k
Nachrichten aus Kultur und Medien

Montag ist ein guter Tag für die Liebe

22.03.2012

Facebook sammelt riesige Mengen Daten - nur um anschließend banale Erkenntnisse in sinnlosen Grafiken zu verwursten

Inzwischen haben es auch die letzten mitbekommen: Facebook ist eine tägliche Volkszählung auf freiwilliger Basis. Die Nutzer und Nutzerinnen entblößen sich ohne Not in beispielloser Weise vor einem Unternehmen, dessen Marktwert sich vor allem in den gesammelten Daten begründet und inzwischen in fantastische Höhen gestiegen ist.

Nun ist es ja nicht so, dass gespeicherte Informationen nur von gesichtslosen Konzernen zur Verbreitung nutzloser Produkte genutzt werden können. Vielleicht kann der nie gekannte Umfang an Detailwissen über Menschen auch Gutes bewirken. Die Datensätze bei Facebook müssten doch auch für die empirische Sozialforschung und Datenjournalisten interessante Recherchefelder eröffnen.

Und tatsächlich hat Facebook eine eigene Abteilung zur Auswertung und Bekanntmachung von Erkenntnissen, die nur über die vorliegenden Daten erlangt werden können: das Facebook-Datateam. Man stellt sich junge aufstrebende Empiriker vor, die eine Flut an Informationen in verständlichen Grafiken aufbereiten, um der Welt zu helfen, sich selber besser zu verstehen.

Bedauerlicherweise scheint das Hauptinteresse des Datateams jedoch darin zu liegen, zwar ästhetisch ansprechende, aber banale bis sinnlose Visualisierungen zu präsentieren, deren Zweck vornehmlich die Beobachtung menschlichen Paarungsverhaltens zu sein scheint. Pünktlich zum Frühlingsbeginn wird beispielsweise die Korrelation zwischen Jahreszeit und Beziehungsstatus untersucht. Man ahnte es schon: Im Frühling kommen die Menschen zusammen. Sogar nach Wochentagen aufgeschlüsselt werden die Zahlen. Falls Sie es wissen wollten: Der Montag ist ein guter Tag für die Liebe. Die Analyse der Ergebnisse erschöpft sich dann darin, ein paar Binsenweisheiten zu referieren, wie jedes Wochenhoroskop sie verbindlicher mitteilen würde.

Diese Präsentation ist dabei keine Ausnahme. Ein absolutes Highlight war jene zum Valentinstag, in deren Folge wir lernten, dass gerade getrennte Menschen eher traurige Musik hören, frisch verliebte hingegen, nun ja, optimistische Liebeslieder bevorzugen (in beiden Fällen übrigens ausschließlich hochaktuelle Popsongs). Ähnlich bahnbrechend auch die Erkenntnis, dass die Leute sich eher mit Personen aus ihrer Alterskohorte und ihrem Kulturkreis befreunden.

Der Mensch als Masse und Norm

Solche Statistiken zeigen, dass es im bereinigten Netz der Zukunft gerade nicht darum geht, den einzelnen Menschen herauszuheben, sondern die Masse zu erfassen. Die gewiss detaillierteren Aufbereitungen der Facebook-Daten für Werbekunden dürften auch nur Zielgruppen erfassen, die groß genug sind, um über der Wahrnehmungsgrenze zu sein. Und die ist ziemlich hoch bei Hunderten Millionen Nutzern.

Individualisierte Werbung, die ja das Ziel derartiger Datengesammels ist, zeigt viel weniger, wie genau der Werbeträger über das Konsumverhalten Einzelner Bescheid weiß, sondern in welcher Menge ähnlichen, mithin genormten und ansprechbaren Verhaltens diese Einzelnen mitschwimmen. Da geht er hin, der Distinktionsgewinn.

Die Beschreibung der Menschen als Masse muss zwangsläufig Massenverhalten spiegeln. Das ist an sich nicht schlimm, so funktioniert Empirie nun mal. Der Fairness halber sei auch erwähnt, dass die Facebook-Grafiken zur Verbreitung von Memen durchaus interessant und mit guten Verlinkungen versehen sind. Was aber beunruhigen kann, sind die Normen, die aus dieser unkritischen Massenfixierung entstehen. Was viele tun, ist das "Normale". Bereits in der Farbgebung der Liebe-Jahreszeitengrafik wird da zum Beispiel ganz subtil und bestimmt völlig unbeabsichtigt Normdenken transportiert: Monate in denen mehr Personen als durchschnittlich eine romantische Partnerschaft mitteilen, sind grün gekennzeichnet, Monate in denen es weniger sind - rot.

Letztendlich ist das alles natürlich kein Grund, sich groß aufzuregen. Lieber freuen wir uns auf die guten Dinge, die da kommen: Schließlich steht nicht nur der Frühling vor der Tür, bald ist auch wieder Montag.

Anzeige
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Anzeige

Noch schlimmer als zuvor

Peter Mühlbauer 30.10.2009

Was Banken und Banker aus der Krise gelernt haben

Heute ist Weltspartag. Früher kamen zu diesem Ereignis Vertreter von Geldinstituten in die Grundschulen und erklärten den Kindern in einer Art Religionsunterricht II, dass sie bei ihnen auf wundersam einfache Weise ihr Geld vermehren könnten. Dazu passend gab es Märchenbücher mit Bildern zum Einkleben und bunte Metallsparbüchsen mit beweglichem Henkel, die man hin- und herschwingen konnte.

weiterlesen
Projekt Post-Kapitalismus MOOCs statt Hörsaal Neuer Kampf der Geschlechter?
bilder

seen.by


TELEPOLIS