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Übermensch
Nachrichten über die Verbesserung, Erweiterung und Ablösung des Menschen

Mein Tod gehört mir!

27.11.2011

Wer von Autonomie spricht, also von der Fähigkeit, über sein Leben selbst zu entscheiden, muss auch respektieren, dass Menschen selbst bestimmen wollen, wie und wann sie sterben

Eigentlich ist es unsäglich, dass auch in scheinbar aufgeklärten Gesellschaften, die nun zudem in Zeiten der Finanzklemme mehr Verantwortung auf den Einzelnen abwälzen, beispielsweise in Großbritannien im Zuge der Privatisierung und Verschlankung des Staates die "Big Society" ausrufen, der Umgang mit dem Tod weiterhin tabuisiert wird. Eigentlich nicht der Tod selbst, sondern die Weise des Sterbens, die die Gesellschaft ermöglicht und verlangt.

Ein Mensch bei klarem Bewusstsein sollte selbst darüber entscheiden können, ob er aus welchen Gründen auch immer Hand an sich legt oder legen lässt und aus dem Leben ausscheidet. Das hat zunächst nichts mit Pathologie oder Verbrechen zu tun, sondern mit selbstverantwortlichem Leben, das auch selbstverantwortliches Sterben mit einschließt.

Nur wer meint, dass das Leben nicht nur von Gott - oder wem auch immer - geschenkt ist, sondern ihm selbst auch nicht gehört, also eine Art "Geschenk" ist, kann der Meinung sein, niemand dürfe aus eigenem Entschluss, seinem Leben ein Ende setzen. Das kann freilich im Prinzip jeder machen, der Mittel und Wege findet, dies selbst und heimlich zu machen.

Doch in aller Regel ist Tötung auf Verlangen, Sterbehilfe oder die Hilfe bei der Selbsttötung verboten, was deutlich macht, dass wir noch nicht im Zeitalter der Aufklärung angekommen sind und weiterhin im Hinblick auf unser eigenes Leben für unmündig erklärt werden. Zwar können Menschen nicht gefragt werden, ob sie geboren werden wollen, egal ob sie durch natürliche oder künstliche Befruchtung entstanden sind, aber es wäre an der Zeit, dass erwachsene Menschen, die nicht mehr leben wollen, selbstbestimmt sich für eine Selbsttötung entscheiden und auch dafür Hilfe verlangen können, damit dies auch gelingt und nicht unter Qualen geschieht.

Ein von der Royal Society of Canada in Auftrag gegebener und in der Zeitschrift Bioethics veröffentlichter Bericht von sechs kanadischen und internationalen Experten kommt zu dem Schluss, dass die Tötung auf Verlangen Gegenstand einer nationalen Diskussion werden müsse, weil es sich um ein wichtiges politisches Thema handelt. Schließlich werden auch immer Menschen älter, die nicht Dahinsiechen, zu Pflegefällen werden oder an Demenz erkranken wollen, und geht es um die Würde und die Selbstverantwortung der Menschen.

Für Menschen, so der Bericht, die eine freie und informierte Entscheidung treffen können, sollte Tötung auf Verlangen legal sein. Zwar machen sich die meisten Menschen keine großen Gedanken darüber, solange sie gesund und voll entscheidungsfähig sind, wie sie sterben wollen. So wollen die meisten Zuhause sterben, auch wenn dies bei kaum jemand der Fall ist, aber fast keiner sorgt dafür vor. Palliativmedizin gebe es zudem für die Wenigsten. Die Mehrheit der Kanadier ist für die Entkriminalisierung der freiwilligen Euthanasie und der Tötung auf Verlangen, aber es bleibt weiter verboten, weil es den Menschen offenbar nicht so wichtig ist, dies demokratisch umzusetzen, solange sie noch leben wollen.

Wer von Autonomie spricht, also von der Fähigkeit, über sein Leben selbst zu entscheiden, muss auch respektieren, dass Menschen selbst bestimmen wollen, wie und wann sie sterben. Oft würden Menschen auch darüber entscheiden müssen, ob sie etwa eine riskante Operation über sich ergehen lassen, wobei die Komplexität und Unsicherheit höher ist als bei der Frage, ob sie sterben wollen oder nicht. Das ist eigentlich eine banale Forderung, aber offensichtlich tun sich die meisten Gesellschaften damit schwer, auch wenn ansonsten die Fürsorglichkeit beschränkt ist. Nach einer Analyse der Staaten, in denen Tötung auf Verlangen unter bestimmten Umständen wie in der Schweiz, in den Niederlanden oder in Luxemburg möglich ist, sei eine Entkriminalisierung weder für die Gesellschaft noch für Einzelne eine Bedrohung. Es gebe keine Hinweise, dass es dann zu einer unfreiwilligen Euthanasie käme.

Es wäre höchste Zeit, dass nicht nur in Kanada, sondern auch in Deutschland mit der staatlichen Leibeigenschaft Schluss gemacht wird und mündige Bürger selbst darüber entscheiden können, ob sie leben oder sterben wollen. So viel Anerkennung der Würde und der Autonomie des Menschen muss sein - auch wenn sie nicht todkrank, im Koma oder von Schmerzen gequält sind. Wer kann sich anmaßen, über Leben und Tod eines anderen Menschen zu entscheiden?

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