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Entzivilisierung in Zeiten von Ebola

19.08.2014

Die Dämonisierung hat bei dieser Krankheit freien Lauf, doch wenn sich die Weltgemeinschaft die schnelle Bekämpfung zum Ziel setzen würde, müsste die Ebola-Epidemie innerhalb kurzer Zeit beendet werden können

In welchen Zeiten leben wir eigentlich? Diese Frage müssen wir uns nicht nur angesichts des Aufstiegs des Islamischen Staates, IS, stellen, der Menschen anderen Glaubens vor die Alternative Glaubenswechsel oder Tod stellt. Auch die spärlichen Meldungen, die uns aus den von der Ebola-Epidemie besonders betroffenen Regionen Afrikas erreichen, erinnern an den Umgang mit der Pest in einem Zeitraum, dem wir als Mittelalter zu kennzeichnen gewohnt sind.

Da ist vom Chaos in Monrovia, der Hauptstadt von Liberia, die Rede, nachdem dort mit Hilfe von Angehörigen Menschen aus einer zur Quarantänestation umgewandelten Schule ausgebrochen sind. Sie wurden dort festgehalten, weil der Verdacht bestand, dass sie an Ebola erkrankt sind. Das Gesundheitsministerium sprach auf einer Pressekonferenz von 30 Menschen, die sich in der Station aufgehalten haben. Alle hätten Anzeichen von Ebola aufgewiesen, aber es hätte keine bestätigten positiven Fälle gegeben.

Ebola-Virus: Bild: CDC.gov

Auslöser der Befreiungsaktion sei die Weigerung des Wachpersonals gewesen, Angehörigen den Zutritt zu gestatten, die zwei Festgehaltenen Essen bringen wollten. Die beiden wurden als erste befreit. Danach nutzten auch die anderen zwangsweise Festgehaltenen das Chaos zur Flucht. Sie ereignete sich in West Point, einem dichtbesiedelten Armenviertel von Monrovia.

Dort gab es nach Pressemeldung schon seit Tagen Widerstand dagegen, dass immer mehr vermeintliche Ebola-Patienten in diesen Stadtteil verlegt worden sein sollen. Es wurde der Verdacht ausgesprochen, dass die Kranken in den Armenvierteln konzentriert werden sollen, um die Quartiere der Reichen möglichst von der Epidemie zu verschonen. Das ist natürlich angesichts der rasenden Ausbreitung der Krankheit ein illusorischer Gedanke. Der Vorfall wirft allerdings ein Schlaglicht auf die Entzivilisierung einer Gesellschaft im Zeichen von Ebola, die mit Begriffen wie Suspendierung von sozialen und Menschenrechten völlig unzureichend beschrieben ist.

Das zeigt sich auch an der Dämonisierung von Patrick Sawyer, eines Mannes aus der Mittelklasse Liberias, der nun in vielen Medien, als der Mann angeprangert wurde, der Ebola nach Nigeria gebracht haben soll. Dabei war er auf der Suche nach medizinischer Hilfe. Nachdem Verwandte von ihm bereits an Ebola gestorben waren und auch bei ihm Symptome der Krankheit auftauchten, erhoffte er sich in Lagos, einer afrikanischen Metropole, größere Chancen auf eine medizinische Behandlung als im kleineren Liberia.

Ebola-Verdächtige werden eingemauert und verhungern

Ein kleiner Bericht in der Taz gibt einen Einblick in das Ausmaß der Entzivilisierung einer Gesellschaft im Zeichen von Ebola in einem Dorf in Liberia. Wie dort eine Familie behandelt wurde, die im Verdacht stand, an Ebola erkrankt zu sein, wird in diesen apokalyptischen Sätzen geschildert.

