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Außer Kontrolle
Twister schreibt

Liebe Leser, Ihr seid uns eigentlich egal

Onlinemedien leben vom Dialog mit den Nutzern. Dementsprechend sollten die Nutzer auch behandelt werden. Doch das Gegenteil ist der Fall.

Onlinemedien, egal ob als Ergänzung zum Printmedium oder als eigenständiges Angebot, leben von den Nutzern*. Sie bringen Klicks, die für die weitere Bewerbung wichtig sein und zu mehr Werbepartnern führen können, sie bieten wichtige Ansatzpunkte für weitere Artikel, erledigen oftmals das sträflich vernachlässigte Lektorat, fügen weitergehende Links hinzu ... Rein ökonomisch betrachtet sind sie insofern bares Geld.

Der Dialog mit den Nutzern ist natürlich nicht kostenfrei. Die Foren müssen gewartet, evtl. moderiert und zumindest überflogen, Anfragen beantwortet und nicht zuletzt Strafrechtliches gelöscht werden, bevor es zu nerven-, zeit- und geldaufwändigen Verfahren kommt. Doch ohne den Nutzer kann ein Onlinemedium nicht überleben bzw. dümpelt dahin wie eines der vielen Blogs, welches lediglich sporadisch aufgerufen wird – als auch zur (Selbst)Werbung mögliches Medium ungeeignet.

Nun sollte man annehmen, dass die Anbieter dies verstanden haben und somit geradezu um den Nutzer werben. Ist eine Moderation bzw. ein Löschen von Beiträgen notwendig, so könnte z.B. durch Möglichkeiten wie einen "Zensurkübel" Transparenz hergestellt werden. Natürlich erfordert all dies einen gewissen Aufwand und es bleibt die Zeit, die es mit Trollen zu verschwenden gilt. Denn Trolle jeglicher Art sind in jedem Forum, das sich einiger Beliebtheit erfreut, schnell bereit, ihrem Tun nachzugehen.

Hier muss jedoch angemerkt werden, dass der Begriff "Troll" mittlerweile inflationär genutzt wird. Ging es einst nur um Leute, die absichtlich Diskussionen ins Absurde ziehen, um zu stören und zu nerven, so gilt heutzutage schon fast jeder irgendwann als Troll, sollte seine Meinung nicht ins Gesamtbild passen. Der Umgangston in Foren ist, das ist kaum zu übersehen, rauer geworden.

Die Diskussionen ähneln dem Aufeinandertreffen zweier Parteien, bei denen keine auch nur einen Schritt auf den anderen zugehen bzw. zurückweichen will. Egal, ob in Diskussionen über die Lage in Syrien, die USA, die Geheimdienste, Bürgerrechte, Emanzipation, Feminismus, Essen, Tierschutz, Kinderschutz, Umweltschutz, die Erforschung der Knochen des Neandertalers ... es gilt oft nur noch, die eigene Meinung um jeden Preis zu verteidigen, und jene, die anderer Meinung sind, zu diskreditieren. Auch bei vermeintlich banalen Themen.

Dies beginnt oft schon beim Kommentieren von Artikeln, deren Stoßrichtung nicht gefällt. Der Artikel zum Thema "sexueller Missbrauch von Männern" wird dann als Anbiederung an Männer und Verharmlosung des sexuellen Missbrauchs von Frauen angesehen; der kritische Israel-Artikel als Antisemitengewürge; das Interview mit der Veganerin als "Feminazipropaganda" und "Verbotsfaschistenwerbung" ... der rote Faden des "was mir nicht gefällt, ist Getrolle" zieht sich weiter in den Foren.

Dabei wird von allen Seiten stets auf die Meinungsfreiheit verwiesen, was jedoch keineswegs dazu führt, dass diese seitens der Forenten z.B. auch in allen Bereichen als wichtig oder zu bewahren angesehen wird - vielmehr wird oft zwar die Meinungsfreiheit gepriesen, gleichzeitig der Kontrahent als jemand, der schon mal am "Laternenpfahl aufgeknüpft gehört" etc. bezeichnet oder der mehr oder minder phantasiereich bebilderten oder geschilderten Folteridee gefrönt.

