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Nachrichten aus Kultur und Medien

John Glenns geheime Mission

20.02.2012

Vor 50 Jahren gefährdete der Astronaut den Weltfrieden - ohne es zu wissen

Als heute vor 50 Jahren am 20. Februar 1962 US-Astronaut John Glenn ins All flog und als erster Amerikaner die Welt umrundete, war ihm ein düsteres Geheimnis im Hintergrund seiner Mission nicht bekannt. Er wähnte sich als Held, der den USA ihren Stolz wieder zurückgeben sollte. Kapp fünf Jahre zuvor hatten die Sowjets die Nation mit dem Sputnik schockiert, der die technologische Führungsrolle der Vereinigten Staaten infrage stellte und die äußere Sicherheit gefährdete. 1961 hatten die Sowjets mit Juri Gagarin den ersten Menschen ins All geschossen, der auf die Amerikaner herabsah. Waren die USA bislang vor Invasionen durch zwei Weltmeere effizient geschützt gewesen, so musste man nunmehr mit atomar bewaffneten Satelliten und himmlischen Kommando-Leitständen rechnen, denen man nichts entgegen zu setzen hatte. Triebfeder der US-Raumfahrt war von Anfang an das Militär gewesen, dessen unterschiedliche Waffengattungen um die erste taugliche Rakete rivalisierten. Der inzwischen höchste amerikanische Soldat General Lyman Louis Lemnitzer hatte als General des Heeres mit dem Deutschen Raketeningenieur Wernher von Braun auf das richtige Pferd gesetzt. Nun sollte das von Lemnitzer protegierte Werk Früchte tragen und die Nation zu neuem Glanz zu führen – der mitten im Kalten Krieg gerade bitter nötig war.

Zehn Monate zuvor hatten sich die USA bis auf die Knochen mit der lässlich getarnten CIA-Invasion in der Schweinebucht blamiert. Die Militärs und Geheimdienstler hatten sich gegenseitig die Schuld am Desaster zugeschoben. Eine vor Jahren aufgefundene Aktennotiz verrät jedoch, dass Lemnitzer durchaus erkannt hatte, dass die Invasion, so wie sie geplant war, schon aus militärischen vorhersehbaren Gründen zum Scheitern verurteilt war. „Nuts“ (verrückt) notierte Lemnitzer auf seinem Exemplar des geheimen Angriffsplans. Dennoch machte der zynische Stratege keine Anstalten, seinen Präsidenten vom CIA-gesteuerten Einmarsch der Exilkubaner abzubringen. Taktischer Gewinner der vorhersehbaren Schwierigkeiten wäre das mit der CIA rivalisierende und daher nur zähneknirschend kooperierende US-Militär gewesen, das als Back Up „zufällig“ bereit stand, um auf einen inszenierten Hilferuf kubanischer Konterrevolutionäre einzugreifen. Bis dahin wollte Präsident Kennedy das offizielle Militär herauszuhalten. Die wenigen von ihm bewilligten Jets der Airforce waren als scheinbar desertierte kubanische Flugzeuge getarnt. Die Militärs rechneten damit, dass Kennedy seine Haltung spätestens dann revidieren und sie rufen würde, wenn die CIA-Leute unter harten Beschuss kämen. Doch Kennedy war überraschend stur geblieben, die Strategen hatten nicht einmal das Verhalten des eigenen Präsidenten planen können. Das peinliche Debakel in der Schweinebucht düpierte die Militärs, die fortan danach glühten, die Sache ohne die CIA selbst zu erledigen und die Schmach auszumerzen.

Angesichts der Empörung über die Aggression gegen die Zuckerinsel benötigte man für eine erneute Invasion einen brauchbaren Vorwand, um der Welt und dem amerikanischen Volk insoweit eine Verteidigungshandlung vorzugaukeln. Diese Methode hatte sich vielfach bewährt, gerade auf Kuba, wo 1898 die bis heute offiziell ungeklärte Explosion des US-Kriegsschiffs USS Maine im Hafen von Havanna als terroristischer Akt propagiert wurde, um den Spanisch-Amerikanischen Krieg zu legitimieren. Zu den ersten Plänen, welche der Generalstab um Lemnitzer für einen „Remember the Maine“-Zwischenfall schmiedete, gehörte der Vorschlag, einen Fehlschlag von John Glenns historischem Flug den Kubanern in die Schuhe zu schieben. Unfälle im US-Weltraumprogramm entsprachen eher der Regel als der Ausnahme. Bei den östlichen Mitbewerbern war es nicht anders, jedoch konnten die abgeschotteten Sowjets Fehlschläge effizient vertuschen, etwa in der Weise, dass nur erfolgreich gestartete Raketen eine Seriennummer bekamen. Etliche Kosmonauten bezahlten ihren Mut mit dem Tod, von dem Jahrzehnte niemand erfuhr. 2001 enthüllte der bekannte Militärhistoriker James Bamford Dokumente, die belegen, dass die amerikanische Generalität für den nicht unwahrscheinlichen Fall eines Fehlschlags erwog, einen solchen propagandistisch zu nutzen, um die „Schuld“ hieran den Kubanern anzulasten. So planten die Strategen allen Ernstes das Fälschen von „Beweisen“ für eine kubanische „Sabotage“, die vorgeblich mittels elektromagnetischer Störung erfolgt wäre.

