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Geld mehrt Wohlstand

15.08.2009

Das lehrt uns die Geschichte, meint der britische Wirtschaftshistoriker Niall Ferguson.

„Die Welt ist pleite.“ Dieser Satz war vor Wochen des Öfteren zu hören oder zu lesen. Angesichts pleiter Banken, überschuldeter Staaten und insolventer Unternehmen scheint er auch einige Plausibilität beanspruchen zu können. Allein die USA werden in diesem Jahr ein Schuldenkontingent von fast zwei Billionen Dollar anhäufen, was in etwa der Hälfte aller Bundesauslagen und dreizehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts entspricht. Und das ist noch nicht alles. Für die nächsten zehn Jahre erwartet der Haushaltsausschuss des Kongresses eine weitere Verschuldung von zehn Billionen Dollar.

Angesichts solch schlimmer Daten und trüben Aussichten fürchten manche Anleger und Sparer um ihr Geld oder Vermögen. Sie flüchten in Sachwerte, in Grundstücke, Kunstwerke, Immobilien oder Gold. Vor allem das glänzende Metall, so glauben sie, böte Sicherheit vor den Unwägbarkeiten des Finanz- und Geldsystems und sei möglicherweise der letzte Rettungsanker in einer kollabierenden Kapitalwirtschaft.

Beispiellose Dynamik

Dass dem nicht so ist, Gold weder ein guter Ratgeber noch eine gute Alternative ist, zeigt der britische Wirtschaftshistoriker Niall Ferguson in seinem Buch „Der Aufstieg des Geldes“. Erst als sich das Geld 1971 vom Goldstandard emanzipiert hatte, wuchs mit der Geldmenge auch der Wohlstand. Diese Entmaterialisierung und zunehmende Virtualisierung des Geldes sei notwendig gewesen, weil der Goldwert ein zu enges Korsett für eine auf Expansion drängende Weltwirtschaft bot. Erst diese immaterielle Ungebundenheit habe dem Kapitalismus zu jener historisch beispiellosen Dynamik verholfen, die wir in den letzten Jahrzehnten beobachten konnten.

Mittlerweile übersteigt das Volumen des Buchgeldes Münzen und Papiergeld um ein Vielfaches. Und mit seiner Zunahme steigt auch die Geschwindigkeit, mit der diese Zahlenkolonnen um den Erdball gejagt werden. Ein paar Mausklicks genügen, um einige Milliarden Dollar oder Euro in Bruchteilen von Sekunden von hier nach dort zu transferieren. Dass dadurch auch die Krisenanfälligkeit des Systems zunimmt, die Anonymisierung und Kontrollierbarkeit von Transaktionen, liegt in der Natur der Dinge.

Guckt man sich jedoch die Geschichte des Finanzwesens an, vom Beginn des modernen Bankenwesens in den norditalienischen Stadtstaaten um 1550 bis zum Zusammenbruch der Lehman Brothers Bank am 15. September 2008, dann wurde das Geldwesen immer wieder von heftigen Krisen begleitet, von Auf und Abs, von Blasen und Paniken, aber auch von Betrügern, Zockern und Kredithaien, die den Leuten das Geld aus den Taschen zogen oder sich und andere ruinierten. Börsencrashs und Gaunereien, Dysfunktionen und Zusammenbrüche von Versicherungssystemen, Kredit- oder Immobilienmärkten gehören zu ihm wie das Amen in der Kirche.

Neuordnung der Welt

Auf lange Sicht hin betrachtet schuf das Geld aber Wohlstand. Ferguson zufolge sind es gerade nicht die konjunkturellen Maßnahmen von Zentralbankern, die Eingriffe der Politik oder die pure Gier von Unternehmern, die den Finanzkapitalismus voranbringen, sondern vielmehr die Fähigkeit des Geldes, sich permanent zu verändern und dabei die unterschiedlichsten Formen, Figuren und Gestalten anzunehmen.

Alle Erfindungen, die das Finanzwesen hervorgebracht hat, Anleihen und Futures, Fonds oder Derivate, sind, das zeige die Finanzgeschichte, Mittel des Fortschritts gewesen. „Finanzinnovationen sind“, schreibt er, „keineswegs das Werk von Blutsaugern; vielmehr sind sie unentbehrlich für das Voranschreiten der Menschen heraus aus Mühsal und Not.“ Nur dort, wo sich kein entsprechendes Finanzsystem entwickelt hat, in Afrika, Süd- und Mittelamerika etwa, blieben Länder und Menschen arm. Darum muss, wer der Armut entkommen will, ausgiebig und gründlich die Funktionsweise des Finanzwesens studieren. Das gilt für Individuen im Übrigen genauso wie für Staaten und Regierungen.

