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Nachrichten aus Kultur und Medien

Mehr "Bildungsaufsteiger" als "Bildungsverlierer"

30.01.2013

Das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) diagnostiziert eine "größere Bildungsmobilität" als bisher angenommen

Ist der Zugang zu höheren Schulabschlüssen in Deutschland offener, als man angenommen hat? In Deutschland vorherrschend ist die Ansicht, dass die Herkunft einen überaus starken Einfluss darauf hat, welchen Ausbildungsweg die nachwachsende Generation nimmt. Es gilt die Regel, dass Schüler, die einem Akademiker-Haushalt entstammen, daraus große Vorteile ziehen – und umgekehrt die Schüler aus anderen weniger gut ausgebildeten Milieus mit großen Nachteilen zu kämpfen haben.

Die Kluft sei gewachsen, ist häufig zu hören. Vergleichsstudien erheben häufig den Vorwurf, dass insbesondere das deutsche Schulssystem Vorteile durch die Herkunft, den Bildungshintergrund, zementiert. Der Aufstieg aus unteren Schichten über den Schulweg ist hierzulande mit vielen Hindernissen verbaut. Zuletzt war ein solcher Befund Mitte Januar einer Studie zu entnehmen, die soziale und wirtschaftliche Bedingungen des Studiums in europäischen Ländern miteinander verglich.

"In Deutschland weisen nur 2 Prozent der Studierenden einen niedrigen Bildungshintergrund auf. Fast ein Drittel der Studierenden in Deutschland stammt aus einer Familie, in der die Eltern einen nichttertiären Bildungsabschluss aufweisen und somit selbst keine Hochschulbildung absolviert haben. Auch dieser Anteil ist im internationalen Vergleich relativ niedrig; nur in Dänemark ist dieser Anteil noch niedriger."

Mehr Bildungsabschlüsse von Jüngeren, die höher sind als die ihrer Eltern

Eine aktuelle Studie des arbeitgebernahen Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) mit Daten des Nationalen Bildungspanels (NEPS) ließ gestern manche von einer Überraschung sprechen. Denn die Zahlen der Studie deuten auf eine größere "Bildungsmobilität" als bisher angenommen. In der Studie selbst wird der spröde Seminarbegriff Bildungsmobiltär übrigens rasch mit der flotteren Metapher des "Steigbügels für Aufstiegsprozesse" anschaulich gemacht.

Das ist denn auch das Kernstück der Untersuchung: Es gibt mehr Bildungsabschlüsse von Jüngeren, die höher sind als die ihrer Eltern als umgekehrt, also mehr "Bildungsaufsteiger" als "Bildungsverlierer". Und dies hat nicht nur einen Effekt auf bessere berufliche und soziale Perspektiven, sondern letztlich auf das gesamte Wohl der Person, heißt es in der Studie, die dies mit lakonischen Sätzen aus dem amtlichen Statistikauswertungsjargon belegt: "So haben Untersuchungen gezeigt, dass höher qualifizierte Personen im Schnitt gesünder sind und länger leben als Niedrigqualifizierte."

In Zahlen sieht die Bildungsmobilität so aus: Bei knapp einem Drittel der Personen im Alter zwischen 35 und 44 Jahren in Deutschland ist der Bildungsabschluss höher als der Abschluss ihres Vaters ("Bildungsaufsteiger"). Niedriger war er nur bei knapp einem Fünftel. Nimmt man den Bildungsabschluss der Mutter als Richtwert, so gibt es sogar noch mehr Bildungsaufsteiger, nämlich zwei von fünf Personen der 35-bis-44-Jährigen. Bildungsabsteiger ist aus dieser Sicht nur jeder Elfte (zugrunde liegen der Studie Daten des Nationalen Bildungspanels, NEPS).

"Stark von der Bildungsexpansion in den letzten Jahren profitiert"

Die gute Entwicklung dürfte in den nächsten Jahren anhalten, prognostiziert die Studie. Dafür spricht zum Beispiel, dass die Zahl der Gymnasiasten unter den 17-Jährigen, deren Vater über keinen beruflichen Abschluss verfügt, ansteigt. Zwischen 2000 und 2009 ist er von 17 auf 22 Prozent geklettert. Verwiesen wird auch darauf, dass sich die Bildungschancen durch die Frühförderung in Krippen und Kindergarten sowie Ganztagesbetreuungen für Kinder aus "bildungsfernen Familien" künftig verbessern. Ein optimistischer Zug in der Studie ist unverkennbar: "Es ist zu erwarten, dass viele aus diesem Personenkreis in Zukunft zu den Bildungsaufsteigern zählen könnten, obwohl sie ihren Bildungsprozess derzeit noch nicht abgeschlossen haben."

Auf Qualitätsunterschiede in der Frühförderung, dass auch hier schon frühzeitig Grenzen und Abstände zwischen den Schichten etabliert werden, geht die Studie nicht ein. Zwar kann auch diese Studie nicht daran vorbeisehen, dass Kinder aus bildungsbürgerlichen Milieus mit erheblichen Startvorteilen in den Leistungswettbewerb gehen, was an an mehreren Stellen erwähnt wird, aber der Blick des IW fasst lieber den positiven Trend ins Auge:

"Dennoch deuten die Befunde insgesamt deutlich darauf hin, dass auch junge Menschen aus bildungsferneren Elternhäusern stark von der Bildungsexpansion in den letzten Jahren profitiert haben."

Mit Ausnahmen...

Allerdings mit Einschränkungen, wie an anderer Stelle bezeugt wird: "Es wirkt es sich negativ auf die Schulzweigwahl aus, wenn beide Eltern überwiegend von Sozialleistungen, also Arbeitslosengeld II oder Sozialhilfe für nichterwerbsfähige Hilfebedürftige, leben. Bei gleichem Haushaltseinkommen und Bildungsstand der Eltern ist in diesem Fall die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind aus einer Nichtakademikerfamilie ein Gymnasium besucht, um 8,4 Prozentpunkte kleiner, als im Falle, dass ein Erwerbseinkommen die Haupteinkommensquelle darstellt."

Als Kontrast zum optimistischen Leitmotiv der Studie kann der interessierte Leser ins Forum eines Artikels zur Studie schauen. Nicht wenige Kommentatoren erklären sich dort die von der Studie diagnostizierte bessere Bildungsmobilität mit einem sinkenden Niveau der schulischen Anforderungen und verweisen auf eine "Bildungsinflation", die zu Abschlüssen führt, die im echten Leben kaum berufliche oder finanzielle Vorteile bringen.

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