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Außer Kontrolle
Twister schreibt

Mir doch egal, wer mir schreibt

Mal wieder wird die Diskussion um Pseudonyme angeschoben. Ein persönlicher Kommentar

In regelmäßigen Abständen wird seitens der Politik darüber diskutiert, dass Pseudonyme feige sind, dass sie es unmöglich machen, sich auf Augenhöhe zu nähern, sich auszutauschen, Vertrauen zu entwickeln. Die Argumente diesbezüglich sind oft genug ausgetauscht worden, weshalb ich es mir erspare, die zehntausendste Wiederholung von "aber Pseudonyme schützen und und und" abzuspulen, sondern ich möchte diesbezüglich einmal noch etwas Persönliches loswerden.

Geh ins Netz

Als ich begann, mich "im Netz zu tummeln", tat ich dies eigentlich gegen meinen Willen. Ich hielt nichts von Rechnern, Heise Online war für mich was, was mit Informatikern und "Studierten" zu tun hatte, mit dem "Abgehobenen", denn seit meinem Schneier cpc 464 (mit Grünmonitor) zu Konfirmationszeiten hatte ich wenig mit Rechnern zu tun gehabt. BTX? Keine Ahnung. Mein Gang ins Netz war insofern eher eine Flucht, denn ich hatte einfach schlichtweg nichts anderes zu tun - nach einem Unfall hing ich herum und jemand schubste mich in Richtung Netz, meinte "schau es dir doch mal an", "lies da mal" usw. Da mein Vorname schon belegt war, suchte ich mir ein Pseudonym, was für mich damals nicht mehr war als einfach ein Name. Mein liebster Song von The Fall musste dran glauben.

Da ich zu jener Zeit recht zynisch und sarkastisch war, fiel ich schnell auf und dann machte ich einen großen Fehler - allzuschnell offenbarte ich jemandem, naiv wie ich war, meinen Namen. Und prompt hatte ich den Salat und alle meine Offenbarungen waren plötzlich nicht mehr sicher, Sachen wurden ausgeplaudert und veröffentlicht und ich stand da wie Pik Sieben und dachte nur "Oh nein".

Meine Naivität brachte viele Schwierigkeiten mit sich - ich musste insofern auf die harte Tour lernen, dass Vertrauen schiefgehen kann und oft auch wird. Da ich aber zu der Zeit schon stur wurde, ging es halt weiter. Was hatte mich das Ganze gelehrt? Nur, dass man nicht allzuschnell jemandem sagen sollte, wer man ist. Eine Binsenweisheit, ja, aber für mich neu damals.

Heis(s)e Erfahrungen

Es würde zu weit führen und auch meiner Vorstellung von der informationellen Selbstbestimmung widersprechen, wenn ich jetzt mein Leben hier weiter feilbiete wie einen hübschen Quilt, aber ich muss sagen, dass damals, egal wie viel auch falsch lief, meine Kommentare bei Heise mich mit sehr vielen Leuten in Verbindung brachten. Manche habe ich bis heute kennenlernen können, manche niemals - was aber daran interessant ist: viele, die ich niemals kennengelernt habe, haben sehr viel für mich getan, einfach auch, indem sie da waren, mit mir sprachen und mir das Gefühl gaben, dass meine Kommentare viel wert waren. Dazu war es nicht notwendig, dass sie mir sagten, wer sie sind.

Eine meiner schönsten Erfahrungen war ein Tag, an dem ich eine Rede hielt, es war saukalt und ich fror mir, ehrlich gesagt, meinen üppigen Bürzel ab. Ich hatte auch auf eine Jacke verzichtet, es regnete zwischenzeitlich und ich fror, fror, fror. Schließlich bot mir jemand Handschuhe an - ich hatte die Frau vorher nie gesehen, ich kannte sie nicht und sie hat mir auch ihren vollen Namen nicht genannt, aber sie kannte mich durch das Internet und schenkte mir ihre Handschuhe. Ich werde mich hüten, hier zu schreiben, wie es weiterging und wer sie ist, nur soviel: ich habe lange Zeit ihren Namen nicht gekannt und trotzdem wurde sie mir die liebste Freundin, die ich jemals hatte. Ich benötigte dafür ihren Namen nicht.

Von vielen Menschen aber erfuhr ich schnell den Realnamen. Doch führte das zu Vertrauen? Nicht immer. Im Gegenteil bei manchen Menschen. Es ist egal, ob einen jemand unter Realnamen oder unter Pseudonym verleumdet - denn auch der Realname sagt nichts aus, genau wie das Pseudonym. Wenn die Menschen glauben wollen, dann glauben sie. Wenn sie glauben wollen, dass an dem, was sie lesen, etwas dran ist, dann tun sie das, egal ob es nun von "truthteller", von "Klaus Hansen, Hamburg" oder von "kdöaghfdöadgk" kommt. Es kommt letzten Endes immer auf die Empfänger, nicht auf die Sender an, was geglaubt wird, dann erst folgt die Verifizierung beim Sender. Dazwischen aber liegt der Punkt, an dem der Empfänger sich entschieden muss. Will er etwas glauben, oder doch nicht? Will er etwas weitergeben, sich dazu äußern, es als Wahrheit weitergeben, egal wie viel er weiß?

