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Nachrichten aus Kultur und Medien

Moralisch korrekt und angepasst

16.06.2012

Die heutige Spielergeneration ist viel zu brav und bieder. Vor allem das deutsche Team legt davon Zeugnis ab

Nicht bloß das Spiel auf dem Rasen hat sich geändert, auch die Spielergeneration ist mittlerweile eine vollkommen andere geworden. Spieler, die nächtens aus dem Trainingslager ausbüchsen wie weiland in Malente, um sich auf der Reeperbahn mit leichten Mädchen zu vergnügen, sind ebenso undenkbar wie ein Spielmacher, der während der Halbzeitpause schnell mal eine "durchzieht" oder ein Verteidiger, der am Abend vor dem Spiel gern noch mal ein paar Bierchen schluckt.

Nicht einmal mehr bei den Les Bleus, die sich noch vor zwei Jahren in Südafrika gegenseitig bestreikten. Erst recht nicht mehr in der deutschen Elf. Typen wie ein Stefan Effenberg, der den Fans 1994 bei der WM in den USA noch den Stinkefinger entgegenstreckt hat, als Fans ihn beschimpften, oder ein Toni Schumacher, der 1982 bei der EM in Spanien in der "Nacht von Sevilla" dem Franzosen Battiston bei einem brutalen Foul zwei Schneidezähne ausschlug, sind im deutschen Team nicht mehr denkbar.

Von Spielertypen wie Wayne Rooney oder gar einem Mario Balotelli, dessen Maserati schon über fünfundzwanzig Mal abgeschleppt wurde, mal ganz zu schweigen.

Vorgestanzt

Längst geben in Deutschlands Auswahl die weichgespülten Typen den Ton an. Vor der Presse und den Kameras fabrizieren sie nur vorgestanzte, mit ihren Beratern vorher abgesprochene Sätze, die nichtssagend sind, niemanden wehtun wollen und erst recht nichts Anstößiges äußern wollen.

Der Prototyp des Vorhersehbaren und/oder öffentlich Erwartbaren ist gewiss Philipp Lahm, der sich vor zwei Jahren auf ebenso geschickte wie hinterhältige Art das Kapitänsamt von Michael Ballack unter den Nagel gerissen hat. Obwohl er von den komplizierten politischen Zuständen und den verzwickten Verflechtungen des ukrainischen Parteiensystems wenig Ahnung hat, glaubte er, sich in Sachen Julija Timoschenko moralisch positionieren zu müssen.

Beifallheischend

In Deutschland, wo der Glaube an den (Macht)Willen zur politischen Korrektheit besonders stark ist und von der Medienöffentlichkeit entsprechend honoriert wird, konnte der Kapitän vor allem bei der humanitätsseligen Presse und im öffentlich-rechtlichen Staatsfernsehen viel Beifall einheimsen und damit Punkte sammeln.

Er spiele "für Deutschland", hat Lahm auch gesagt. Folglich stünde er auch für "Werte". Auf die Idee, ein "Wertfußballer" zu sein, wäre ein Lothar Matthäus vor Jahren, nicht einmal ein Michael Ballack, sicher nicht gekommen.

Dass die Nationalmannschaft "das" Aushängeschild des Landes ist und immer schon auch war, ist bekanntlich nichts Neues. Nicht umsonst scharen sich die großen deutschen Konzerne um sie. Aber dass sie jetzt auch für "Werte" herhalten muss, für Freiheit, Demokratie und Menschenrechte statt Titel und Pokale einzufahren, das ist ziemlich neu und vermutlich auch nur hierzulande denkbar, wo das Gutgemeinte längst mit dem Gutgemachten verwechselt wird.

Werbegerecht

Verwundern sollte das allerdings nicht. Vor allem in einem Land nicht, in dem manche sehr bewegte Beobachter den "Multikulturalismus" in einem Fußballteam bereits für ein Qualitätsmerkmal einer kickenden Zunft halten - so als ob ein so zusammengesetztes Team Garant für Tore und Siege sei.

Lahm, und selbstverständlich alle andere, von Mario Gomez über Bastian Schweinsteiger bis hin zu Sami Khedira, haben längst verstanden, dass sie nur dann für Unternehmen wie die Daimler AG, die Commerzbank oder Adidas und andere interessant und vermarktbar sind, wenn sie sich "klinisch rein", mithin "profillos", ohne Ecken und Kanten präsentieren.

Wer da an Holger Badstuber oder Benedikt Höwedes denkt, an Pér Mertesacker oder Miro Klose, liegt da sicher nicht völlig falsch. Ausgebildet in den Fußballinternaten der Republik, sind sie nicht einmal mehr "fürs Grobe" zu gebrauchen.

Ist es in Deutschland politisch opportun, dann äußert man sich halt auch zu den politischen Verhältnissen in der Ukraine, auch wenn man davon nur, wie der Mann auf der Straße, vom Hörensagen weiß oder sein Wissen aus der Tagesschau bezieht.

