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Günther meets Angie oder: Boulevard trifft Politik

27.09.2011

Die Bundeskanzlerin gibt eine Regierungserklärung fürs sonntägliche Talkpublikum im öffentlich-rechtlichen Staatsfernsehen ab

"Wir haben die wunderbare Aufgabe, den Euro zu retten." Dies erklärte die Bundeskanzlerin unter der Woche auf einer der diversen Regionalkonferenzen, die die CDU zuletzt anberaumt hat, um ihre Mitglieder auf Regierungslinie zu bringen.

Als ich das am Morgen bei B5-aktuell hörte, musste ich erst mal laut schallend und herzhaft lachen. Was an der Rettung des Euro wohl so "wunderbar" ist, wird allein das Geheimnis der Kanzlerin und ihrer Entourage bleiben.

Traut man jüngsten Umfragen, dann zweifeln an die 85 Prozent der deutschen Bevölkerung an all den Rettungsszenarien, die die Bundesregierung derzeit entworfen hat. Um diesen Anteil zu senken und das Wahlvolk mehr auf "Regierungslinie" zu bringen, nutzte die Regierungschefin wieder mal die Möglichkeiten, die das öffentlich-rechtliche Staatsfernsehen den politischen Eliten hierzulande bietet.

Sie machte bei Günther Jauch ihre Aufwartung, jenem neuen deutschen Talk-König, den eine Mehrheit der deutschen Bevölkerung gern zu ihrem Bundespräsidenten machen würde, wenn sie denn könnte, und gab zur besten Fernsehzeit eine zusätzliche Regierungserklärung ab.

Allein im Gasometer, aus dem die Sendung jeden Sonntag live ausgestrahlt wird, wirkte sie zunächst und für ihre Verhältnisse ziemlich unsicher und vor allem auch sehr schmallippig. Ernst und verkniffen saß sie neben Jauch, stocksteif einen Fuß über den anderen geschlagen, ohne diese Sitzhaltung während der einstündigen Sendung auch nur ein einziges Mal zu ändern. Wieder mal waren, wie häufig in derlei Fällen, wo es für sie wenig zu lachen gibt, ihre Mundwinkel tief und stetig nach unten gezogen. Der blaue Blazer, der offenbar Hoffnung, Zuversicht und Vertrauen widerspiegeln sollte, konnte daran wenig ändern.

Wohlfühlfernsehen

Die Ereignisse der letzten Wochen, der Krach mit ihren Koalitionspartnern, die Kritik aus der eigenen Partei, das laute Nachdenken in den Medien über ein Zerbrechen der Koalition und mögliche Neuwahlen, schienen sichtlich an ihr zu nagen. Und ihr Gesichtsausdruck versteinerte und verfinsterte sich noch, als der Gastgeber sie angesichts der für Donnerstag vorgesehenen Abstimmung im Bundestag über die Erweiterung des EFSF mit der ehemaligen österreichischen Kaiserin Sissi verglich und die Sendung mit Blick auf die kommende Woche mit den Worten "Schicksalstage einer Kanzlerin" einleitete.

Warum sich die Miene der Bundeskanzlerin bis kurz vor Ende der Sendung nicht wirklich aufhellte und sie ihre Unsicherheit auch niemals richtig ablegen konnte, ist schwierig zu sagen. Vielleicht weiß sie ja um die Unmöglichkeit des Unterfangens. Griechenland ist pleite und wird seine Schulden nicht begleichen. Letztlich geht es darum, den Rettungsschirm vorher in Funktion zu setzen, um künftige Staatspleiten wie die von Hellas zu ermöglichen und kontrolliert abwickeln zu können.

Denn schwer machte es ihr der Talkmaster gewiss nicht. Genau genommen war es eine Sternstunde des deutschen Wohlfühlfernsehens. Jauch stellte ihr wohlweislich keine Fachfragen, zumal er von der Materie genauso wenig Ahnung hatte wie das beizeiten zustimmend klatschende Publikum im Saal. Stattdessen schlüpfte er in die Rolle des Durchschnittszuschauers und befragte die Regierungschefin aus der Sicht des Boulevards.

Anfangs versuchte er sie noch mit Allgemeinplätzen zu lockern, etwa mit der Frage, ob sie glücklich oder unglücklich sei. Glücklich sah sie auch da nicht aus. Später erlaubte er es ihr, sich mit diversen Sprechblasen und leeren Worthülsen durch die Sendung zu hangeln. Was dann zu so bekannten Floskeln führte wie: Sie wolle Politik gestalten, ihr Amt mache ihr viel Spaß und Freude oder: Wir sind in der Krise. Wer hätte das gedacht!

Mutti hat alles im Griff

Wie sie gedenke, die Krise zu meistern, wollte Jauch darauf im Stile des Stern-TV Moderators wissen. Wir müssten Vertrauen haben, signalisierte die Kanzlerin. Wo denn ihr Kompass sei, hakte Jauch nach. Der stehe fest, gab die Bundeskanzlerin zu verstehen. Sie wolle die "Dinge bei der Wurzel fassen", und zwar "für Europa, für den Euro."

Das sollte wohl eine weitere Umschreibung ihres hundertmal zitierten Satzes sein: "Wer den Euro rettet, rettet Europa." Über die "Wurzel" allen Übels, die sie packen wollte, sagte sie allerdings nichts. Und auch der Moderator fasste bei dieser Vokabel nicht nach. Vielmehr beließ er es dabei, obwohl sich gerade bei dieser Wortwahl, die gemeinhin als Metapher für "Revolution" gilt, eine spannende Redesequenz hätte ergeben können. Frau Merkel, die promovierte Physikern und kühl kalkulierende Machttechnikern, als Revolutionärin? Das konnte und wollte man sich beim besten Willen nicht vorstellen.

