w
Außer Kontrolle
Twister schreibt

Lange Ärmel auch im Sommer bitte

Wenn es nach Frau von der Leyen und Co. geht, dann soll das Internet die schöne heile Welt darstellen, die nie existierte oder existieren wird. Billigstes Retuschieren der Schönheitsfehler, die die Perfektionsidylle zerstören.

Es ist ziemlich heiß hier und wenn ich einkaufen gehe, ziehe ich ein Jäckchen über mein Top. Nicht, weil es sonst zu kühl wäre, nein. Vielmehr aus dem Grunde, dass es mir schwer fällt, in kurzärmeligen Sachen herumzulaufen. Meine Arme sehen reichlich zerschnippelt aus und nicht einmal der dümmste Töffel würde annehmen, dass tatsächlich meine Katzen daran schuld sind. Warum fällt es mir eigentlich so schwer, trotzdem rauszugehen und zu sagen "so ist es nun mal"? Größtenteils, weil ich mit diesem "was sollen die Leute denken?"-Denken aufgewachsen bin. Anders zu sein war peinlich und wenn ersichtlich wurde, dass jemand Probleme hat, säuft, psychisch krank ist, irgendwelchen Mist baute, in der Psychiatrie landete oder was auch immer, dann hieß die Parole schlichtweg "das ist nicht unser Problem." Zwar wurde hintenherum getuschelt, aber nach Außen hin waren die drei Affen angesagt: nichts sagen, nichts sehen, nichts hören.

Menschen sehen oft nicht gerne, dass andere Menschen Probleme haben. Der betrunkene, heulende Mann auf der Bank beim Dorffest, die sich einnässende Frau, die nach Hause schwankt, das Kind mit den einmal zu oft auffälligen blauen Flecken, der weinende Opa, die zu viel Shit rauchende Tussi oder der sonstwas in sich reinfressende Typ - wegsehen oder lästern ist immer simpler und beliebter als einmal die Füße hinter die Absperrung von Abscheu, Ekel, Herablassung und Verachtung zu setzen, um die helfende Hand auszustrecken.

Die Illusion der Schönheit, der Perfektheit, des hübschen Lebens will eben gepflegt werden, genauso wie der Vorgarten, in dem mit geradezu fanatisch anmutender Akribie jeder Löwenzahn, jeder Grashalm, jede Brennessel der Hacke oder dem Roundup zum Opfer fallen, auf dass die notfalls mittlerweile sogar künstlich eingefärbten Heidebüsche und Rosen eine Idylle vortäuschen.

Wer hier langläuft, der findet aufgeräumte Bürgersteige, gefegte Straßen, blühende Geranien und gestutzte Hecken. Es war anfangs eher deprimierend, hierher zu kommen weil diese Idylle so grell strahlt, dass ich sie sogar glaubte. Doch man muss nicht in "Twin Peaks" landen, um festzustellen, dass die Idylle hier nur eine Fiktion ist. Hinter den weiß gestrichenen Mauern, den hübschen Gardinen, den Geranien am Fenster und den sorgfältig geputzten Rolladen verbergen sich so viel Leid, Verzweiflung, Wut, so viele traurige Schicksale, verlassene Seelen und blutende Herzen, dass es schmerzt.

Was Frau von der Leyen und ihre Bundesgenossen möchten, ist die mediale Umsetzung dieser Lüge. Um anderen und sich selbst den Anblick des Lebens zu ersparen, wie es tatsächlich ist, sollen Stoppschilder, DNS-Verbiegungen und Filter das Internet in eine Idylle verwandeln, in das perfekte Leben, in dem es nur Schönes gibt. Alles, was nur irgendwie von jenen, die die Macht haben, als hässlich, ekelig, verachtenswert, widerlich, grausam... angesehen wird, soll dem Schönen, dem Hübschen, Friedlichen und Akzeptierten weichen. Die Definitionshoheit darüber, was schön und was hässlich ist, liegt natürlich bei denen, die mit Machtfülle ausgestattet sind.

So wie einige den Giersch oder Löwenzahn ausmerzen, weil sie diese Pflanzen als Unkraut deklarieren, so sollen die Un-Inhalte ausgemerzt werden, soll der Vorgarten des Internet etwas suggerieren, was nicht einmal im wahren Leben stattfindet.