Nivealike

Ja nichts Falsches in der Öffentlichkeit sagen, heißt mittlerweile auch die Devise, die unter Trainern, Reportern und Funktionären kursiert. Wer sich dazu verleiten lässt, von einem Pressemann oder irgendwo in einer der Kneipen, Salons oder Stammtischen der Welt, seine Meinung kundzutun, untergräbt das Image des "Saubermanns" bzw. des "moralisch einwandfrei" handelnden wie denkenden Menschen, das in der Bundesrepublik besonders hoch geschätzt und gehandelt wird. Es ist sicher kein Zufall, dass der Bundestrainer für die Anti-Aging Cremefirma "Nivea" wirbt.

Unmoralisch zu handeln, gegen Dosenpfand oder Solarenergie sein oder gar "Fuck off" zu brüllen, das geht nicht. Vor allem nicht in unserer Mediengesellschaft, wo hinter jeder Ecke Mobilkameras und Mobilmikrofons lauern, und wo jedes Wort, jede Aussage, jeder Gedankenfetzen auf die Goldwaage gelegt und von der Gedankenpolizei überprüft und bestraft wird.

Damit das nicht passiert, werden Kicker wie Moderatoren vor den Turnieren eigens von Medienexperten gebrieft. Ihnen wird in solchen Sitzungen und Seminaren genau beigebracht, wie sie sich vor Kameras und Mikrofone zu verhalten oder sich zu Diesem und Jenem zu äußern haben.

Ausgerutscht

Dennoch passiert es ab und an, dass sich jemand mal im Wort vergreift, ein schräges Bild wählt oder etwas gedankenlos von sich gibt, das sich hinterher zum großen Aufreger entwickelt. In Südafrika plapperte etwa Frau Müller-Hohenstein, also jene Nachrichtenfrau an der Seite des "Titans" Olli Kahn, vom "inneren Reichsparteitag für Klose", was ihr fast den Job gekostet hätte.

Im Vorfeld des Turniers in Polen, faselte dann der deutsche Teammanager Olli Bierhoff vom "Kamingespräch", das mit den Spielern geführt werden solle statt eines Besuchs der Gedenkstätte in Auschwitz. Prompt fühlte sich Dieter Graumann, der Präsident des Zentralrats der Juden, verletzt. Der Begriff sei nur schwer zu ertragen, eingedenk der Tatsache, dass, so der Vorsitzende wörtlich, "in Auschwitz unsere Menschen durch den Kamin gejagt worden sind".

Den Vogel schoss offenbar Assistenzcoach Hansi Flick ab, als er vor dem Portugal-Spiel von einem "Stahlhelm" fachsimpelte, den sich die Spieler womöglich aufsetzen müssten, wenn Cristiano Ronaldo zu einem seiner gefürchteten Freistoßhämmer ansetzen würde. Der Begriff "Stahlhelm", und das auch noch in Polen, das geht nun wirklich nicht, befand die gutmeinende deutsche Presse daraufhin.

Weswegen der deutsche Tross den Hilfscoach vorsorglich für ein paar Tage öffentlich "aus dem Verkehr zog". Vielleicht hätte Hansi Flick lieber den Begriff "Pickelhaube" wählen sollen. Das ändert zwar das Gemeinte nur unwesentlich. Aber das Bild liegt doch schon etwas weiter zurück. Vielleicht wäre die Aufregung dann nur halb so groß gewesen.

Biedermännisch

Angesichts dieses moralintriefenden Kontextes, in den uns die postmoderne Mediengesellschaft mittlerweile geführt hat und auch noch den Fußball in seinen Pranken hält, verwundert es kaum, dass sich bei der EM in Polen und Ukraine nur noch kickende "Biedermänner" (Frau Burmeister schrieb im "Spiegel" von "Schlümpfen" gegenüberstehen, die sich in und außerhalb des Platzes vornehmlich darum sorgen, sie vornehm zu benehmen und zu bewegen.

Seitdem sind "Hassgipfel" und Fußballkriege" aus dem Wortschatz gestrichen und nur noch als Eintrag bei Wikipedia nachlesbar. Das ist in gewisser Weise auch ein Fortschritt, wenn sich das Spiel nicht auf die andere Seite hin bewegt hätte, auf die Seite der "Werthaltigkeit". Das hat mit der Spielidee und der Spielkunst als solcher, mit Gewinnen und Verlieren, mit Leidenschaft und Technik nur noch wenig zu tun.

Souverän

Auf dem Platz, und nicht auf dem politisch moralischen Parkett, sollen Spiele entschieden werden, dort soll sich die bessere Spieltechnik, Spieltaktik und Spielstrategie durchsetzen. Zugleich vermisst man aber gelegentlich auch mal jene Typen, die auf den Tisch hauen, jemanden gehörig die Meinung geigen und so dem allseits Erwartbaren und Vorhersehbaren entgegensteuern.

Von einem souveränen und unumschränkten Herrscher, wie es "König Johan" Cruyff einst war, und zuletzt vielleicht noch Michael Ballack war, ohne dessen Glanz und Klasse auch nur in Ansätzen zu erreichen, gar nicht erst zu sprechen. Dass sich das in absehbarer Zeit auch nur geringfügig ändern wird, ist nicht zu erwarten.

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