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Nachrichten aus Kultur und Medien

Knietief in der Altersdepression?

15.03.2012

Sehnsuchtsvoll und melancholietrunken schaut der zeitgenössische Indierock in die Vergangenheit, als Träume noch erlaubt, Märchen noch geglaubt und Wünsche noch geholfen haben

Ab vierzig etwa mindert sich die physische Leistungskraft extrem. Besonders die des Mannes. Hobbykicker merken und wissen das. Auf einmal ist das Tempo weg, der Antritt lässt nach, die Spurtkraft schwindet und die Jungspunde ziehen auf dem Feld mühelos an einem vorbei. Deshalb sind vor einem halben Jahrhundert die Amateurkicker auch dann zu den Senioren gewechselt - wie das damals tatsächlich noch oder schon hieß.

Immer jünger

Im Profifußball ist diese Altersschwelle in den letzten Jahren dramatisch gesunken, seitdem die Anforderungen in punkto Athletik, Fitness und ständiger Laufbereitschaft mächtig gewachsen sind. Ehemalige Starkicker wie Michael Ballack, Frank Lampard oder Ronaldinho haben das massiv zu spüren bekommen. Obwohl gerade mal Anfang oder Mitte dreißig, sind sie in ihren Vereinen nur noch zweite Wahl und müssen dort meist mit der Ersatzbank Vorlieb nehmen.

Zwar gibt es immer noch ein paar Ausnahmen. Paul Scholes und Ryan Giggs bei ManU oder Javier Zanetti bei Inter kicken, obwohl sie an der Vierzigermarke kratzen, aufgrund ihrer Erfahrung und außergewöhnlichen Fitness noch durchaus ansehnlich auf diesem Niveau. Die Zeiten aber, als Paolo Maldini oder Lothar Matthäus noch jenseits der vierzig in der Königsklasse aufliefen oder die Farben ihres Landes vertraten, dürften endgültig vorbei sein.

Früher Abschied

Von Rockmusikern dachte man das vor Jahrzehnten auch. Für sie galten gar die Dreißig als "Demarkationslinie", die besser nicht erreicht werden sollten. Neil Young gab in "My, My, Hey, Hey" noch in den Achtzigern den Rat: "It's better to burn out than to fade away". Knapp eine Dekade davor befanden sich Jethro Tull, künstlerisch gerade selbst ziemlich ausgebrannt, mit dreißig zwar "too young to die", aber doch schon "too old for rock'n'roll".

Schließlich überraschten The Who nochmals ein Jahrzehnt davor ihre Generation in "My Generation" mit der Erwartung: "I hope I die before I get old". Was Keith Moon, ihr wilder Trommler, seinerzeit anscheinend so ernst nahm, dass er sich, wie einige seiner Kollegen, frühzeitig aus dem Rockbusiness verabschiedete.

Forever Young

Mittlerweile wissen wir, dass dieser Furcht vorm Altern, vor aufkommender Altersdepression oder einfach: vor dem Erwachsenwerden ein grobes Missverständnis zu Grunde lag und teilweise immer noch liegt. Ein stetig wachsender Teil der Rockkünstler, von Madonna über die Stones oder Van Halen bis hin zum betagten Leonard Cohen, missachtet längst diese "Weisheiten". Scheinbar unermüdlich turnen und touren sie, in teils beeindruckender Weise, durch die Konzerthallen und Stadien dieser Welt ( Über das Altern der Popkultur).

Und nicht nur die: Auch Bands wie Duran Duran, die Beach Boys oder die Stone Roses, die längst ihren Sitz in der "Hall of Fame" gefunden haben, tun sich wieder zusammen, nicht nur um nochmals gute Kohle zu verdienen und die Langeweile zu vertreiben ( Langeweile oder Geldnot), sondern um all diese Sprüche der Lüge zu strafen.

Für Rockkünstler scheint offensichtlich zu gelten, was The Who noch Ende der Siebzigerjahre vom Rock'n'Roll behauptet und in "Long live Rock" in Umlauf gebracht haben: "I need it every night / Come on and join the line / Be it dead or alive".

Lucky to be alive

Das Versprechen nach "ewiger Jugend", das Rock, Pop und Rock'n'Roll geben, kann aber mitnichten darüber hinwegtäuschen, dass jeder Rockmusiker, und sei er auch noch so erfolgreich, früher oder später von einem plötzlichem Leistungsabfall befallen, von Selbstzweifeln geplagt oder gar von einer tiefen Identitäts- und Sinnkrise heimgesucht wird.