I don't care what nobody says

Im Laufe der Zeit habe ich viel gelernt, gerade auch was Anonymität und Pseudonymität angeht. Ich habe Menschen kennengelernt, die sich dahinter verstecken, habe mich selbst hinter neuen Pseudonymen versteckt, ich habe Menschen getroffen, die Gründe für Pseudonymität haben, die ich mir nie hätte vorstellen können und bei denen ich nur dachte "Oh Mann, wie blöd ich doch denke", ich habe auch Menschen getroffen, die ihren Realnamen sagen und doch letztendlich sich vertreten lassen, die also nicht wirklich die sind, die als Namen unter einer mail stehen oder unter einem Kommentar. Ich habe auch, gerade im "realen Leben", viele Menschen getroffen, deren Namen ich nie herausfinden werde und die mir dennoch viel gegeben haben. Und umgekehrt wusste ich bei manchen Menschen zwar deren Realnamen, dennoch wusste ich auch um ihre Lügen, ihre Verdrehungen, konnte aber nichts dagegen tun - was nutzte mir da deren Namen?

Die Diskussion um Realnamen und Pseudonyme, die sich nicht nur auf geschäftliche Willenserklärungen beschränkt (und auch da sind Realnamen völlig unerheblich), ist letztendlich eine Scheindiskussion - eine Diskussion, die meint, dass Vertrauen sich auf Namen, auf Titel, auf Lebensläufe, aufbaut. Dabei ist Vertrauen, Zuneigung, Liebe, Freundschaft und Zusammengehörigkeit völlig unabhängig von Namen und Titel, genauso wie Hass, Wut, Verachtung etc. nichts mit Pseudonymen zu tun haben (müssen). Sie können von Menschen ausgehen, die man zu kennen meint, von Menschen, die man zu lieben meint, von Menschen, die man zu hassen meint und dann doch weiß "ich hasse sie nicht".

Speak in tongues

Es ist schon sehr viele Jahre her, dass ich mich das erste Mal widerstrebend an die Tastatur setzte und mich bei Heise einloggte, dsss ich den Namen "Twister" (danke, Mark E. Smith) auswählte und dann Heise verließ, wiederkehrte, wieder ging und doch wiederkam ;) (Heisejunkies eben).

Es ist lange her, dass u.a. Wolf-Dieter Roth mir sagte "schreib einen Artikel" und ich dann bei TP meinen ersten Artikel sah und kaum glauben konnte, dass ich tatsächlich hier schreiben konnte und durfte. Es ist lange her, seit ich erfuhr, dass man nicht allzuschnell seinen Namen preisgeben sollte, dass man da auf die Nase fallen kann, dass auch jene, die sich mit Realnamen offenbaren, nicht immer freundlich gesonnen sind. Ja, ich war naiv damals.

Es ist sehr lange her seit ich mein Pseudonym und meinen Realnamen zugleich ganz bewusst offenbarte, seit ich ganz bewusst sagte "ich will, dass Menschen wissen, wer ich bin, was ich erlebte, welchen Murks ich gemacht habe usw.". Aber bis heute hat sich nichts daran geändert, dass ich meine, jeder sollte hier selbst entscheiden - jene Frau, die mir ihre Handschuhe anbot, soll selbst entscheiden können, was sie über sich preisgibt. Auch jeder andere soll das selbst entscheiden dürfen und können und genau das macht die Möglichkeit der Pseudonymität aus, der Anonymität. Es muss die Möglichkeit geben, dass jemandem, der hier bei Heise schreibt "mir geht es so schlecht", jemand 100 Euro schickt, ohne dass dies nachverfolgt wird, um daraus irgendwelche Beziehungsstricheleien zu fertigen; es muss möglich sein, dass man im Forum sich streitet, sich mag, sich tröstet, sich unterhält, sich auch mal an den Karren fährt, ohne dass das alles gleich in einer Akte landet. Es muss möglich sein, dass Menschen sich helfen, füreinander da sind, sich anmaunzen, sich anschreien, sich auch mal beleidigen oder Tips geben, ohne dass jeder vorher seinen Reisepass oder Personalausweis zückt.

Es geht nicht um Namen, um Realnamen, die sind sowieso egal. Wenn die, die Realnamen fordern, ehrlich wären, dann würden sie fordern, dass jeder sich eindeutig identifiziert, denn was sonst sollte "Hans Fischer" aussagen? Es geht letztendlich darum, ein Machtverhältnis zu zementieren - der Politiker dort oben, der Strafverfolger dort oben, der über den Fragenden und Kommentierenden dort unten (so sehen sie es imho) bestimmen kann, ihn mit Sanktionen bedenken kann, ihn unter seiner Fuchtel hat.

Mit einem "auf Augenhöhe agieren" oder Ehrlichkeit, Vertrauen oder dergleichen hat das nichts zu tun. All das ist völlig unabhängig von dem Realnamen. Denn den kann ich sowieso nur dann wirklich wissen, wenn ich auch Personalsusweis, Reisepass, Fingerabdruck usw. verlange - aber warum sollte ich das tun? Mir reicht es, wenn mir jemand, wenn es kalt ist, seine Handschuhe anbietet und mit mir spricht, egal wie er heißt - oder sie.

Die Forderung nach Pseudonymabschaffung wird immer wieder auflodern und es gibt viele sachliche Gründe dagegen, ich wollte dem nur ein paar persönliche hinzufügen.

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