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Nachrichten aus Kultur und Medien

"Gigant der Metaphysik"

14.06.2012

Hamburger Polizei bemühte Geisterbeschwörer

Die Serie an in jeder Hinsicht unglaublichen Ermittlungspannen bzgl. der rechtsterroristischen NSU-Morde ist um eine weitere Anekdote reicher. Einer Meldung von SPIEGEL online zufolge, die aus dem NSU-Untersuchungsausschuss bestätigt wurde, haben Hamburger Polizisten auch auf die Künste eines Geisterbeschwörers zurückgegriffen. Offenbar hatte die Belohnung, die in Höhe von 300.000,- € ausgelobt wurde, einen Experten angezogen, der über eine Vermittlungsperson konspirativ seine als solchen kostenfreien Dienste anbot. Die Vermittlerin habe den iranischen Hellseher als einen "Giganten der Metaphysik" gepriesen, der mit dem Geist des Verstorbenen für 15 Minuten in Kontakt getreten sei. Der Nekromant soll über eine türkische Bande im Drogenmillieu orakelt haben, was die Ermittlungen jedoch nicht weiterführte.

Während die Ermittler grundsätzlich gehalten sind, jede brauchbare Spur aktenkundig zu machen, hielt man in Hamburg die Spökenkiekerei für so informativ, dass man sogar eine metaphysisch erhaltene Personenbeschreibung abglich. Die Aufgeschlossenheit der hanseatischen Fahnder für parapsychologische Ermittlungsmethoden ist auch deshalb bemerkenswert, weil BKA-Vizepräsident Falk wissenschaftsbasierte Ermittlungsmethoden wie "Profiling" ausgerechnet als "Kaffeesatzleserei" abtat und stattdessen die Täter in Kreisen der Hisbollah vermutete. Die Qualität von Falks Einschätzung unterschied sich also nicht von der Leistung des Hellsehers.

Hellseher, die sich bei spektakulären Kriminalfällen den Behörden andienen, sind ein alltägliches Phänomen. Etwa beim Mord von Hinterkaifeck bemühte die Münchner Polizei 1922 übersinnliches Personal. Der bekannteste "Kriminaltelepath" war hierzulande Erik Jan Hanussen, der in den 20er Jahren häufig der Polizei seine Hilfe anbot und der Presse gegenüber dabei aufgeschnappte Polizeiermittlungen als seine eigenen Erkenntnisse ausgab. In den USA werden übersinnliche Dienstleistungen von Allison Dubois, John Edward, Sylvia Browne und Rosemary Altea angeboten, denen jedoch im Diesseits Oberskeptiker James Randi das Leben schwer macht. Vorletztes Jahr bemühte die Witwe von Uwe Barschel die entsprechend begabte "Geisteswissenschaftlerin" Kim-Anne Jannes, um mit dem Jenseits in Kontakt zu treten.

Parapsychologische Fähigkeiten erforschte auch das US-Militär, das sich zwei Jahrzehnte eine Hellseher-Einheit leistete. Deren Höhepunkt bildete der beinahe weitergeleitete Fehlalarm eines scheinbaren atomaren Angriffs. Der frühere italienische Staatschef Romano Prodi nahm an Geisterbeschwörungen teil; Nancy Reagan konsultierte für die Termine ihres Mannes einen Astrologen; die Frau von Tony Blair pflegte Séancen abzuhalten. Bundeskanzlerin Angela Merkel ließ einst die BILD-Zeitung wissen, sie lese Horoskope, richte sich aber nicht danach.

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