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Historiker-Streit um Griechenland: Die Rechnung geht nicht auf

15.03.2016

Finanzministerium will nicht über fragwürdige Thesen eines Gastes diskutieren. Forscher behauptete, Athen schulde Berlin nach der Nazi-Besatzung noch Geld

In einem Historikerstreit um Schulden Deutschlands an Griechenland aus der Zeit der Wehrmachtsbesatzung (1941-1944) bemüht sich die Bundesregierung um Entschärfung. Im Februar hatten "Die Welt" und "Der Spiegel" über ein internes Seminar im BMWi mit dem deutschen Historiker Heinz A. Richter berichtet. Der Griechenland-Experte habe darüber referiert, "ob Deutschland den Griechen noch Geld schuldet", so der "Spiegel".

Gemeint waren die Schulden aus der Besatzung Griechenlands durch die faschistische Wehrmacht (1941-1944). Zitiert wurde aus einem Aufsatz Richters (hier eine Zusammenfassung), nach dem "Griechenland (…) seit Räumung des Landes Deutschland 3.000 bis 4.000 Goldpfund (schuldet)". Die Aussage war zugleich ein Frontalangriff auf den Historikerkollegen Hagen Fleischer, der die These eines Zwangskredits der Nazi-Besatzer in Höhe von 476 Millionen Reichsmark vertritt.

In "Welt" und "Spiegel" wurde dem Seminar und der These Richters breiter Raum eingeräumt, obwohl die Veranstaltung schon mehrere Monate zurück lag. Von einer Einladung der Beamten zum Vortrag von Richter war da die Rede und dem zentralen Thema der Schuldenlast, einer "gründlichen Untersuchung" und der Widerlegung der Zwangskredit-These Fleischers.

Auf Nachfrage äußert sich die Bundesregierung nun deutlich zurückhaltender. Richter sei für ein Honorar von 1.000 Euro im Rahmen eines zweitägigen Treffens zu einem Impulsvortrag über die europäische Einigung und Griechenland eingeladen worden, heißt es auf eine Anfrage der stellvertretenden Vorsitzenden der Fraktion DIE LINKE, Heike Hänsel. Richters Schulden-These sei "weder Grund für die Einladung (…) noch Gegenstand der Diskussion gewesen". Der Referent habe seine Meinung lediglich "kurz erwähnt". Man werde das Thema daher auch nicht an die griechische Regierung herantragen.

Für Hänsel zeigen die Antworten der Bundesregierung, dass die Thesen Richters "nicht ernstgenommen" würden. Aus dem Finanzministerium heiße es dazu höflich, diese These würden nicht weiter geprüft, was in Ton und Inhalt auch den Berichten über das Seminar widerspreche. "Weshalb die Europaabteilung des Finanzministeriums aber einem Historiker mit solch fragwürdigen Thesen ein Podium bietet, erschließt sich mir nicht ­– zumal die Einladung von Herrn Richter mit einer Publikation aus dem Jahr 2012 begründet wird", fügt Hänsel an.

Einladung und Weitergabe der internen Inhalte des Seminars an die Presse ließen vermuten, dass hier Politik gegen die legitimen Reparationsansprüche Griechenlands gemacht werden solle. Die vorsichtige Distanzierung zu der fragwürdigen Haltung Richters zeige, "dass man offenbar zur Erkenntnis gelangt ist, damit über das Ziel hinausgeschossen zu sein".

Hagen Fleischer wollte auf Anfrage von Telepolis die Thesen seines Kollegen, nach denen Griechenland Deutschland nach der Besatzungszeit noch Geld schuldet, inhaltlich nicht kommentieren. Er wolle "gemeinsam mit einer Gruppe von Historikern und Griechenland-Experten anderer Fachrichtungen" eine Replik erarbeiten, so Fleischer. Im Übrigen scheine Richter "mit Fakten und Argumenten leider nicht sehr sauber umzugehen".

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