Die Behördenvertreter nahmen Abdulahs Leiche mit und rieten den Dorfbewohnern, "sich der Frau und ihrer Tochter nicht zu nähern", wie Wile erzählt. Beide wurden in ihrem Haus eingesperrt, Fenster und Türen wurden verbarrikadiert. "Sie haben Tag und Nacht geschrien, und ihre Nachbarn angefleht, ihnen etwas zu Essen zu geben, aber alle hatten Angst", berichtet der alte Mann mit den weißen Haaren und dem weißen Bart. Fatus Mutter starb am vergangenen Sonntag, die Hilferufe des Mädchens verstummten zwei Tage später. Fatus älterer Bruder Bernie wurde negativ auf Ebola getestet. Trotzdem wurde er von den Dorfbewohnern verstoßen. Der 15-Jährige hat sich in ein verlassenes Haus zurückgezogen. Er sieht müde und abgemagert aus, trägt ein dreckiges T-Shirt und ausgetretene Sandalen. "Hier schlafe ich", erzählt er weinend. "Hier bin ich den ganzen Tag. Niemand kommt zu mir. Obwohl man ihnen gesagt haben, dass ich kein Ebola habe." Sein Essen sucht er sich im Wald.

Wer solche Berichte hierzulande liest, wird schnell versucht sein, von afrikanischen Verhältnissen zu reden und alle Vorurteile "vom dunklen Kontinent" zu rekapitulieren. Doch in Wirklichkeit handelt es sich um eine Tendenz zur Babarisierung und Entzivilisierung im Weltmaßstab.

Wie hierzulande vor knapp 30 Jahren der rechtskonservative CSU-Politiker Peter Gauweiler auf die Aids-Krise mit Ausgrenzung und Stigmatisierung der Patienten reagierte, zeigt die gerade eröffnete Ausstellung Gauweilereien im Berliner Schwulen Museum. Gauweiler hat diese Politik weder in seiner Partei noch bei manchen Linken geschadet, die ihn als nationalkonservativen US-Kritiker und Gegner von Militäreinsätzen in Stellung bringen.

Es braucht also gar keinen Science-Fiction-Film, um vorzuführten, wie eine moderne Industriegesellschaft im Zeichen einer Epidemie in der Barbarei versinkt.

Ebola kein Schicksal, sondern Produkt von Armut und Verelendung

Afrika ist nur ein weiteres Mal als erstes davon betroffen, weil die meisten noch immer zu den "Verdammten der Erde" gehören, über die Franz Fanon vor mehr als 50 Jahren gesprochen hat. Verdammt dazu wurden sie aber nicht von irgendwelchen Göttern oder mystischen Mächten, sondern vom kapitalistischen Weltmarkt.

Die Heilung von Krankheiten, die lange Zeit zum menschlichen Schicksal gehörten, war eine der Grundbedingungen der Zivilisierung, die die Menschen eben nicht mehr als hilflose Spielbälle der Natur und des Schicksals machte. Heute akkumuliert der Kapitalismus auf der Welt so viel Reichtum, Knowhow und Wissen, dass es möglich war, die meisten Epidemien zu bekämpfen.

Natürlich können immer wieder noch unbekannte Krankheiten auftreten. Doch wenn die Weltgemeinschaft sich die schnelle Bekämpfung zum Ziel setzen würde, wenn mit optimalen Equipment und modernsten medizinischen Gerät ausgerüstete medizinische Teams in die Gefahrenzonen geschickt würden, müsste die Ebola-Epidemie innerhalb kurzer Zeit beendet werden können.

Doch es gibt diese internationalen Gesundheitsbrigaden nicht, die nur ein Bruchteil von dem kosten würden, was zurzeit weltweit für die Rüstung ausgegeben wird. Der Publizist und ehemalige UN-Mitarbeiter Jean Ziegler hat einmal gesagt, jedes Kind, das heute an Hunger stirbt, werde ermordet, weil die technischen und finanziellen Möglichkeiten heute dafür gegeben sind, dass es Hunger und Mangelernährung nicht mehr geben muss.

In gleicher Weise könnte man auch sagen, dass jeder Mensch, der an Krankheiten stirbt, weil nicht alles heute technisch und finanziell Mögliche getan wurde, um sie zu bekämpfen, ermordet wurde. Dieses Nichtreagieren der Weltgemeinschaft ist die Seite der Barbarisierung, die dann in den beschriebenen apokalyptischen Szenen in den betroffenen Regionen nur ihren adäquaten Ausdruck findet.

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