Die Reaktionen auf diese "Manic Depression", die mit dem Verlust des jugendlichen Elans, der Schöpferkraft und dem Erlöschen von Sturm und hereinbrechen und über die (neben Van Morrison in "Underlying Depression") bereits der Mitzwanziger Jimi Hendrix Ende der Sechziger gestöhnt hat, dass sie "seine Seele im Griff habe" und eine "frustrating mess" sei, fallen mitunter höchst unterschiedlich aus.

Zehren die einen nur noch vom vergangenen Ruhm und ziehen sich, kreativ ausgebrannt wie Metallica, Robbie Williams oder Axel Rose, ins Private zurück, überlebten andere, wie der so genannte "Klub 27" (Brian Jones, Jim Morrison, Curt Cobain et al.), das Leben auf der wilden Seite nicht oder sind Gevatter Tod, man denke an Dave Gahan, Ozzy Osbourne oder Pete Doherty, gerade noch mal von der Schippe gesprungen.

Doch besser tot

In einer Art "Zwischenstadium" oder "Zwischenwelt" verharrte lange Jahre das R & B Königspaar Michael Jackson und Whitney Houston. Beide fielen bekanntlich mit dem Überschreiten der Dreißig bzw. dem Erreichen der ominösen Vierzig in ein tiefes, künstlerisches Loch, aus dem sie nie wieder herausgefunden haben.

Comebackversuche, die sie beizeiten starteten, missrieten mitunter völlig. Wie im Übrigen auch alle Versuche, den exzessiven Drogenkonsum, dem sie sich zudem hingaben, mit Alkohol, Medikamenten oder Kuraufenthalten zu bekämpfen.

Mit dem körperlichen Verfall, der dem verlustreichen Leben auf der Bühne und auf der Überholspur folgte, kamen sie ebenso wenig zurande wie mit all den verfänglichen Bildern und reißerischen Berichten, die Paparazzi und Reporter danach von ihnen machten und die in Zeitungen und Magazinen beizeiten zu sehen und zu lesen waren.

Verarbeitungsproblem

Aus der Tiefenpsychologie wissen wir, dass sich die Adoleszenzphase, in der laut Erik H. Erikson die Rollen- und Selbstfindung des Einzelnen nicht nur stattfindet, sondern möglichst auch gelingen sollte, nicht beliebig ins hohe Erwachsenenalter ausweiten oder gar bis ans Lebensende verlängern lässt - auch wenn moderne Gesellschaften das mit dem in ihnen grassierenden Schönheitswahn und Jugendkult ständig suggerieren.

Irgendwann wird man im Leben mit den drei bedeutsamsten Fragen konfrontiert, die zu beantworten uns der Philosoph Immanuel Kant vor etwa zweihundert Jahren mit auf den Weg gegeben hat, nämlich: Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Sie führen dann zu der entscheidenden Frage, die alle vorhergehenden zusammenfasst: Was ist der Mensch und was hält ihn im Grunde am Laufen und funktionieren?

Der Königsberger Philosoph hat es sich damals mit der Lösung dieser Fragen bekanntermaßen selbst nicht ganz einfach gemacht und neben drei dicken, alles andere als leicht zu lesende Kritiken auch noch eine Anthropologie verfasst, mit der heute noch jeder Student der Philosophie konfrontiert wird.

Vielfältiges Angebot

Höchst kühn und verwegen wäre es, Antworten darauf vom Sport oder gar von Rock und Pop zu erwarten. Zumal diese Genres längst nicht so sprachgebunden sind und mitnichten rational und analytisch verfahren wie die denkerische Zunft, sondern eher selbstreferentiell operieren wie andere soziale System auch. Auf sie muss jeder Einzelne darum mehr oder weniger selbst eine Antwort finden, die ihn einigermaßen zufrieden stellt.

Während es die einen beizeiten mit Heirat, Familie und Hausbau versuchen oder vermehrt nach Macht, Besitz oder Aufmerksamkeit streben, suchen die anderen vehement das Abenteuer und den Nervenkitzel in den Bergen, Wüsten und Höhlen dieser Welt. Sie springen von Brücken, besteigen die Achttausender dieser Erde oder absolvieren einen Marathon nach dem anderen.

