln und Sprachvereinbarungen (Codes) eingehalten und nicht übertreten werden. Sondern auch, weil die Allgegenwart von Smartphones, Twitter und Facebook dazu geführt hat, dass Paparazzi und Whistleblower allerorten unterwegs sind und die Redaktionäre in ihren Büros nur auf irgendwelche Aussetzer des Prominenten X,Y lauern, die sich genüsslich ausschlachten oder gar zu Tabubrüchen aufblasen lassen.

Punk reloaded

Um Punk und damit zu einer Person öffentlichen Ärgernisses zu werden, der die bunten Seiten der Medien füllen und den Stammtischen des öffentlichen-rechtlichen Staatsfernsehens wochenlang Nahrung gibt, reichen mittlerweile bereits ein "Kompliment" zu mitternächtlicher Stunde gegenüber einer blutjungen Journalistin, unüberlegte Äußerungen im angetrunkenen Zustand im privaten und vertrauten Kreis oder eine Persiflage im Fernsehen auf das Wüten wohlmeindender Tugend- und Sittenwächter.

Dank diesem neudeutschen Viktorianertum, das weder vor Prüfungsfragen noch vor Kinder- und Jugendbüchern Halt macht und sich wohl demnächst auch in Klassiker der Weltliteratur ("Moby Dick") vertiefen wird, um sie nach unpassenden Ausdrücken ("Kanaken") zu durchforsten, ist es inzwischen möglich geworden, dass wertebewussten Bürgern, Konservativen und Sozialdemokraten, die zweifelhafte Ehre zuteil wird, "Störer des Diskurses" zu werden.

Auf diese Weise haben es an sich harmlose und vollkommen biedere Leute wie etwa Harald Schmidt (Polenwitze) und Peter Gauweiler (Euroklage), Thilo Sarrazin (Begabungslehre) und Heinz Buschkowsky ("Neukölln ist überall"), Mario Balotelli ("Siegerpose") und Wolfgang Thierse ("Schwabylon") es irgendwie geschafft, zu neudeutschen Punks zu mutieren. Das Milieu, das sich darüber erregt und sich davon belästigt fühlt, ist immer noch das gleiche. Die Punks haben sich gewandelt. Sie tragen Anzug und Krawatte, kämmen sich die Haare und pflegen sich die Bärte.

fehler melden
drucken
versenden
zitieren
service:
drucken
versenden
facebook
twitter
google+
rss feeds
newsletter
folgen:
facebook
twitter
google+
rss
newsletter
http://heise.de/-2005010
Anzeige
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Cover

Es werde Geld ...

Eine kurze Geschichte des Geldes

Cover

Die berechnete Welt

Leben unter dem Einfluss von Algorithmen

First Contact Politik in der Krisenfalle Abkehr von Europa?
bilder

seen.by


TELEPOLIS