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Junge männliche Macho-Muslime

05.06.2010

Eine Studie des Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) unter Leitung von Christian Pfeiffer findet einen "signifikanten Zusammenhang zwischen Religiösität und Gewaltbereitschaft" bei jugendlichen Muslimen aus Zuwanderfamilien

Die Ergebnisse der Studie seien "schwierig", so Christian Pfeiffer, federführender Autor der Untersuchung zur Gewaltbereitschaft muslimischer Jugendlicher aus Zuwandererfamilien, gegenüber der Süddeutschen Zeitung. Die Zeitung stellt die Studie in ihrer heutigen Printausgabe etwas ausführlicher dar als in den gewalttaetigkeit-junger-muslime-waechst-mit-glauben/50123043.html: dpa-Meldungen dazu. Auf der Website des verantwortlichen Instituts, dem Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN), das die Studie in Zusammenarbeit mit dem Bundesinnenministerium durchführte, ist sie noch nicht veröffentlicht. Sicher ist, dass sie die Debatte um die Integrationsbereitschaft junger Muslime aufheizen wird. Ihre Ergebnisse sind, soweit bekannt, Zündstoff für Scharfmacher.

45 000 Jugendliche, darunter etwa 10 000 Migranten, zwischen 14 und 16 Jahren aus 61 deutschen Städten wurden nach ihrer Einstellung zu Gewalt und Religion befragt. Nach ihren Angaben und denen von Opfern zeigten sich "vor allem Jungs aus muslimischen Zuwandererfamilien als besonders gewalttätig": Sie begingen nach eigener Darstellung häufiger Delikte wie Körperverletzung und Raub.

Als besonders besorgniserregend wird herausgestellt, dass jene unter den muslimischen männnlichen Jugendlichen, die sich als "sehr religiös" einstuften, noch häufiger Gewalttaten begingen. Wohingegen die Studie bei evangelischen und katholischen Jugendlichen eine gegenläufige Tendenz feststellt: Gerade für christliche Zuwanderer, meist aus Polen oder der ehemaligen Sowjetunion, gelte, so der Zeitungsbericht: "Wer seinen Glauben lebt, begeht seltener jugendtypische Straftaten wie Raub, Sachbeschädigung oder Ladendiebstahl."

Für Brisanz in der Diskussion dürfte zudem sorgen, dass die Studie sozialen Faktoren für die Gewaltbereitschaft weniger Gewicht beimisst. Man habe danach gefragt, welche Schulabschluss die Jugendlichen anstreben, wie die berufliche Situation und die Ausbildung der Eltern aussehe, ob sie arbeitslos seien oder Hartz-4-Empfänger. Auch wenn man diese Faktoren herausrechne, wird Pfeiffer zitiert, bleibe "ein signifikanter Zusammenhang zwischen Religiösität und Gewaltbereitschaft". Zwar zeige sich, dass die muslimischen Jugendlichen, die sich als Gläubige einstuften, weniger Alkohol tranken und weniger Ladendiebstähle verüben würde, bei den schwerer wiegenden Gewalttäten würde sich jedoch "eine Schere zu Ungunsten muslimischer Jungen auftun". Muslimische Mädchen würden dagegen ebensowenig auffallen wie Mädchen anderer Konfessionen.

So rückt die Studie das "Bild der Männlichkeit von muslimischen Jungen" in den Vordergrund. Von einem

direkten

Zusammenhang zwischen muslimischen Glauben und Gewaltbereitschaft will Pfeiffer laut SZ

nicht

sprechen. Er konzentrierte sich auf Zustimmung zu "Macho-Bildern", die Gewalt etwa beim Betrug der Frau rechtfertigen, auf den Konsum von Gewalt in Filmen oder Videospielen (eine bevorzugte Forschungsdomäne von Pfeiffer) und darauf, ob Jugendliche mit anderen Jugendlichen befreundet sind, die Straftaten begangen haben.

Ergebnis: die muslimischen Jugendlichen aus Zuwandererfamilien, die sich als "sehr religiös" bezeichneten, schnitten bei allen diesbezüglichen Fragen deutlich schlechter ab als die anderen. Sie stimmten beispielsweise doppelt so häufig "Macho-Aussagen" zu wie die christlichen Zuwanderer. Die größte Muslim-Gruppe stellen die Türken. Unter denen, die sich als "sehr religiös" bezeichnen, ermittelte die Studie, dass sie sich nur zu einem geringen Prozentsatz - 14,5 Prozent - als Deutsche fühlen, obwohl sie zum allergrößten Teil - 88,5% - in Deutschland geboren sind.

Dass die Identifikation mit Deutschland sinke, je religiöser die Jugendlichen sind, bestätigt auch der Religionswissenschaftler Rauf Ceylan, der mit seinen Untersuchungen zur Rolle von Imamen in Deutschland bekannt geworden ist (siehe "Die meisten Predigten gehen an der Lebensrealität der Muslime vorbei"). Ceylan fügt der Studie jedoch die Beobachtung hinzu, wonach es, was die Identifikation mit Deutschland angehe, eine Wechselwirkung gebe:

"Selbst Jugendliche in der dritten Generation werden noch als Ausländer wahrgenommen. Wer seinen muslimischen Glauben lebt, muss an vielen Stellen damit rechnen, dass er nicht mehr dabei ist. Das aber fördert den Rückzug in die eigene Gruppe, in Religion oder Nationalismus - mit den Männlichkeitsvorstellungen, die damit verbunden sind."

Ceylan, den die Studie nach eigenen Aussagen "nachdenklich macht", räumt ein, dass Imame junge Muslime in ihrem Männerbild dahingehend bestätigen, dass sie Ungleichheit vermitteln und Männern die dominierende Rolle zugesprechen; die aggressiveren Vorstellungen von Mannlichkeit würden allerdings in den Familien vermittelt. Gewalt habe lange Zeit noch auch einen Platz im Unterricht gehabt, auch bei türkischen Lehrern in Deutschland.

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