Wer mit alldem nichts anzufangen weiß, weil es ihm zu spießig oder zu riskant ist, kauft sich einen Porsche oder schließt sich vielleicht einer dieser neumodischen Sekte an. Er zieht aufs Land, baut Gemüse an, züchtet Schafe und sinniert über das Leben im Allgemeinen. Oder er fängt an, sich expressiv zu betätigen, also zu malen, zu fotografieren, Gedichte zu schreiben und in sozialen Netzwerken sich zu verewigen.

Nichts anderes gelernt

Rockmusiker wiederum, die nichts anderes gelernt haben, als immer weiter der Losung zu folgen, die Mick Jagger und Keith Richards seinerzeit in "Street Fighting Man" ausgegeben haben, wonach "ein armer Junge nichts anderes tun könne, als in einer Rock'n'Roll-Band zu singen", haben ihre jeweils eigene Art mit diesen mentalen Tiefs umzugehen.

Lösen die einen ihre Bands urplötzlich auf, um eine Solokarriere zu beginnen oder diverse Nebenprojekte zu verfolgen wie Damon Albarn mit den Gorillaz oder Alex Turner von den Arctic Monkeys mit The Rascals oder The Last Shadows Puppets, fahnden die anderen ständig nach dem perfekten Sound, wie gerade Martin Gore von Depeche Mode und Vince Clarke von Erasure mit VCMG auf "Ssssh".

Stand up!

Bruce Springsteen wiederum hatte immer schon seine eigene Art, mit dem Unbill des Lebens umzugehen ( Willkommen in der Erwachsenenwelt). Die Rolle, die Publikum und Kritiker ihm in all den Jahrzehnten aufgebürdet haben, Wächter über die Einhaltung amerikanischer Werte und Ideale und Stimme des Mannes an der Werkbank oder auf der Straße zu sein, wiegt schwer und verpflichtet ( American Ways).

Mittlerweile jenseits der sechzig sucht er neuerdings "in this depression", die ihn angesichts der Erwartungen an ihn und des Zustands seines Landes befallen hat, nicht nur "das Herz" der Hörer, er gibt sich auch überaus zornig, wütend und kämpferisch. Auf seinem jüngsten Werk "Wrecking Ball" mimt er, nachdem sich das "Working On a Dream" ( Mission erfüllt), das er noch vor drei Jahren ausgerufen hat, als trügerisch gezeigt hat, den Klassenkämpfer und stilisiert sich erneut in der Pose des Predigers.

Gesinnungsrock

Dass er dabei den Rocksound im doppelten Sinn des Wortes "vergeigt", wie der FAZ-Kritiker treffend bemerkte, die meisten anderen Kritiker wegen seiner Parteinahme für die Unterdrückten und Entrechteten dieser Welt aber in die Knie gehen, zeigt im Grunde nur, dass es im Popfeuilletonismus dieser Tage vor allem auf die richtige Haltung und Gesinnung ankommt.

Nur so ist nachvollziehbar, warum genau dieselben Kritiker, die den Stadionrock etwa von Coldplay, wiewohl musikalisch auf weit höheren Niveau, geißeln und verdammen, gleichzeitig dem dumpf stampfenden Bierzelt-Rock, den Springsteen auf "Wrecking Ball" anschlägt und den auch die Kaiser Chiefs oder (schlimmer noch) Status Quo (Thomas Gottschalk sei's gedankt) nicht besser hingekriegt hätten, ehrfürchtig zu Füßen liegen.

Reminiszenzen

Matthew Caws, Komponist, Sänger und begnadeter Grübler des Indierock, der musikalische Ohrwürmer offenbar mühelos, wie die letzten zwanzig Jahre gezeigt haben, aus den Ärmeln schütteln kann, scheint seine aufkommende Depression, die das Leben jenseits der Vierzig mit sich bringt, mit launigen Reminiszenzen an die eigene Jugend begegnen zu wollen.

Damit knüpft er (bewusst oder nicht) an eine Thematik an, die vor eineinhalb Jahren bereits Win Butler von Arcade Fire auf "The Suburbs" ausgegraben hat, als er sich bei der Suche nach neuem Material an jene Orte seiner Jugend begeben hat, wo das Träumen noch erlaubt und das Wünschen vielleicht noch geholfen haben, der "Suburban War", der sich dort bereits abgespielt hat, aber die Jungs und Freunde schon entzweit und in unterschiedliche "tribes" aufgeteilt hat.