Allerdings, und das mag als Mangel des Finanzsystems durchgehen, vergrößert es auch die Ungleichheit zwischen den Menschen. Einerseits spiegelt es die „menschliche Natur“ wider. Es befeuert die „animal spirits“ der Menschen und steigert sie bisweilen ins Extrem. Andererseits bereichert und belohnt es die Wendigen und Tüchtigen, Cleveren und Glücklichen, während es die Schwerfälligen und Ungeschickten, Dummen und Unglücklichen verarmt und bestraft. Zwar habe das Finanzwesen die Welt seit der Renaissance in reiche und arme, entwickelte und unterentwickelte Länder und Zonen geteilt. Doch je mehr die Finanzmärkte sich globalisieren und zusammenwachsen, desto größer sind die Chancen und Gelegenheiten für lernfähige Menschen und Nationen auch in bislang benachteiligten Regionen, es den Reichen gleichzutun, und entweder zu ihnen aufzuschließen oder sie sogar zu überholen.

Darwinistische Auslese

Prognosen darüber, wer bei diesem Wettlauf gewinnt und wer verlieren wird, kann man sich getrost schenken, meint der Professor aus Harvard. Das Finanzsystem sei viel zu komplex und chaotisch um ein gesichertes Wissen darüber zu vermitteln. Niemand könne Zeitpunkt oder Ausmaß einer Krise oder eines Aufschwungs exakt vorhersagen. Imgrunde sei es ein klassisches Beispiel für aktive Evolution. Auch das Finanzwesen funktioniere „nach dem Gesetz vom Überleben der Tüchtigsten“.

Dabei spielen zufällige „Drifts“ und „Genflüsse“ eine ebenso bedeutende Rolle wie geplante „Koevolutionen“. Das Aussieben der Schwachen, Trägen und Unflexiblen übernimmt aber der Markt. Überdauern und sich vermehren werden daher nur jene Institutionen, die mit einem „egoistischen Gen“ (R. Dawkins) ausgestattet sind, das sich replizieren und verstetigen kann. Die Geschichte des Finanzwesens ist „im Wesentlichen das Ergebnis von institutioneller Mutation und natürlicher Auslese“. Stetig revolutioniert es die alte Struktur, es zerstört sie und schafft eine neue.

Das ist ein Gedanke, den Ferguson von Joseph Schumpeter übernimmt, den dieser während WK II in seinem Buch „Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie“ formuliert hat. Schon der österreichische Wirtschaftswissenschaftler sah im Prozess der „schöpferischen Zerstörung“ den Motor der wirtschaftlichen Entwicklung. Während der Sozialist diese Rolle dem schöpferischen und einfallsreichen Unternehmer zuweist, der durch neue Ideen und den Einsatz neuer Produktionsmethoden, Techniken und Verarbeitungsmöglichkeiten den wirtschaftlichen und technischen Fortschritt immer wieder vorantreibt, macht der Historiker diese Entwicklung an der Wandlungsfähigkeit des Geldes fest, an der Beziehung der Schuldner zu den Gläubigern und umgekehrt.

Mit dieser Beobachtung findet sich Ferguson aber nicht allein. Auch Karl Marx, der scharfe Analytiker des Kapitals, sah die Geschichte im Wesentlichen vom Geld her bestimmt. Anders als der Harvard-Professor glaubte er aber nicht an den Fortlauf des Kapitalismus, als vielmehr daran, dass die Ausweitung des Geld- und Kapitalmarktes zum Sprengen desselben führen würde. Wetten darauf nehmen inzwischen nur noch wenige an. Dafür hat sich der Finanzkapitalismus bislang als zu wendig, erfinderisch und lernfähig erwiesen. Die Geschichte der Geldwirtschaft, die Ferguson in einer allgemeinverständlichen Weise vorlegt, zeigt das in verblüffender Weise. Niall Ferguson: Der Aufstieg des Geldes. Die Währung der Geschichte. Berlin: Econ Verlag 2009, 368 S., 24,90 €.

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