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Marsbewohner in Bagdad 2003

23.11.2009

Britische Medien enthüllen Armee-Berichte zu den Vorbereitungen für den Einmarsch im Irak. Laut Guardian glauben Militärkommandeure, dass sich Mitglieder der damaligen britischen und amerikanischen Regierungen Kriegsverbrechen schuldig gemacht haben

Ab morgen tagt in Großbritannien ein Untersuchungsausschuß zum Irakkrieg. Den Vorsitz führt John Chilcot. Er wird in britischen Medien damit zitiert, dass er eine vollständige Aufklärung darüber herstellen wolle, "wie Großbritannien in den Konflikt hineingezogen wurde".

Laut Informationen des Guardian zeigen sich Militärkommandeure "geschockt" über mangelhafte Vorbereitung für die Zeit nach dem Einmarsch. Sie sind davon überzeugt, dass Mitglieder der damaligen britischen und amerikanischen Regierungen wegen Kriegsverbrechen vor Gericht gebracht werden könnten. Mit diesem fahrlässigem Vorgehen hätten die Verantwortlichen gegen Vorschriften der Genfer Konvention verstoßen, die verlangen, die Zivilbevölkerung in einem Konflikt zu schützen.

Der britischen Sonntagsausgabe der Zeitung Telegraph wurden Berichte aus Regierungs und Militärkreisen zugespielt. Ihre Veröffentlichung sorgte gestern für großes Aufsehen in der Öffentlichkeit. Die Berichte - "post-operational reports", Interviews und sogenannte "lessons learned"-Papiere - , zusammengestellt von der Armee und zum Teil verfasst von Befehlshabern, die im Einsatz waren, führen in aller Deutlichkeit und Schärfe vor Augen, wie sehr die Regierung unter Premierminister Blair 2002 darauf bedacht war, die UN, das britische Parlament und die Öffentlichkeit über den Militäreinsatz im Irak zu täuschen. Blair betonte demnach immer wieder, dass es nicht um eine Absetzung von Saddam Hussein, nicht um einen Regime change ginge, sondern lediglich um "Entwaffnung". Nur ein kleiner Zirkel wurde in den militärischen Pläne, die mehr im Sinn hatten und sich an den US-Vorgaben orientierten, eingeweiht. Laut Aussagen eines Major Generals, einem Führer von Spezialeinheiten, war der eingeweihte Kreis seit Anfang 2002 mit Vorbereitungen zum Einmarsch, der im Frühjahr 2003 erfolgte, beschäftigt.

Da die Vorbereitungen unter größter Geheimhaltung geschehen mussten, seien sie den Berichten zufolge auch entsprechend mangelhaft gewesen - mit haarsträubenden Lücken bei der Ausstattung der Soldaten und dem Fehlen eines auch nur ansatzweise ausgearbeiteten Konzepts darüber, wie es nach der Invasion weitergehen solle - "die Pläne enthielten kein Detail für die Lage nach dem Fall Bagdads" -, so die zentralen Kritikpunkte der Veröffentlichungen.

Dass der damalige britische Premierminister Tony Blair die Öffentlichkeit vor dem Einmarsch der amerikanischen und britischen Truppen im Irak über die wahren Absichten täuschte, ist schon seit längerer Zeit bekannt - ebenso wie Dokumente, die zeigen, dass die damalige US-Regierung unter Präsident Bush den Irakkrieg von langer Hand vorbereitet hatte und die Öffentlichkeit in die Irre zu führen versucht hatte.

Die jetzt veröffentlichten Berichte zeigen aber in neuen Details noch einmal ganz genau auf, dass die Täuschung des Parlamentes und der Öffentlichkeit ein bewusstes Manöver war. Das Bild von einer moralisch zweifelhaften Führung in der "freien, westlichen Welt", die Demokratie predigte, aber selbst nur in zynischer, plakativer und opportunitischer Weise von diesen Maßstäben Gebrauch machte, verfestigt sich. Zum anderen erzählen die Insiderberichte, was die militärischen Vorbereitungen betrifft, im Detail von unglaublichem Pfusch mit komödiantischem Potential. Berichtet wird beispielsweise davon, dass Soldaten mit Zivilflugzeugen in benachbarte Länder (vermutlich Kuweit) geflogen wurden und ihre Ausrüstung im Handgepäck mit sich führten. Sicherheitsbeamten am Flughafen sollen Gegenstände, wie Taschenmesser und Nagelscheren, die sie für gefährlich hielten, konfisziert haben. Die Funkverbindungen der britischen Armee sollen anfangs laut der Dokumente mittags wegen der grißen Hitze ständig ausgefallen sein; ein Zeuge schildert, dass ein Container mit Skiern in der Wüste abgeladen wurde. Es wird von Soldaten berichtet, die nur fünf Schuss Munition hatten.

Darüberhinaus beklagen britische Kommandeure in ihren Berichte mangelhafte Abstimmung mit dem US-Kommando, was ihrer Einschätzung nach auch wesentlich dazu beitrug, den entscheidenen Moment in Bagdad zu verpassen. Statt Kontrolle mit Möglichkeiten zu einer "geordneten Übernahme" wurde ein Machtvakuum geschaffen, das letzlich den "Aufständischen" zugute kam. Zitiert wird etwa ein britischer Befehlshaber, der die Zusammenarbeit mit dem amerikanischen Militär generell mit der Zusammenarbeit mit Marsbewohnern vergleicht:

"I now realise that I am a European, not an American. We managed to get on better..with our European partners and at times with the Arabs than with the Americans. Europeans chat to each other, whereas dialogue is alien to the US military.. dealing with them corporately is akin to dealing with a group of Martians."

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