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In den USA gibt es die höchste Einkommensungleichheit unter den Industrieländern

21.03.2012

Noch halten die Menschen nach einem Bericht des Congressional Research Service an der Ideologie fest, dass jeder aufsteigen kann, aber die soziale Mobilität ist zur Ausnahme geworden

Die Kluft zwischen Arm und Reich ist in den USA besonders hoch. Ein Bericht des Congressional Research Service (CRS) macht deutlich, dass die Einkommensungleichheit in den USA höher als in den anderen Industriestaaten ist, vor allem aber auch, dass ökonomische Mobilität weitgehend verschlossen ist. Die Aussicht, vom Tellerwäscher zum Millionär werden zu können, einer der zentralen Bestandteile des "Amerikanischen Traums", bleibt also in aller Regel ein schöner, aber leerer Traum.

Zwar gebe es nur begrenzt Daten zum Vergleich der Staaten, aber anhand der existierenden, so der CRS in dem Bericht, "scheint die Einkommensverteilung in den USA zu den ungleichsten aller Industrieländer zu gehören und die USA scheinen zu den Nationen zu gehören, in denen die größten Zuwächse bei den Maßstäben für Ungleichheit zu beobachten sind".

Das unterste Fünftel der Einkommensschichten konnte in den letzten Jahrzehnten seinen Anteil nicht verbessern und blieb bei unter 4 Prozent stecken. Dagegen ist der Anteil des reichsten Fünftels am Gesamteinkommen von 42,6 Prozent im Jahr 1968 auf 50,2 Prozent im Jahr 2010 angestiegen. Auch der Anteil der reichsten 5 Prozent kletterte im selben Zeitraum von 16,3 auf 21,3 Prozent. Der Anteil der Mittelklasse, also der drei mittleren Fünftel, ist hingegen von 53,2 Prozent auf 46,5 Prozent geschrumpft. Gewonnen haben also nur die Reichsten, was auch ein politisch gewolltes Ergebnis ist, das durch fortlaufende Steuersenkungen für die oberen Einkommen erzielt wurde, wie dies George W. Bush auch gemacht hat und für deren Beibehaltung die Republikaner und die Tea-Party-Bewegung weiter eintreten.

Die Amerikaner seien womöglich deswegen so wenig besorgt über die Einkommensungleichheit, weil sie glauben, dass jeder die gleiche Chance habe, die Einkommensleiter hochzuklettern. Das dürften aber nach Durchsicht der Forschugsliteratur übertriebene Hoffnungen sein, so heißt es im Bericht lapidar. Ein Aufstieg von ganz unten nach ganz oben komme ziemlich selten vor: "Wo man in der Einkommensverteilung beginnt, bestimmt wesentlich, wo man in ihr endet."

Der CRS macht einige nahe liegende Gründe für die ungewöhnliche hohe Kluft zwischen Arm und Reich in den USA verantwortlich. Andere Länder würden mehr Geld in Transferleistungen geben, wodurch die vorsteuerliche Ungleichheit zumindest abgemildert wird. Zur Einkommensverteilung tragen aber auch die Einnahmen bei, die durch unterschiedliche Steuerprogression erreicht wird. Eine wichtige Rolle würde auch die gewerkschaftliche Organisierung spielen, durch die höhere Löhne durchgesetzt werden können. In den USA und in Großbritannien sei der Machtverlust der Gewerkschaften für einen Teil der wachsenden Kluft - 3 bzw. 5 Prozent - verantwortlich. Allerdings verweist der Bericht auch auf Deutschland, wo trotz der Gewerkschaften die Ungleichheit angestiegen ist und die Löhne real gesunken sind.

In den USA habe lange Zeit eine Kultur geherrscht, in der Umverteilung - als sozialistisches oder kommunistisches Machwerk - abgelehnt wurde, weil man eben an die Möglichkeit geglaubt, dass jeder die Einkommensleiter hinaufklettern kann, wenn er es nur will. In den USA werden aber beispielsweise 50 Prozent der Vor- bzw. Nachteile, in einer reichen bzw. armen Familie aufzuwachsen, "vererbt", d.h. letztlich, man kann machen, was man will, man bleibt oben oder unten. Nach Studien hat sich die soziale Mobilität bis zu den 1980er Jahren vergrößert, seitdem ist es aber bergab gegangen, also mit dem Beginn des Neoliberalismus und in den USA mit Reagonomics. Wenig mobil sind neben den USA auch Großbritannien und Frankreich. Am offensten sollen Kanada, Finnland, Dänemark und Norwegen sein. Deutschland und Schweden befinden sich in der Mitte.

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