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Nachrichten aus Kultur und Medien

Massenbesäufnis und Vandalismus in der Münchner S-Bahn

12.12.2011

Vor dem Alkoholverbot wurde auf Facebook zu einem Abschiedstrinken aufgerufen - mit erwartbarem Ausgang

Es mag ja als ganz netter Gag gedacht gewesen sein, am Vorband zum Alkoholverbot in den Münchener S-Bahnen zu einem Abschiedstrinken über Facebook aufzurufen. Am Samstagabend kamen denn auch Tausende und viele machten genau das, was zu erwarten war, wenn zu einem Ereignis aufgerufen wird, bei dem man nur unter Alkoholeinfluss selbst "kreativ" sein muss, um die Erwartungshaltung einzulösen.

Der Mann mit der kreativen Idee könnte seine "Facebook-Veranstaltung" womöglich noch bereuen. Beim Aufruf zum dionysischen Ereignis war er allerdings noch optimistisch gestimmt und glaubte, wenn er es denn wirklich ernst meinte und sich damit als gehörig naiv erwies, dass ein massenhaftes Abschiedstrinken ein nettes und geselliges Stelldichein sein könnte:

"Ein Statement und Appell an alle: Wir finden es schade, dass die Medien diese Veranstaltung als geplantes Massenbesäufnis oder Zechgelage hinstellen, dazu wird hier weder aufgerufen noch ist das die Absicht. Es geht viel mehr darum die letzte Gelegenheit vor dem Verbot zu nutzen sich das ein oder andere "Wegbierchen" wie eh und je zu gönnen und damit den Unsinn dieser Verordnung im stillen Protest in Frage zu stellen. Wir können nur an jeden Einzelnen von euch folgende Bitte stellen: Zeigt den Medien und unserer Gesellschaft, dass wir uns auch mit einem Bier in der Hand ordentlich und gesittet in der Öffentlichkeit benehmen können. Nur so können wir beweisen dass auch die "Generation Facebook" bzw. ein Flashmob verantwortungsvoll mit dieser Art des Protestes umgehen kann. Jede Form von Gewalt, Verschmutzung, Belästigung, etc. würde nur das Gegenteil bewirken, lasst es uns besser machen damit wir nicht noch mehr Einschränkungen zukünftig hinnehmen müssen!"

abschiedstrinken.jpg
Die Mitmacher, die sich öffentlich angemeldet haben, werden wohl nicht die Vandalen gewesen sein?

Um die 2000 zumeist junge Menschen folgten dem Aufruf, kamen in die S-Bahnen und pendelten zwischen Hackerbrücke und Ostbahnhof. Und damit wohl endlich was passierte, setzte die Billigversion der "Kreativität" ein, nämlich Zerstörung und Vandalismus, blindwütig und eher Ausdruck einer Wohlstandslangeweile als einer Wut auf soziale Zustände oder Ungerechtigkeiten. Bestätigt wurde eben das, was der gute Mann, der eingeladen hatte und nun das Schlamassel zu verantworten hat, widerlegen wollte. Die Verordnung scheint nun nach Massenbesäufnis und Vandalismus wirklich begründet zu sein, während die "Generation Facebook", zumindest diejenigen, die teilgenommen und nicht mäßigend auf ihre Mittrinker eingewirkt haben, sich als unverantwortlicher Haufen, tatsächlich als Mob erwiesen haben. Tatsächlich ist eine solche leere und unstrukturierte Einladung zum Besäufnis an Jeden eine "organisierte Unverantwortlichkeit", da sich niemand verantwortlich fühlt.