Wie verzerrend und verfälschend eine solche Ortsbegehung ist und werden kann, weiß jeder, der selbst solche Unternehmungen schon mal gemacht hat. "This town's so strange / They built it to change / And while we're sleeping all the streets, they rearrange" - weiß Butler demzufolge auch darüber zu berichten. Nichts ist mehr, wie es mal war. Die Erinnerung trügt, sie verklärt vieles; und auch der Erinnernde ist über all die Jahre ein anderer geworden.

Laut Heraklit kann man eben nicht "zweimal in denselben Fluss steigen" . Weil das so ist, die Zeit an der Erinnerung nagt, bleibt in aller Regel nur ein von Sehnsüchten und Träumen, von viel Wehmut und Wermut geprägter Blick, wie schön oder garstig es möglicherweise dort und damals mal gewesen ist.

Launig statt wehleidig

Dass er sich dessen und der Krise, die der Verlust der jugendlichen Sorglosigkeit mit sich bringt, durchaus bewusst ist, kündigt Caws bereits in "Clear Eye Clouded Mind" an, dem Eröffnungssong des nunmehr siebten Studioalbums "The Stars Are Indifferent To Astronomy", das von Nada Surf Ende Januar bei "Cityslang" erschienen ist.

"All I feel is transition", singt er da zum gewohnten Power-Pop, den er mit seinen Kollegen in bekannt lässiger Manier und gemixt mit eingängigen Melodien und gewitzten Harmonien ohne Spur von Wehmut oder gar Wehleidigkeit einspielt und den ein Kritiker mal treffend als "Surfsound für Großstadtkids" bezeichnet hat.

Geradliniger und direkter kann man wohl nicht rüberbringen, was Caws plagt oder umtreibt. Was hat Mann noch zu erwarten, wenn der Zenit des Lebens erreicht ist, Schwung und Elan weg sind und die wichtigen Dinge längst geregelt sind: Haus und Hof bestellt und der Baum davor möglicherweise schon gepflanzt sind? Beginnt dann die lange Zeit des Wartens ("It always feels like I'm waiting for something"), wie es in "When I was Young" heißt, und von dem Beckett uns schon erzählt hat?

Klugerweise lässt Caws am Ende offen, worauf da gewartet wird. Ob auf eine neue Schubkraft ("energy"), die dann möglicherweise doch sehr "elusive" und "hard to hold" ist, vor allem, wenn man älter, grau und schütter wird auf dem Kopf, oder doch auf etwas ganz anderes? - Genaues weiß man nicht. Die Zukunft ( "The Future"), so auch der zehnte und Schlussakkord des Albums betitelt, kennt niemand. "The future's empty in it's way / The future has long lines / The future looks like a screen".

In Schwung mit jung?

Wer unlängst in den hiesigen Gazetten die Debatte über "die Schmerzensmänner" mitverfolgt hat, muss vielleicht die Hoffnung auf was ganz Neues noch nicht ganz aufgeben. Besonders dann, wenn er Cora Stephans Überlegungen dazu in der NZZ gelesen hat ( Die Liebe in Zeiten ihrer Allverfügbarkeit).

Ihr zufolge ist der "Silberlockenmann", sollte er Charisma, Macht oder Reichtum besitzen, für jüngere Frauen durchaus attraktiv und noch begehrenswert. An seiner Seite und in seinem Windschatten kann Frau nämlich ungestört Karriere machen, was ihr mit einem gleichaltrigen Mann sehr viel schwerer fallen würde.

Für Caws stellt das keine Alternative dar: "I cannot believe the future's happening to me". Lieber findet er sich mit einer dieser nüchtern, abgeklärten Wahrheiten ab, die uns Niklas Luhmann, der wohl größte deutsche Soziologe, den Nachkriegsdeutschland jemals hervorgebracht hat, vor Jahren schon ins Stammbuch geschrieben hat und die der Sänger in "Looking Through", dem wohl schwungvollsten Song des Albums, verbreitet: "I am watching your life / You're watching mine too".

Träne rollt

Flugs sind wir an dieser Stelle beim Beobachten angelangt, einer Haltung der Unentschiedenheit, die seinerzeit schon Ray Davies von den Kinks des Öfteren, siehe "Sunny Afternoon", gehegt und gepflegt hat, wenn ihm das Songtexting schwerer fiel. Um hier allerdings interessante Einsichten zu produzieren, braucht es außer wachen Augen auch eines sensiblen Gemüts, um die Besonderheiten des Alltags auch wahrnehmen und würdigen zu können.

