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Nachrichten aus Kultur und Medien

"Fog of War"

18.04.2013

USA: Zwei Tage nach den Bomben in Boston wird von einer schweren Explosion in einer texanischen Düngemittelfabrik in der Nähe von Waco berichtet. Die amerikanischen Medien sind im Scoop-Stress

Ammoniumnitrat kann gleichermaßen zur Herstellung von Düngemitteln wie von Sprengstoff verwendet werden. Der Double Use-Charakter des Salzes tauchte in den vergangenen Jahren in Nachrichten auf, die von Bombenanschlägen (vgl. der sogenannte Oklahoma-Bomber Timothy McVeigh) oder versuchten Sprengstoff-Anschlägen berichteten (vgl. Meldungen zur Bonner Bombe).

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Die katastrophale Explosion, die sich gestern in einer Düngemittelfabrik in Texas ereignete, trifft auf ein durch den Bostoner Bombenanschlag erregtes Nachrichtenumfeld. Bevor noch das genaue Ausmaß und die Ursache der Katastrophe bekannt wurden, provozierte die Meldung in amerikanischen wie deutschen Medien Assoziationen zu Explosionen, wie sie aus Kriegen bekannt sind oder von Terroranschlägen. Exemplarisch etwa in der Schilderung des Polizisten D.L. Wilson vom Ort der Tragödie:

"I can tell you I was there, I walked through the blast area, I searched some houses earlier tonight. It was massive, just like Iraq, just like the Murrah building in Oklahoma City."

Man befinde sich in einem "Fog of War", so die Situationsbeschreibung des republikanischen Abgeordnete für die Region, Bill Flores. Nach dessen Schilderung sind Speicher, in denen Chemikalien für die Herstellung von Dünger lagerten, durch das Feuer explodiert, wie dies auch eine Amateurvideoaufnahme nahelegt. Von über hundert Verletzten ist derzeit in Live-Blogs die Rede, über die Zahl der Toten wird noch spekuliert. Jede neue Schlagzeile bringt neue Opferzahlen, genau bekannt ist noch wenig. Das Ausmaß der Katastrophe ist noch nicht überschaubar.

Die Medien sind im Scoop-Stress. Das ist eine Gemeinsamkeit, die sich zwischen den Explosionen in Boston und West/Texas auftut. Gestern lieferten sich der Boston Globe mit anderen Medien ein Rennen zur Nachricht über den von der Polizei angeblich gefassten Attentäter von Boston. Es stellte sich heraus, dass sie sich verrannt hatten. Die Polizei widersprach den Meldungen, wonach sie bereits einen Verdächtigen festgenommen habe. Man habe lediglich Bilder einer Überwachungskamera, die eine verdächtige Person zeigen, die einen schwarzen Rucksack trägt - "und möglicherweise abstellt" - in der Nähe der Stelle in Boston, wo sich die zweite Explosion ereignete.

Im Netz kursiert dazu eine ganze Reihe von Fotos. In den amerikanischen Medien haben die veröffentlichten Fotos zu weiteren politisch aufgeladenen Diskussionen über die Hautfarbe "verdächtiger Personen" und deren Herkunft geführt, noch bevor die Verdachtsmomente in irgendweiner Weise von öffentlich-amtlicher Seite bestätigt wurden.

Wenn sich der "Nebel des Krieges" lichtet, der durch zeitliche Korrelation die Ereignisse in Boston und West in der Berichterstattung assoziativ verbindet - ( "It sounded like three bombs," local resident says) - , wird man im Fall der Katastrophe in Texas wohl die Sicherheitsbestimmungen über die Lagerung der Chemikalien in Düngemittelfabriken in neuem Licht befragen. Dort hofft man jetzt, dass kein Sturm aus der falschen Richtung aufkommt.

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