Der Bahnhof Stachus musste am Samstag zeitweise gesperrt werden, es kam zu vielen Verspätungen. Die SZ fasst zusammen:

"Die S-Bahn-Station Karlsplatz (Stachus) musste zeitweise gesperrt werden. Hier trafen sich die zumeist jungen Leute zu ihrer Tour durch die Züge. Die Bahnen waren voll von grölenden Fahrgästen mit Bierflaschen in der Hand. An den Bahnsteigen standen Männer, die auf die Gleise urinierten. Vielerorts mussten die Beamten eingreifen. Größere Polizeieinsätze gab es am Ostbahnhof sowie an der Haltestelle Hackerbrücke. Polizeiangaben zufolge beschädigten die Beteiligten 22 S-Bahnen und richteten mindestens sechs weitere Schäden an. Gegen 22.00 Uhr sei die Situation in vielen Zügen eskaliert, sagte ein Sprecher am Sonntag in München. So seien mit steigendem Alkoholspiegel vielfach Beleuchtungen und Deckenverkleidungen zerstört worden. Viele Züge müssten am Sonntag zunächst in die Werkstatt. Die Schäden an den 50 Zügen bewegten insgesamt im niedrigen sechsstelligen Bereich."

Auf Facebook berichtet ein J. R. von seinen Eindrücken:

"Ich bin um halb 1 in der S4 mit der S4 richtung Ebersberg heimgefahren und hatte einen nahezu leeren Zug. Fast alle lichter waren aus bzw. kaputt, fast alle sitze waren voller flaschen und kästen, scherben von flaschen und von leutstoffröhren. Netzpläne und werbung waren abgerissern, bei manchen stühlen fehlten die sitze und lehnen. grafitti, zeitung alles überall verteilt. Sitze hatten auch zum t...eil brandfelcken von zigaretten. Ich muss sagen es war leicht übertrieben die aktion es ging nicht ganz nach dem motto. Es sollte doch nur ein gemeinsames trinken sein und nicht in eine wüste der zerstörung. Ich konnt ja schon irgendwie froh sein das die bahn noch fährt. zu spät war sie ja auch noch aber warum wohl.."

In meist kleinerem Rahmen liefen auch in den Zeiten vor dem Facebook Feiern aus dem Ruder, zumal wenn junge Leute mit Alkohol mutig und übermütig werden und angestachelt von der Meute machen, was sie nüchtern und alleine nicht machen würden. Mit dem Facebook können nun aber relativ spontan eben Massenversammlungen organisiert werden. Das ist ganz nett, wenn es lustig ist, Spaß macht und keine größeren Schäden verursacht werden, oder es ist hilfreich, wenn es um politische Proteste oder Meinungsäußerungen geht. Interessant sind sicherlich auch Flashmobs, die das normale Leben in einer Stadt und die herrschenden Regeln irritieren. Aber bei absolut sinnlosen Unterhaltungsaktivitäten von gelangweilten Wohlstandsjugendlichen, die sich mal ausleben wollen und dies vor allem durch Kaputtmachen ausgieren, werden solche Aufrufe, wenn der Aufrufende nicht dafür sorgt, dass dies nicht aus dem Ruder läuft, zu einer Angelegenheit, die bedenklich stimmen - und vermutlich nach sich ziehen, dass die Regeln strenger werden solche Veranstaltungen genehmigungspflichtig werden und dann auch schon von vorneherein verboten werden können.

Manche finden das allerdings ganz in Ordnung und wehren sich gegen die Kritik, die auch auf Facebook laut wurde, in Worten, die erschrecken und nachdenklich machen:

"Ganz im ernst.. Hört doch alle auf euch wie behinderte Kinder aufzuführen!! Hätten sie dieses scheiß Verbot nicht eingeleitet wäre es nicht zum Vandalismus gekommen. Also selbst schuld dran!! Und ihr Opfer könnt sagen was ihr wollt. ES WAR EIN GEILER ABEND!!! "

Andere sehen das als geilen Abend mit positiver Stimmung:

"Einfach nur ein hammer geiler abend

So viel positive stimmung

Uns so viele neue nettte leute kennen gelernt

Nur schade das vieles kaput gemacht wurde Und alles negativ geredet wird

... Man sollte es doch positiv auch sehen

Die leute haten spas waren eine gemeinschaft und haben neue leute kennen gelernt

Und das weckend wird keiner so schnell vergessen

Danke fur den geilen abend"

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