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Nachrichten aus der Wissenschaft

Gibt es einen kritischen Punkt, ab dem eine Minderheitsmeinung zur Mehrheitsmeinung wird?

28.07.2011

US-Wissenschaftler meinen aufgrund von Computermodellen, dass die kritische Masse bei zehn Prozent der Bevölkerung liegen könnte

Wenn eine relative kleine Minderheit unbeirrbar an einer Meinung festhält und diese vertritt, wird diese von der Mehrheit einer Gesellschaft schließlich übernommen. Wer so beharrlich ist, zeigt wohl Führerschaft und ist überzeugend, zumindest dann, wenn die Mehrheit nicht ebenso verbohrt ist. Das wollen Wissenschaftler den neuen, vom Army Research Laboratory geförderten Social Cognitive Networks Academic Research Center (SCNARC) am Rensselaer Polytechnic Institute (RPI) anhand von Computermodellen von Netzwerken herausgefunden haben, wie sie in einem Artikel schreiben, der in der Zeitschrift Physical Review E erschienen ist.

In den Computermodellen haben die Wissenschaftler drei Gesellschaftstypen in Form von unterschiedlichen Netzwerken simuliert, um zu sehen, wie sich Meinungen oder Meme ausbreiten. In einem der Netzwerke ist jeder Akteur bzw. jede Person mit der jeder anderen verbunden, im zweiten Modell wurden einzelne Personen integriert, die mit einer Vielzahl von Menschen verbunden sind, wodurch sie Meinungsführer sind, und im dritten hatte jede Person in etwas genau so viele Verbindungen. In allen Modellen stellen die "Traditionalisten" die überwältigende Mehrheit dar. Alle Personen haben sie eine "Meinung", sind aber offen für andere und daher konsens- oder kompromissfähig. Sie "sprechen" miteinander über ihre Meinungen, sind aber geneigt, keine Meinung eines Außenseiters zu haben, sondern suchen jeweils in ihrem direkten Umfeld nach Konsens. In diese Mehrheit verteilten die Wissenschaftler zufällig einige Personen, die völlig überzeugt von ihrer Meinung sind und sie nicht ändern können oder wollen. Diese versuchen die anderen zu missionieren, also ihnen ihre Meinung aufzudrängen, ohne sie zu ändern oder nach einem Konsens zu streben. Man könnte sie vielleicht mit fanatischen Menschen vergleichen, die völlig überzeugt von der Wahrheit ihrer Ansichten und daher nicht gesprächsbereit sind, die keine Probleme damit haben, zunächst Außenseiter zu sein, weil sie sich als Avantgarde oder Auserwählte begreifen, und die womöglich lieber in den Tod gehen, als ihre Meinung zu ändern, oder Menschen, die anderer Meinung sind, beiseiteschaffen.

Zumindest nach den Simulationen hängt es nur von der Zahl der "Missionare" oder "Ideologen", ob sie die Mehrheit auf ihre Seite ziehen können, nicht aber vom Netzwerk oder der Gesellschaftsform. Stellen sie weniger als 10 Prozent der Bevölkerung dar, geschieht nicht viel und verbreitet sich ihre Meinung kaum oder gar nicht. Sobald der Zuhörer dieselbe Meinung wie der Redner hat, verstärkt sich in der Simulation die Meinung im Zuhörer, wenn dies nicht der Fall ist, geht der Zuhörer erst einmal zur nächsten Person. Wenn diese ebenfalls die Meinung des Vorredners hat, passt sie sich an und übernimmt sie. Wenn die Missionare allerdings die kritische Grenze von 10 Prozent überschreiten, wird ihre Meinung schnell von der Mehrheit übernommen. Unter 10 Prozent würde es so viel Zeit, wie das Universum alt ist, benötigen, um die Ideen mehrheitsfähig zu machen, sagt SCNARC-Direktor Boleslaw Szymanski: Wenn deren Zahl aber einmal 10 Prozent überschreitet, verbreitet sich die Idee wie eine Flamme." Etwas gewagt vergleicht er die Revolten in Tunesien und Ägypten damit. Hier seien Diktatoren, die über Jahrzehnte an der Macht waren, in ein paar Wochen gestürzt worden. Allerdings sind die "Missionare" in der Wirklichkeit auch nicht einig, bekämpfen einander und entwickeln ihre Ansichten fort, was die Situation natürlich weitaus komplexer macht als die sehr vereinfachten Simulationen.

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So schnell kann die Verbreitung in der Simulation gehen, wenn der kritische Punkt überschritten wird: Grafik: SCNARC/Rensselaer Polytechnic Institute

Die Wissenschaftler - Physiker, Informatiker und Mathematiker - sind der Ansicht, dass durch ihre Simulationen nicht nur deutlich wird, dass es eine kritische Massen gibt, in der eine Meinung, eine Ansicht, ein Glaube, eine Mode oder eine Ideologie plötzlich zur mehrheitsfähig wird, was man ausnutzen könnte, um eine Gemeinschaft zu steuern, sondern dass man daraus auch lernen könne, wie man Meinungen, die zirkulieren, unterdrücken oder klein halten könnte. Aber das ist ein Wunschdenken, schließlich suchen Vertreter von Ideologien und Religionen schon seit Jahrtausenden nach der Formel, andere überzeugen zu können, was aber von vielerlei Faktoren abhängt. Und in der Werbung wäre man auch schon lange froh, hätte man eine Methode gefunden, wirksam viral die Menschen von einem Produkt zu überzeugen. Jetzt wollen die Wissenschaftler erst einmal ihre Computermodelle mit historischen Beispielen abgleichen und ausprobieren, wie dies in polarisierten Gesellschaften funktionieren, wo es zumindest zwei widerstreitende Ansichten, beispielsweise zwei Parteien wie die Republikaner und die Demokraten gibt.

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