Ein solcher Fall, der sich für ein katalytisches Ereignis bestens geeignet hätte, wäre beinahe tatsächlich eingetreten. So hatte ein Mikroschalter in Glenns Raumkapsel der Bodenstation ein falsches Signal über den Zustand des Hitzeschilds gefunkt. Um Glenn nicht zu beunruhigen, ließ man ihn über die Situation im Unklaren und änderte heimlich das Landeprogramm. Per Fernsteuerung ließ die Bodenstation die Bremsraketen nicht vor dem Wiedereintritt in die Atmosphäre abwerfen, sondern bemühte diese zur scheinbar erforderlichen Stabilisierung des Hitzeschilds. Die unplanmäßig verbliebenen Bremsraketen verglühten schließlich, wo sie Glenn am Fenster als unerwartete Feuerbälle wahrnahm. Insgesamt störte dieses gut gemeinte Manöver unnötig den Landeprozess, der auch in anderer Hinsicht turbulenter als geplant verlief. Dennoch kam Glenn mit dem Schrecken davon und gab der Nation einen wichtigen Teil ihres patriotischen Stolzes wieder. Allerdings hatten nicht nur die Generäle Glenn den möglichen Hintergrund seiner Mission verschwiegen, auch Präsident Kennedy betrog den enthusiastischen Astronauten aus propagandistischem Kalkül: Er wies heimlich die NASA an, den für die Volksseele unentbehrlichen Nationalhelden nicht durch weitere Raumflüge zu gefährden, die Glenn so sehr ersehnt hatte.

Die obersten Dienstherren des Militärpiloten Glenn beobachteten den erfolgreichen Flug mit gemischten Gefühlen, denn ihr Konzept eines erhofften Zwischenfalls, der einen Pearl-Harbour-Effekt hätte auslösen können, hatte sich mit der geglückten Landung erübrigt. Wenigstens konnten die Strategen nach dem Anschluss an die bemannte Raumfahrt nun vom Erfolg ihrer damals ultrageheimen Militärastronauten sowie von geargwöhnten sowjetischen Atomtests hinter dem Mond träumen. Die Generalität suchte nun nach anderen Vorwänden, um die geplante offizielle Invasion auf Kuba politisch zu ermöglichen. Zu ihren Plänen gehörte das Vortäuschen oder gar tatsächliche Begehen von terroristischen Anschlägen auf eigene Schiffe, Flugzeuge usw., wie sie im damals ultrageheimen Northwoods-Dokument heute für jedermann nachzulesen sind. Von diesen Ideen wollte insbesondere Verteidigungsminister McNamara nichts hören und ließ den umtriebigen Lemnitzer und den aggressiven Airforce-General Curtis LeMay auflaufen. Ein halbes Jahr später bekamen die Militärs ihren ersehnten Anlass sogar frei Haus geliefert. Ironischerweise handelte es sich ebenfalls um Raketen, jedoch nicht für Raumfahrer, sondern für das atomare Feuer.

Zum Krieg auf Kuba oder gar zum Dritten Weltkrieg kam es nicht. 1998 durfte US-Pionier John Glenn, der inzwischen selbst eine politische Karriere gemacht hatte, mit 77 Jahren an Bord des Space Shuttles wieder in den Orbit. Das Shuttle, das im Geiste des Kalten Kriegs zur Verwirklichung der SDI-Pläne konzipiert war und das nukleare Gleichgewicht hätte stören sollen, diente inzwischen weitgehend zivilen Zwecken. Nach 49 Jahren endete schließlich 2011 vorerst die Geschichte der bemannten US-Raumfahrt. Zum Transport zur Space Station kauft die NASA heute Fahrkarten bei den Russen, die General Lemnitzer einst so hasste.

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