Doch so viel Spontaneität hätte die Sendung durcheinander gebracht. Jauch hatte auch anderes im Sinn. Er dachte an seinen langen Fragenkatalog und an all die Einspieler, die er abzuarbeiten gedachte.

So kam es, wie es kommen sollte. Jauch gab die Stichworte, Merkel darauf als Antwort die in Medien und Talkshows hinlänglich bekannten und allseits durchgenudelten Szenarien, Probleme und Schlagworte.

Beim EFSF und künftigen ESM gehe es darum, Zeit zu kaufen; Bürgschaften seien nichts Reales, sondern Garantien für die Zukunft; das Problem sei nicht Griechenland, sondern die Ansteckungsgefahr für andere; der IWF sei in derlei Dingen kompetent, sie verlasse sich darauf, was die Troika empfehle und in Erfahrung bringe; der ökonomische Sachverstand sei selbst kontrovers in seinen Empfehlungen, sie als Politikern müsse aber jeden Schritt auf seine Konsequenzen hin genau bedenken und kontrollieren; auch wir hätten jahrzehntelang über unsere Verhältnisse gelebt, darum müssten wir diese Politik des ständigen Schuldenmachens umkehren.

Wie diese "Umkehr" allerdings aussehen könnte oder sollte, wollte oder vermochte die Bundeskanzlerin, was Wunder, nicht zu sagen. Das Lieblingswort "Schuldenbremse", das an dieser Stelle immer fällt, hält so viele Schlupflöcher bereit, dass es am Ende wie eine gestanzte Formel daherkommt. Obwohl die Bundesrepublik im letzten Jahr wirtschaftlich so viel gewachsen ist wie seit Langem nicht mehr, sind die Schulden weiter angewachsen.

Nichts Neues unter der Sonne

Neues war von der Kanzlerin auf diese Weise jedenfalls nicht in Erfahrung zu bringen. Nichts jedenfalls, was nicht in den vergangenen Wochen und Monaten nicht schon bis zum Erbrechen breitgetreten worden wäre. Anderes konnte auch niemand erwarten, weiß man doch, dass jedes missverständliche Wort, das am Sonntag fällt, am Montag an der Börse einen kleinen Sturm auslösen könnte.

Mutti hat alles im Griff, genau das wollte das Kanzleramt dem Fernsehpublikum signalisieren. Ein Treffen mit dem "Schwiegersohn", als der Jauch bei vielen älteren Frauen auch gilt, sollte dazu herhalten. Nur einmal wackelte die Kanzlerin kurz. Und zwar, als ihr im Einspieler vorgehalten wurde, noch vor knapp einem Jahr jegliche Rettungsschirme kategorisch ausgeschlossen zu haben.

Anstatt hier richtig nachzufassen, ließ Herr Jauch ihr wieder ihre abschweifenden Worte durchgehen. Ihm fehlte einfach der Schneid, die Regierungschefin zu stellen und auch mal richtig in die Enge zu treiben. Möglichkeiten dazu hätte es schließlich genug gegeben. Etwa, was es denn für die Sozialsysteme oder für die Teuerungsrate bedeute, wenn die Bürgschaften wirklich fällig würden.

Dann wäre so manchen Zuschauer doch schlecht und schwindelig geworden, er wäre mächtig ins Schwitzen und mächtig ins Grübeln gekommen, wenn er die entsprechenden Antworten darauf bekommen hätte. Doch diesen schlechten Schlaf wollten Herr Jauch und das erste öffentlich-rechtliche Staatsfernsehen den Bundesbürgern wohl doch ersparen.

Privat ist nicht immer politisch

Als am Schluss Herr Jauch seinem Schwiegersohn-Image alle Ehre machte und auch noch ins Private abdriftete, "Angie" Merkel nach Bluthochdruck, Bundespresseamt und ihrem Pastorenvater befragte, da hellte sich die Miene der Regierungschefin sichtlich auf. Von da ab wusste sie, dass es so gelaufen war, wie man sich das im Kanzleramt vorgestellt hatte. Dem Fernsehvolk hatte man die Botschaft gegeben, die man haben wollte. Die Lage ist zwar ernst, aber alles andere als hoffnungslos.

Herr Jauch hatte, wie im deutschen Staatsfernsehen üblich, Frau Merkel gewähren und mit Allerweltsformeln durchkommen lassen. Alles, worauf die Regierungschefin nicht antworten konnte oder wollte, konnte sie weg und in die Zukunft schieben. Man stelle sich vor, anstelle von Jauch wäre hier Herr Sinn oder Herr Gauweiler, Herr Stark oder Herr Weber gesessen.

All diese Herren hätten Frau Merkel nicht so billig davonkommen lassen wie der brave, gutherzige und verständnisvolle Herr Jauch mit seiner schmucken Lesebrille auf der Nase auf dem Stuhl neben ihr. Gleiches gilt im Übrigen für das US-Fernsehen, das sich nicht nur in diesen Dingen vom deutschen Staatsfernsehen wohltuend unterscheidet.

A propos: Die Sendung erreichte 6,7 Prozent Marktanteil bei der werberelevanten Gruppe der 14 -49-Jährigen. Der Marktanteil beim Gesamtpublikum belief sich auf magere 15,3 Prozent Damit erzielte Jauch mit der dritten Ausgabe seiner Sendung das schlechteste Ergebnis bislang. So viel zur Bedeutung des Regierungstalks. Im Kanzleramt wird man sich bestimmt mehr Resonanz und Aufmerksamkeit erwartet haben.

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