Dem rollt dann vielleicht tatsächlich beim Anblick eines jugendlichen Breakdancers, der sich auf dem Bahnsteig einer U-Bahnstation mit seinen Verrenkungen ein paar zusätzliche Dollar verdient, eine Träne über die Wange, weil ihn die Szene extrem rührt oder sie ihn, wie einst Charles Baudelaire im Paris des späten 19. Jahrhunderts, einfach an die Flüchtigkeit des Augenblicks oder den Verlust der jugendlichen Unbeschwertheit erinnert.

Vielleicht wird ihm dabei aber auch nur gewahr, dass er damals bisweilen bloß die falschen Fragen gestellt, aber immerhin noch die richtigen Antworten bekommen hat ("Sometimes I ask the wrong questions / but I get the right answers). Weswegen es auch laut Caws niemals "too late for teenage dreams" ist.

Aus der Traum

Gewiss überdeckte während der Zeit des Stürmens und Drängens das Hoffen, um Kant nochmals zu bemühen, das Wissen. Auch die Erfahrung, das Abwägen und das Kalkül waren mehr oder minder noch Fremdwörter. "When I was young", singt Caws, "I didn’t know if I was better off asleep or up". Aber jetzt, wo er "grown up" ist und der Pragmatismus unsere Handlungsweisen dominiert, wundert er sich, "what was that world I was dreaming of?" Und nicht nur das: Zeitgleich entdecken wir, alt und grau werdend: "There's no snow on the mountain / There's no river to cross / Now we're drinking our dust". Von all den vielen Träumen, Erwartungen und Wünschen, die wir mal über uns und die Welt gemacht und an denen wir manchmal allzu lange festgehalten haben, sind nur wenige übrig geblieben. ("But how many dreams do we hold on to? / You've had so many you left with so few.")

Grau meliert

Wer den mittlerweile Vierundvierzigjährigen jüngst auf seiner Kurztournee erlebt hat, wird sich gewundert haben, wie grau meliert und bieder im Aussehen sich Caws jüngst auf der Bühne präsentiert. Wäre da nicht Gabriel Lorca, der den Bass noch genauso zupft und seine Dreadlocks trägt wie anno dazumal, könnte man an einen freundlichen Herrn denken, der dich freundlich begrüßt und dir die Tür aufhält.

Wenig erinnert mehr daran, dass er mal der Liebling der Indierock-Szene war und als gewichtige Stimme einer von Selbstzweifeln geplagten Indie-Generation jenseits der zwanzig angesehen wurde, die sich unabhängig gibt und vom Mainstream, von den Majors und ihrem Kommerzbetrieb strikt abgrenzt.

Doch auch diese Zeiten sind vorbei. Der Indierock ist genauso tot wie der Pop. Man lese diesbezüglich den Essay von Sasha Frere-Jones, der vor fünf Jahren im "New Yorker" nacherzählt hat, wie es passieren konnte, dass "der Indierock seine Seele verloren hat" ( A Paler Shade of White). Längst hat man sich auch in diesem Genre mit den Vertretern des Business und der digitalen Welt verständigt und arrangiert. Die Differenzen oder Losungen, die vormals ausgegeben werden, stehen nur noch auf dem Papier.

Für die Freiluftsaison

All das ändert aber nichts daran, dass das neue Album mit das Beste ist, was das Frühjahr in Sachen Pop und Rock zu bieten hat. Nach einem von Coversongs getragenen Übergangsalbum "If I had a Hi-Fi, und dem eher braven "Lucky" davor, wartet das jüngste Werk mit zehn kraftvoll eingespielten Songs auf, die ausnahmslos gute Laune machen. Erdig im Klang und die Leichtigkeit des Seins austrahlend liefern sie den passenden Begleitsound zur beginnenden Freiluftsaison.

Stellen sich Lebenskrisen und das Hadern mit dem Verlust der Jugend so dar wie auf diesem Album, dann muss sich Mann wahrlich keine Sorgen machen, wenn er die Vierzig erreicht oder sie schon überschritten hat. Dann kann er dem Kommenden durchaus freudig entgegensehen und gemeinsam mit Caws ein lautes: "Let it go / Let it go / Let it go" anstimmen. Nada Surf - "The Stars Are Indifferent To Astronomy" (City Slang/Universal)

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