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Nachrichten aus Kultur und Medien

Lena, es reicht!

31.05.2010

Die scheinbare Harmlosigkeit in Person versetzt Medien, Politiker und Menschen in Erregung, zur Versöhnung mit der Wirklichkeit taugt dies nicht

Die Medien drehen durch, und Deutschlands Politiker auch. Da gewinnt eine mittelmäßig singende, ganz adrette, eine wenig schrullige und vor allem absolut harmlose 19-Jährige im Eurovision Song Contest – und Deutschland scheint Kopf zu stehen. Endlich sind wir mal wieder wer, nachdem es mit dem deutschen Papst nicht so geklappt hat, die Nationalmannschaft auch den Erfolg nicht eingespielt hat und die deutsche Regierung eher bemitleidenswert wirkt, während das Land in Schulden versinkt und harte Zeiten bevorstehen. Die konservative Faz titelt in dem Sinne: Du bist Deutschland. Schließlich habe sie es allen gezeigt. Nicht zuletzt uns.

Es scheint den Drang zu geben, das "erfrischende" Fräulein aus Deutschland zur deutschen Repräsentantin zu machen – Lena befördert das, indem sie gerne mit Schwarz-Rot-Gold hantiert. Und wie sie Deutschland repräsentiert: Nicht böse, nicht schrill, nicht sonderlich gestylt, mit einem gewissen Spaß bei der Sache, ein ganz klein wenig frech – und vor allem, apolitisch, ohne Kanten und Ecken, sauber und lächelnd, willig alles mitmachend und optimistisch, keine Botschaft als sich selbst. Nett. Das gefällt auch angeschlagenen Politikern. Ministerpräsident Christian Wulff eilte an den Flughafen und machte am Rollfeld seine Aufwartung: "Sie hat unsere Herzen erobert!" Er lässt auch von der Bundeskanzlerin grüßen. Man lässt sich nichts entgehen, um nicht ein wenig positiv und populär dazustehen.

Es wird dann schon einmal von Göttin gesprochen, wie in den Tagesthemen, die Bild fragt, ob "unsere Lena" jetzt zur Millionärin wird und letztlich damit auch allen vorführt, dass selbst in Krisenzeiten ein kometenhafter Aufstieg für alle möglich ist? Meint man das beim Spiegel, wenn der Autor schreibt: "Längst geht es nicht mehr nur um den Grand-Prix-Gewinn, plötzlich steht sie für eine neue Generation, die sich nicht verbiegt. Jeder will ein bisschen Lena sein."

Die Feuilletons sind angesteckt, kommen nicht mehr aus angesichts der Lena-Manie. Man rätselt letztlich – wir natürlich auch - , warum solch ein Getöse um die Harmlosigkeit in Person bei einem absolut unbedeutenden Ereignis gemacht wird? Sicher, man ist der inszenierten Stars müde, weswegen die Casting-Shows eine gewisse Popularität haben. Jetzt hat es eine aus der Mittelschicht nach oben gespült – und man ist gerührt oder eher sprachlos angesichts des Aufmerksamkeitstornados. Ist Lena ein Mem, ein Virus, das sich hinter der Harmlosigkeit versteckt, um alle zu infizieren? Springers Welt feiert rhetorisch geschickt: Europa mag uns. Womit haben wir das verdient? Die Antwort, ja, was soll man sagen? "Sie sieht aus, wie gerade aus dem Bett im Studentenwohnheim gefallen, singt englisch mit einem merkwürdigen Akzent und haarscharf an den richtigen Tönen vorbei. In ihrem schlichten schwarzen Kleid ist sie einfach nur Lena. Vielleicht etwas freundlicher, persönlicher und natürlicher als die anderen. Ihr Lied tut keinem weh. Das reicht locker für den Sieg."

Ja, aber die Unschuld, die Spontane, natürlich ist sie das nicht, schon gar nicht in der Medienmaschinerie des Eurovision Contest. Das gibt zu denken: "Die Europäer haben nicht in erster Linie für die tollste Stimme votiert. Oder für den tollsten Song. Sondern für eine Ausstrahlung, die mitten ins Herz trifft. Massenhaft haben sie für eine Art kollektive Idealtochter gestimmt, deren Frische vor allem – von der Verlegenheit bis zum ungestümen Jubel – überzeugt. Oder zumindest für das Mädchen von nebenan, dem man neidlos Glück wünscht für sein großes Lebensabenteuer." Es sei ein "eindeutiges Votum für das Ungelenke, Spontane, herzerwärmend Unfertige" gewesen, meint der Tagesspiegel.

Da soll noch jemand sagen, die Medien würden sich nur auf das Negative stürzen. Soviel Aufmerksamkeit für so wenig Berichtenswertes gab es bislang kaum. Eher schon stürzen sich nun die Medien gierig auf das virulent Positive. Eigentlich ist das alles ziemlich peinlich. Lena sei ihr Erfolg gegönnt, auch ihren jungen Fans. Aber jetzt reicht es wieder mit der Realitätsverdrängung und dem Fräuleinwunder. Da ist sogar DSDS der Wirklichkeit näher, immerhin gibt es da auch Knastbrüder, Menschen mit Migrationshintergrund (oje), Sexualität oder Drogen. Lena ist clean und schön bürgerlich, anscheinend brauchen das Viele. Abgesehen davon, dass es immer faszinierend ist, in der Masse zu schwimmen und Massenerregungen zu teilen.

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