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NSU-Prozess: Stress für Ralf Wohlleben

14.01.2016

Der Angeklagte beantwortet Fragen des Richters - und versucht möglichst wenig zu sagen. Ein anstrengendes und riskantes Manöver

Ralf Wohlleben, neben Beate Zschäpe Hauptangeklagter im münchner NSU-Prozess, hat sich am Mittwoch, wie angekündigt, den Fragen des Gerichtes gestellt. Wohlleben ist wegen Unterstützung einer terroristischen Vereinigung sowie Beihilfe zum Mord angeklagt. Zusammen mit dem Angeklagten Carsten Schultze soll er die Ceska-Pistole beschafft haben, mit der neun Menschen ermordet wurden. Schultze hat direkt zu Beginn des Prozesses gestanden, eine Waffe für das Trio besorgt und nach Chemnitz gebracht zu haben. Dass damit Morde verübt werden sollten, will er aber nicht gewusst haben. Unklar ist außerdem, ob es sich dabei tatsächlich um die Ceska gehandelt hat. Wohlleben hat sein Schweigen erst zweieinhalb Jahre später, im Dezember 2015, gebrochen. Die Waffe besorgt zu haben, bestreitet er.

Der vorsitzende Richter Manfred Götzl stellte zunächst Fragen zu Wohllebens politischem Werdegang in rechtsradikalen Gruppierungen wie der Kameradschaft Jena, dem Thüringer Heimatschutz, dem Nationalen Widerstand Jena und der NPD. In der NPD brachte er es immerhin bis zum stellvertretenden Landesvorsitzenden in Thüringen. Trotz der unpolitischen, anekdotenhaften Tendenz von Wohllebens Aussagen beschrieb und bestätigte er die Strukturen der rechten Szene in Jena und Thüringen so, wie sie inzwischen bekannt sind. Er nannte auch Namen, auch von Leuten, die bisher nicht so stark im Fokus standen, wie Jörg Krautheim, Chef der Kameradschaft Gera.

V-Mann Tino Brandt

Was wusste Wohlleben über die V-Mann-Tätigkeit Tino Brandts? Ab wann gab es Gerüchte darüber? Auch dieser Komplex interessierte Götzl. Gerüchte habe es die ganze Zeit gegeben, erklärte Wohlleben. Das sei „im nationalen Lager“ aber keine Besonderheit und habe viele betroffen. Ihm sei das auch passiert. Er habe die Gerüchte nicht ernst genommen. Bei Brandt konnte er sich das am wenigsten vorstellen und habe es bis zum Schluss nicht geglaubt. Denn Brandt sei in der nationalen Szene Thüringens ziemlich engagiert gewesen und habe viel bewegt. Wohlleben: „Warum sollte ein Verfassungsschutz so etwas fördern und steuern?“

Mit dem Wissen von heute, dass es eben gerade so war, wäre eine Antwort Wohllebens darauf durchaus von Interesse. Fragen nach weiteren V-Männern oder V-Frauen, wie zum Beispiel seine Freundin Juliane W., stellte das Gericht bisher nicht. Auch der Verdacht, dass er selber V-Mann war, wurde nicht thematisiert.

Waffenbeschaffung

Ausgiebig ging es um die Waffenbeschaffung für das Trio – ein wesentlicher Anklagepunkt gegen Wohlleben. Böhnhardt habe bei einem der insgesamt drei Treffen im Untergrund eine Pistole bei ihm bestellt, erklärte Wohlleben. Er habe zwar zugesagt, zu schauen, „was sich da machen ließe“, aber die Sache absichtlich verschleppt und das Trio hingehalten. Beschafft habe er aber keine Waffe. Irgendwann habe Carsten Schultze eine Pistole angebracht - inklusive einem Schalldämpfer, den er aufgeschraubt habe, „vermutlich um zu gucken, wie es aussieht.“

Wo die Waffe genau her war und wie sie finanziert wurde, wisse er aber nicht. Er vermute, dass das Geld dafür über Tino Brandt kam. Überzeugend waren Wohllebens Auskünfte nicht. Er legte sich nicht fest und schloss auch nicht aus, dass er Schultze doch zum Szeneladen Madley in Jena geschickt haben könnte, über den die Waffe besorgt wurde. „Dann habe ich wahrscheinlich gesagt…“, „…das ist relativ schwierig, konkret widerzugeben…“, „…kann sein, dass ich sagte…“, „…aber daran habe ich keine Erinnerung...“, so Wohllebens wiederholte Formulierungen.

