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Übermensch
Nachrichten über die Verbesserung, Erweiterung und Ablösung des Menschen

Gentests und die neue Verantwortung von zeugungswilligen Paaren

09.02.2010

In Großbritannien wird eine Reproduktionsklinik einen Gentest für 109 seltene Erbkrankheiten anbieten.

In Großbritannien werden alle Frauen und Männer bald Gentests machen lassen können, um herauszufinden, welches Risiko Kinder von ihnen haben werden, an mehr als 100 Erbkrankheiten zu erkranken. Bislang waren die Tests auf bestimmte Risikogruppen beschränkt. Der von dem US-Unternehmen Counsyl entwickelte Test soll von der Reproduktionsklinik Bridge in London für 400 Pfund (450 Euro) für eine Person oder für 700 Pfund (800 Euro) für ein Paar angeboten, berichtet die Times. In den USA arbeiten bereits mehrere Kliniken damit.

Notwendig ist die Abgabe einer Speichelprobe für den Gentest, mit dem sich Mutationen von 109 Erbkrankheiten wie Mukoviszidose, Sichelzellenanämie oder Spinale Muskelatrophie identifizieren lassen sollen, die bislang eine von 280 Geburten betreffen. Das heißt, es werden eigentlich nur Risiken für ziemlich seltene Erbkrankheiten mit dem Test erkannt. Die Klinik will den Test nur mit anschließender Beratung anbieten, allerdings kann man den Gentest bei Counsyl auch online für 349 US-Dollar (250 Euro) machen lassen.

Der Counsyl-Test erfasst Autosomal-rezessive Mutationen, d.h. die Träger sind normalerweise gesund, das Risiko steigt für Kinder auf 25 Prozent, wenn der Partner ebenfalls ein Träger der Mutation ist und das Kind dann zwei Mutationen desselben Gens besitzt. Versprochen wird eine Genauigkeit von 99,9 Prozent. Falls ein Risiko besteht, werden "präventive Maßnahmen" vorgeschlagen, die natürlich auch für Profit für die Reproduktionsklinik führen. So könnte ein Paar sicherheitshalber eine künstliche Befruchtung vornehmen lassen und mit einem PID testen. Vorgeschlagen wird neben "geistiger Vorbereitung", um womöglich doch den Zufall walten zu lassen, auch, Eizellen oder Spermien von einem gesunden Spender zu verwenden. Während der Schwangerschaft könne man den Embryo beobachten und dann beispielsweise entscheiden, ob man das Kind trotz Risiko haben, bestimmte Behandlungen einleiten oder abtreiben will. Letzteres wird so nicht explizit gesagt, ist aber wohl dem Testen immanent. Auch nach der Geburt eines Kindes, das an einer Erbkrankheit erkranken könnte, ließen sich manchmal präventiv Behandlungen beginnen.

Wie auch immer die britische Reproduktionsklinik die Gentests und die Beratung ausführen wird, so wachsen mit diesen Angeboten die Unsicherheiten und Verantwortlichkeiten für künftige Eltern. Angeblich ist jeder Dritte Träger einer Mutation der 109 Krankheiten, bei einem von 165 Paaren sollen beide Träger derselben Genmutation nach Untersuchungen von Counsyl sein. Wer der "Natur" seinen Lauf lässt, obgleich die Risiken einschätzbar sind, kann sich gegenüber dem dann möglicherweise kranken Kind nicht mehr herausreden. Auf der anderen Seite werden Ängste geschürt, da weder Test hundertprozentig genau ist, noch daraus erkant werden kann, ob ein Kind wirklich die Erbkrankheit erhalten wird. Das wird die Nachfrage nach künstlicher Befruchtung und PID-Tests und letztlich auch die Wünsche nach Abtreibung gefährdeter Föten verstärken

Prävention also nicht nur zur Wahrung der inneren und äußeren Sicherheit, sondern auch bei der Zeugung von Nachfahren. Balaji Srinivasan von Counsyl preist den Gentest natürlich als Selbstverständlichkeit an: "Das sollte auf dem Radar von jedem sein, bevor er ein Kind bekommt. Ebenso wie man weiß, dass man während der Schwangerschaft keinen Alkohol trinken und nicht rauchen soll, sollte man jetzt wissen, dass man sich auf Erbkrankheiten untersuchen lassen kann. Paare haben ein fundamentales Recht, ihren Trägerstatus zu kennen und auf der Grundlage von diesem Status ohne jede äußere Beeinflussung reproduktive Entscheidungen zu treffen." Sie haben aber nicht nur ein Recht auf Wissen, damit erwächst auch bei Verleugnung eine individuelle Verantwortung oder auch eine Pflicht. Gut denkbar, dass etwa Krankenkassen oder Rentenversicherungen solche Gentests verlangen und die Prämien erhöhen, wenn trotz erhöhten Risikos das Kind gezeugt und geboren wird.

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