Frau von der Leyen und ihre Befürworter wollen nicht nur nicht wahrhaben, dass es in diesem kleinen Dorf hinter der weißgetünchten Mauer Menschen gibt, die sich jeden Tag mit Glasscherben die Arme aufschneiden, sie wollen auch verhindern, dass es jemand sieht, dass es jemand wahrnimmt. So kann sich natürlich auch niemand darum kümmern, aber das ist den Protagonisten der technischen Heuchelei egal. Den Kinderpornoseiten werden Pro-Ana-Seiten folgen, Seiten, auf denen sich Menschen über ihre Selbstverletzungen austauschen, auf denen Menschen ihre Depressionen schildern. Menschen wie Frau von der Leyen können nicht verstehen, dass auch die Tatsache, dass man mit seinen Macken nicht allein ist, schon tröstend sein kann. Sie wollen es gar nicht verstehen, sie wollen von all dem nichts wissen, wollen wegschauen können, wenn der Betrunkene sich einnässt oder die Frau nebenan mit blauem Auge ankommt. Das Leben ist einfacher so. Sonnenbrillen für jene mit blauen Augen, lange Ärmel für jene, die sich an den Armen verletzten - das sind die Lösungsvorschläge, die von solch kurzsichtigen Menschen, solch verblendeten und egoistischen Menschen wie Ursula von der Leyen kommen.

Für sie ist der eingekotete, besoffene, heulende Mensch niemand, dem man helfen sollte - für sie ist er Abschaum, den man nicht sehen will. Dass die Dame auch noch Familienministerin ist, macht das Ganze doppelt widerlich. Familie sollte nicht nur etwas wie Blutsverwandschaft bedeuten - es sollte Mitgefühl und Hilfe bedeuten und gerade auch die Familienministerin sollte hier Mitgefühl, Hilfeleistung, Füreinanderdasein ins Zentrum ihres Wirkens stellen. Stattdessen aber predigt die Kultur des Wegsehens, des Angewidertseins, eine Kultur des Lügens. Das ist die Antikultur der Familie, das ist offene Verachtung gegenüber Menschen mit Problemen, das ist Zynismus pur. Wenn nebenan das Kind geschlagen wird und schreit: stell die Musik lauter. Das ist Frau von der Leyens Rat, wobei sie selbst sogar noch die Musik lauter stellt. Dem Kind hilft das nicht, aber vielleicht Frau von der Leyen selbst. Bei dem Gedanken "ich habe etwas getan", auch wenn es nur das eigene Gewissen beruhigt und hilft, die Idylle aufrechtzuhalten.

Ich werde mein Jäckchen wieder anziehen, ich glaube, Frau von der Leyen wäre stolz auf mich. Aber notfalls würde sie wohl Zwangsjäckchen für "solche wie mich" einführen, denn andere wollen geschützt werden. Ach - ich zieh doch nur ein Top an. Es ist warm hier und ich glaube, ein paar Häuser weiter freut sich jemand, wenn ich mit ihm einen Kaffee trinke. Narben hin oder her. Vielleicht trägt er demnächst auch mal Shorts, auch wenn man dann *seine* Narben sieht. Auch vermeintlich Hässliches kann manchmal tröstend sein. Und es gehört zum Leben, zum ganz normalen leben, fernab der Illusion, dass das Leben nur Schönes zu bieten hat.

Aber das werden Menschen wie Frau von der Leyen niemals verstehen können. Sie sind die Putzkolonne des Internets, die Malermeister, die die Mauern weiß tünchen und den Löwenzahn aus dem Garten herausreißen, die Make-Up auf die blauen Flecken pinseln und dann sagen, es sei doch alles in Ordnung. Für sie ist es das wohl auch.

Anzeige
Cover

Die Form des Virtuellen

Vom Leben zwischen den Welten

Anzeige
Hellwach mit Telepolis
Anzeige
Cafe
Telepolis-Cafe

Angebot des Monats:
Kaffee und Espresso aus Nicaragua in der Telepolis-Edition für unsere Leser

Cover

Aufbruch ins Ungewisse

Auf der Suche nach Alternativen zur kapitalistischen Dauerkrise

Demokratie am Ende?

Wolfgang J. Koschnick analysiert den Niedergang der entwickelten parlamentarischen Parteiendemokratien. Das verbreitete Klagen über "die Politiker" und die allgemeine "Politikverdrossenheit" verstellt den Blick dafür, dass alle entwickelten Demokratien in einer fundamentalen Strukturkrise stecken.

bilder

seen.by

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

Tastenkürzel:

ctrl-Taste:
Zum Wechseln zwischen Heise- und Google-Suche

esc-Taste:
Verlassen und Zurücksetzen des Eingabe-Felds

Buchstaben-Taste F
Direkt zur Suche springen

SUCHEN

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

SUCHEN

.
.