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Kritik an Alice Schwarzers Kreuzzug gegen die Sexarbeit

16.08.2013

Der Emma-Herausgeberin siedelt den Kampf gegen die Prostitution auf einer Ebene an mit dem Kampf gegen die Pädophilie

Die Emma-Herausgeberin präsentiert sich gern als Stimme der Frauen und gibt auch gerne vor, was eine Frau zu tun und lassen hat. Dagegen haben sich schon immer Frauen gewehrt, die keine Vertreter-Stimme brauchten, um sich zu artikulieren. In den letzten Jahren galt die Bild-Kolumnistin, Angela-Merkel-Unterstützerin und häufige Talk-Show-Teilnehmerin als eine wichtige Repräsentantin eines neuen Deutschlands, das Frauenrechte sehr ernst nimmt. Der Streit über Schwarzers Statements wurde aber leiser, wahrscheinlich auch, weil viele ihre Kritikerinnen und Kritiker müde geworden waren, immer wieder die gleichen Argumente vorzubringen.

Mit Emma verdammt allein

Doch jetzt hat Schwarzer es wieder geschafft, heftigen Widerspruch von Frauen zu erzeugen. Grund dafür ist ihre Polemik gegen Prostitution in einem Beitrag in der Taz, in dem sich Schwarzer als frühe Kämpferin gegen jedes Verständnis von Pädophile in Szene setzt. Dabei nimmt sie den grünen Spitzenpolitiker Volker Beck ins Visier und wirft ihm vor, sexuelle Gewalt noch immer zu bagatellisieren. Schwarzer schreibt:

"Die Grünen verstehen sich als die Erben der 68er. Aber ob zum Beispiel der Parlamentarische Geschäftsführer der Grünen, Volker Beck, 52, überhaupt ahnt, was Amendt damit gemeint haben könnte? Beck kann sich nicht auf die Gnade der späten Geburt zurückziehen. Er war Mitte der 1980er Jahre in der SchwuP aktiv (Bundesarbeitsgemeinschaft Schwule, Päderasten und Transsexuelle) beziehungsweise ist 'ein-, zweimal da gewesen', wie er heute sagt. Die SchwuP war die Speerspitze im Kampf um die Liberalisierung der Pädophilie. Beck forderte noch 1988 in einem Text die Entkriminalisierung der Pädosexualität.

Und heute? Heute sagt derselbe Beck über Prostitution, für ihn 'ein Beruf wie jeder andere', wörtlich:

'Wenn Leute etwas anbieten, andere es kaufen wollen und es keine ökologischen oder sozialen Nebenwirkungen gibt, die man dringend unterbinden muss, dann nehme ich das zur Kenntnis und störe mich nicht weiter dran.'

Sexualität als Ware. Der schlimmste Albtraum aufrichtiger AufklärerInnen ist wahr geworden. Und die Parallelen im Diskurs um die Pädophilie und dem über die Prostitution drängen sich regelrecht auf: Auch die heute über 90 Prozent Armuts- und Zwangsprostituierten in Deutschland werden geleugnet, und es ist von 'Einvernehmlichkeit' und 'Freiwilligkeit' die Rede. Und auch bei diesem Kampf – gegen die Verharmlosung und Akzeptanz der Prostitution und für den Schutz der betroffenen Frauen – bin ich mit Emma mal wieder verdammt allein.

"Typisch Schwarzer"

Der Verein Dona Carmen, der sich für soziale und politische Rechte von Prostituierten einsetzt, warf Schwarzer in einer Pressemitteilung vor, eine öffentliche Kreuzzugsmentalität gegen Sexarbeiterin zu befeuern. Ihre Zahlen über den hohen Anteil von Zwangsprostituierten hielten einer Überprüfung nicht stand. Dona Carmen moniert:

"Die angeblichen 'Parallelen' zwischen Pädophilie und Prostitution erschleicht Schwarzer sich mit der Behauptung von '90 Prozent Armuts- und Zwangsprostituierten in Deutschland', für die es freilich nicht den geringsten empirischen Beleg gibt. Seriöse empirische Studien jenseits von Boulevardpresse und medialer Panikmache belegen das Gegenteil. Schwarzers Gewährsmann für diese Zahlenangabe war vor Jahren der damalige Hamburger LKA-Chef Detlef Ubben. Doch auch der hatte für seine windige Schätzung keinen stichhaltigen Beleg vorzuweisen."

Tatsächlich stößt Schwarzer mit ihrer Volte gegen Sexarbeiterinnen auch in der feministischen Bewegung seit Langem auf Widerspruch. Es existiert weltweit eine "sexpositive" feministische Strömung, die sich nicht absprechen lässt, für die Rechte von Frauen und von Transpersonen einzutreten. Im Unterschied zu Schwarzer und ihrer Strömung aber reden Vertreterinnen dieser Strömung nicht von "den Frauen", weil es eben Frauen mit unterschiedlichen Interessen und Vorstellungen gibt.

Allerdings dürfte Schwarzer mit den Femen neue Bündnispartnerinnen gefunden haben, so dass sie doch nicht mehr ganz so allein mit Emma ist. Die Aktivistinnen haben streng hierarchisch organisierte Ableger in verschiedenen Ländern. In Deutschland ist die Femen-Dependance in den letzten Monaten mit vehementen Attacken auf die Prostitution hervorgetreten, die aber nicht ohne Widerspruch blieben.

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