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"Man tut Kindern nicht weh!"

23.07.2012

Offener Brief von Medizinern, Psychologen und Juristen zur Beschneidung

Bis zum Herbst will die Bundesregierung einen Antrag zur Legalisierung der Beschneidung von Knaben aus religiösen Motiven vorlegen. Dazu haben nicht nur die Koalitionsparteien CDU, CSU und FDP, sondern auch die Sozialdemokraten ihre Zustimmung signalisiert. Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger erwartet jedoch, dass die Frage eventuell vor dem Bundesverfassungsgericht landet. Nun veröffentlichte die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) einen Offenen Brief an die Bundeskanzlerin, die Bundesminister und die Bundestagsabgeordneten, der von 140 Personen unterzeichnet wurde. Der weitaus größte Teil von ihnen sind Mediziner, Psychologen und Juristen, aber auch der Mathematiker Christian Bahls (der als Vorsitzender des Kinderschutzvereins MOGiS bekannt wurde), der Sozialwissenschaftler Hartmut Krauss und der Flüchtlingsrat Nicola Abu-Khalil haben unterschrieben.

Der Brief ruft die Mitglieder von Legislative und Exekutive dazu auf, bei der Abwägung zwischen der Religionsfreiheit Erwachsener mit dem Recht von Kindern auf körperliche Unversehrtheit "politische Schnellschüsse" zu vermeiden. Dazu sollen sie sich für eine Diskussion Zeit nehmen und diese "auf wissenschaftlicher und rechtlicher Grundlage führen" sowie "Erkenntnisse der Hirn- und Präventionsforschung berücksichtigen". Dazu gehört den Hinweisen der Unterzeichner nach unter anderem das Wissen, dass es keine medizinischen Gründe gibt, die für die Entfernung der Vorhaut gesunder Knaben sprächen, dass erhebliche Schmerzen bei der Beschneidung empirisch belegt sind und dass eine aufgeklärte Gesellschaft "Kindern nicht wehtut".

Der Vorwurf, eine Strafbarkeit der rituellen Beschneidung von Religionsunmündigen mache "jüdisches Leben in Deutschland unmöglich", verunsachlicht die Diskussion dagegen nach Ansicht der Unterzeichner durch den "assoziativen" Verweis auf den Holocaust. Am Schluss des Briefs machen sie darauf aufmerksam, dass es auch in Israel engagierte Gegner einer Kinderbeschneidung gibt und zitieren Nadeem Elyas, den ehemaligen Vorsitzenden des Zentralrates der Muslime, der den Zeitpunkt einer Vorhautentfernung für "variabel" hält. Da der traditionelle moslemische Beschneidungszeitpunkt im Alter von 4-6 Jahren "besonders gravierende psychotraumatische Wirkungen entfalten kann", weil die Entwicklungspsychologie herausgefunden hat, dass in diesem Alter die "Konsolidierung der sexuellen Identität" erfolgt, spricht nach Ansicht der Unterzeichner viel dafür, dass man die legale Beschneidung erst in einem Alter erlaubt, in dem "der Betroffene einsichtig zustimmen kann".

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