Laut Carsten Schultze hatte ihn Wohlleben beauftragt, über den Madley-Laden eine Waffe für das untergetauchte Trio zu besorgen, was der auch tat. Dass es sich dabei um die Ceska gehandelt hat, ist bisher allerdings nicht bewiesen. Dennoch hat Schultze Wohlleben schwer belastet. Der hat nun versucht, das zu zerstreuen. Schultze mit einer eigenen Version zu belasten, konnte er aber nicht. Vor allem fragt man sich, warum er mit seiner Aussage erst jetzt herauskommt, wenn er unschuldig sein will, während Schultze gleich zu Beginn des Prozesses 2013 aussagte und sich fünf Tage lang den Fragen des Gerichtes stellte.

Keine Erinnerung

Insgesamt stark zweieinhalb Stunden wurde Wohlleben von Götzl vernommen. Je länger die Befragung dauerte, desto öfter flüchtete sich der Angeklagte in die Formel, „keine Erinnerung“ mehr zu haben. Er wollte sich nicht mal erinnert haben, wo er die Drei beim letzten Mal im Jahr 2001 traf: in Zwickau oder in Chemnitz. Er habe nur gewusst, dass er mit dem Zug hingefahren ist. Auf späteren Fotos habe er den Bahnhofsvorplatz von Zwickau erkannt. In der Stadt traf er Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe auch. Sie wohnten damals bereits dort.

Ralf Wohlleben stammt aus der Nachbarstadt Jena, löst ein Bahnticket und will nicht gewusst haben, in welche Stadt er fährt? Sein Aussageverhalten ist ein Spiel mit dem Feuer: Ein Angeklagter, der sich zu Wort meldet und angibt, reden zu wollen, dann aber wenig sagt und sich noch weniger erinnert - das macht die gesamte Aussage für ihn zu einem Risiko. Wenn man berücksichtigt, das sich dieser Angeklagte bei jeder Frage sehr genau überlegen muss, was er sagt und vor allem was er nicht sagt, kann man ermessen, unter welchem Stress er bei dieser Befragung gestanden hat.

Kurz nach 14 Uhr, nach nicht mal einer Stunde Befragung nach der Mittagspause, fragte Wohlleben nach einer weiteren Pause. Danach bat sein Verteidiger Olaf Klemke, die Vernehmung auszusetzen. Sein Mandant habe Rücken- und Kopfschmerzen und könne sich nicht mehr konzentrieren. Götzl willigte ein. Die Vernehmung geht am Donnerstag weiter. Während die Verteidigung von Schultze nach dem Sitzungstag einen entspannten Eindruck machte, kann man das von den drei Wohlleben-Verteidigern Schneiders, Klemke und Nahrath nicht sagen. Auskünfte wollten sie nicht geben.

Wohlleben muss sich nach den Fragen des Gerichtes auch denen der Verteidigung von Carsten Schultze und von Holger Gerlach stellen. Und dann wollen noch jede Menge Anwälte der Nebenklage etwas von ihm wissen. Ob er seine Haltung durchhält, auf Alles geflissentlich zu antworten, aber möglichst wenig zu sagen, ist fraglich. Die erste Runde schien den 40-Jährigen schon an seine Grenzen gebracht zu haben.

Wann die Antworten von Beate Zschäpe zu hören sein werden, ist unbestimmt. Dem Gericht vorliegen sollen sie bereits.

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