Doch auch wenn die Meinungsfreiheit in den Foren nicht immer gerne gesehen wird, bleibt es dabei, dass jeder Klick, jeder Beitrag letztendlich das ist, wovon Onlinemedien leben. Es verwundert daher, dass sich in vielen prominenteren Onlinemedien eine Haltung etabliert hat, die den Nutzer höchstens noch als hinzunehmendes Übel ansieht. Diskussionen werden teilweise gar nicht mehr oder höchstens bei einigen wenigen Themen zugelassen, alles, was auch nur den Hauch einer Kontroverse aufweist, führt zu einem einseitigen "wir berichten, das reicht."

Spiegel Online beispielweise hat bei vielen kontroversen Themen keine Foren mehr, in denen es zu diskutieren gilt. Bei anderen Themen, bei denen die Diskussionen auch einmal mit harten Bandagen geführt werden, wird freundlich-süffisant angemerkt, dass das Forum geschlossen wurde (nach 5 Seiten moderierter Diskussion), jedoch die Diskussion natürlich nachgelesen werden kann. Veraltete oder den Nutzerwünschen wenig entsprechende Software macht es bei anderen Medien schwierig, an Diskussionen teilzunehmen, während immer öfter auf das datenschutztechnisch nicht unumstrittene Disqus-Forensystem ausgewichen wird.

Einen neuen Höhepunkt dieser "Nutzerfreundlichkeit" kann man nun bei der Süddeutschen Zeitung erleben, die die Diskussionen in den eigenen Foren fast vollständig gestrichen hat. Der SZ gelingt es dabei, dies auch noch als eine Art Qualitätsoffensive zu verkaufen, die dem Leser dient. Die Debatten werden jetzt im hauseigenen Forum (auf Disqus umgestellt) nur noch zu 2-3 Themen geführt werden, natürlich moderiert. Doch das ist nicht alles – in einem bemerkenswerten Spin wird die Tatsache, dass natürlich auch per Twitter, auf Facebook oder mittels Google+ diskutiert werden kann, als Bereicherung angepriesen.

"Auf Disqus, Facebook, Twitter und Google Plus werden wir Sie künftig auch verlinken, wenn Sie einen beliebigen Artikel von SZ.de mit den Fans der SZ oder mit Ihren Freunden diskutieren wollen. Diese Möglichkeit ersetzt die klassische Kommentarfunktion unter den Artikeln - die wir schon in den vergangenen Monaten wegen des Aufbaus der neuen Angebote kaum noch so moderieren konnten, wie sie es verdient hätte. Wir haben dazu viel Kritik von Lesern bekommen, mal wegen des Diskussionsniveaus, mal wegen der Qualität der Moderation. Wir haben uns deshalb entschieden, Ihnen die Debatte in den genannten Netzwerken zu erleichtern, statt die ganze Diskussion unbedingt bei uns stattfinden zu lassen - nachdem sich die Debatten nach unserer Erfahrung ohnehin stark in die sozialen Netzwerke verlagert haben. "

Die sonstigen Änderungen kann man auf der SZ-Seite "Lassen Sie uns diskutieren" nachlesen - sie sollen hier nicht weiter kommentiert werden. Es sei jedoch noch auf die neuen Regeln zu diesem innovativen Angebot hingewiesen. Die SZ hat damit ein weiteres Beispiel dafür geliefert, wie Onlinemedien Nutzer mehr und mehr als Störfaktor sehen, die man sich mittels Facebook und Twitter (und Co.) vom Leib hält, um Zeit und Geld zu sparen (wobei man natürlich weiter von den Lesern profitieren möchte).

Immerhin hat die SZ vorher 50 Intensivnutzer gefragt, wie sie zu Veränderungen stehen bzw. was ihnen missfällt und so weiter. Diese Zahl ist es wert, ebenfalls unkommentiert zu bleiben. "Lassen Sie uns diskutieren" lässt sich insofern gut interpretieren - lassen sie uns einfach diskutieren - natürlich nur so, wie wir es uns wünschen.

* Anmerkung: Obgleich hier der Begriff "Nutzer" gewählt wurde, bezieht sich der Beitrag auf Diskutierende/Forennutzer. Da dies unklar formuliert wurde, wurde diese Anmerkung nachträglich auf einen Hinweis im Forum hin von der Autorin hinzugefügt.

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