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Nachrichten aus der Wissenschaft

In Krisenzeiten suchen Reiche Schutz im materiellen Wohlstand

07.09.2012

Ärmere hingegen, so wollen Psychologen herausgefunden haben, zieht es zu Freunden und zur Familie

Kürzlich berichteten Wissenschaftler, dass in reicheren Stadtvierteln die Menschen hilfsbereiter seien ( Sind die Reichen altruistischer als die Armen?. Das war ein Ergebnis von Experimenten mit dem auf der Straße verlorenen Brief. Je öfter der Brief aufgehoben und an den Empfänger weiter geleitet wurde, desto höher wurde die Hilfsbereitschaft eingestuft. Im Forum zum Artikel über die Studie wurde das Ergebnis bezweifelt und es wurde nach Gründen gesucht, wie es erklärt werden könnte.

Tatsächlich bescheinigen ansonsten wissenschaftliche Studien eher den Reichen, dass sie egoistischer seien, während die Ärmeren sich eher gegenseitig helfen, weil sie nicht die Mittel haben, sich alles kaufen zu können. Unlängst wollen so US-Wissenschaftler anhand verschiedener Experimente herausgefunden haben, dass die Menschen aus der Oberschicht mehr schwindeln, betrügen und Regeln übertreten als die Angehörigen der Unterschicht. Psychologen der University of California in Berkeley haben in einer Studie, die im Journal of Personality and Social Psychology erschienen ist, die unterschiedlichen Einstellungen bestätigt. In Krisen oder Zeiten der Ungewissheit würden Ärmere sich auf Freunde und Familie verlassen, während die Reicheren eher nach mehr Geld und materiellem Besitz streben.

In 5 Experimenten mit verschiedenen Versuchspersonen haben die Psychologen versucht herauszufinden, wie sich Menschen aus unterschiedlichen, nach Haushaltseinkommen und Ausbildung definierten sozioökonomischen Klassen verhalten, wenn sie mit natürlichen Katastrophen wie Wirbelstürmen oder Erdbeben und menschengemachten Krisen wie Wirtschaftskrisen oder politischer Instabilität konfrontiert werden. Wird Chaos, eine Situation der Unsicherheit, erlebt, so die These, geraten die Menschen in Stress und reagieren im Extrem mit Flucht oder Kampf oder "tend or befriend" (sich um das Eigene kümmern oder sich anfreunden).

Für die Experimente wurden die Versuchspersonen teilweise meist erst einmal in entsprechende Stimmungen wie Hilflosigkeit, Unsicherheit oder Angst versetzt, um bestimmte Aufgaben zu lösen. So wurden Studenten in einem Experiment gebeten, über positive und negative Faktoren zu schreiben, die ihre Ausbildung beeinflussen. Nur die aus ärmeren Schichten wollten sich bei Schwierigkeiten an ihre Gemeinschaft wenden. Ähnlich in einem anderen Experiment, bei dem eine andere studentische Versuchsgruppe Wörter zu Sätzen gruppieren sollte, die auf Chaos oder Negatives suggerierten. Danach erhielten sie die Möglichkeit, an einer Aufgabe zur Gemeinschaftsbildung teilzunehmen, was aber wieder nur die Versuchspersonen aus den unteren Schichten machten. In einem anderen Versuch sollten Studenten, die zuvor eingestimmt worden waren, dass die Welt chaotisch ist, sagen, inwieweit sie nicht sonderlich verklausulierten Sätzen wie "Ohne Geld zu verdienen, Zeit zu verbringen, ist Zeitverschwendung" oder "Geld ist das einzige, worauf ich mich wirklich verlassen kann" zustimmen. Hier also stimmten eher die Angehörigen der reicheren Schichten zu. Oder Studenten wurden in einem weiteren Versuch gefragt, ob sie weit weg ziehen würden, um einen besser bezahlten Job zu bekommen, was aber hieße möglicherweise die Bindung an Familie, Freunde und Kollegen zu verlieren. Die Studenten aus den ärmeren Schichten würden ein solches Angebot eher ablehnen, während die aus den reicheren Schichten die Gelegenheit eher ergreifen würden.

Für die Psychologen folgt daraus, dass die Reichen in Zeiten der Ungewissheit eher dazu neigen, ihren Wohlstand zu erhalten oder zu vermehren, während die Ärmeren eher mehr Zeit mit Freunden und der Familie verbringen wollten. Die Unterschiede würden in Krisenzeiten zwischen den Schichten noch größer werden. Ob die Experimente das wirklich hergeben, ist eine andere Sache, die Psychologen vermuten jedenfalls, dass die Reichen, wenn sie vom Chaos in ihrer Umgebung bedroht sind, deswegen stärker zu materiellen Dingen als zu Beziehungen neigen würden, weil "materieller Reichtum ein besonders auffallender, zugänglicher und bevorzugter Mechanismus zur individuellen Bewältigung" sein könnte.

Nun ja, das klingt nicht sehr einleuchtend, kalifonische Psychologen haben in einer Studie dafür eine wohl bessere Erklärung angeboten. Sie gehen davon aus, dass es die unterschiedlichen Lebenswelten seien, die ärmere und reichere Menschen unterschiedlich prägen. Wer in einer reicheren sozialen Schicht aufwächst, neigt stärker zur Individualisierung, was durch den Besitz größerer Ressourcen ermöglicht wird. Sie müssen sich weniger auf andere verlassen, sind also unabhängiger von persönlichen Beziehungen und Gegenleistungen, auf die sich die ärmeren Menschen stützen müssen, wenn sie etwas benötigen.

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