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Nachrichten aus Kultur und Medien

Operation "Bärenliebe gut, Krebs schlecht" ein voller Erfolg

15.06.2012

Webcomic-Autor setzt sich gegen Seitenbetreiber zur Wehr, der 20.000$ fordert, nachdem der Autor ihm die unerlaubte Veröffentlichung seiner Werke vorwarf

Matthew Inman aus Seattle, Washington verdiente seine Brötchen ursprünglich als Webdesigner und Suchmaschinenoptimierer. Im Juli 2009 begann er nebenbei, auf der Seite theoatmeal.com Webcomics zu veröffentlichen; sein teilweise skurriler Humor kam dabei so gut an, dass er bereits acht Monate später etwa 20 Millionen Seitenaufrufe pro Monat verzeichnete und von den Einnahmen eines Onlineshops, in welchem er Merchandising-Artikel wie T-Shirts, Kaffeetassen oder Poster vertreibt, seinen Lebensunterhalt bestreiten konnte.

Mittlerweile ist theoatmeal.com eine feste Größe im Genre der Webcomics – selbst wer die Seite oder den Namen bzw. das Pseudonym ihres Autors nicht kennt, hat sicherlich schon das eine oder andere Comic irgendwo online gesehen. Beispielsweise "Wie man eine Katze streichelt" oder "Wie es ist, ein Apple-Produkt zu besitzen".

Bei so viel Erfolg und Beliebtheit überrascht es nicht, dass Inmans Werke auch ohne Rückfrage kopiert bzw. genutzt werden – beispielsweise von der Seite Funnyjunk.com, deren Geschäftsmodell darauf basiert, neben von Usern hochgeladenen Inhalten Werbung zu zeigen.

Verständlicherweise fand Inman dieses Geschäftsmodell weniger amüsant, auch wenn er selber einräumt, dass die Durchsetzung von Urheberrechten im Internet etwa ebenso aussichtsreich ist wie der Versuch, im Vietnamkrieg den Einsatz von Wasserpistolen zu verlangen – dennoch wollte er seinem Unmut aber zumindest mal Luft machen:

"I realize that trying to police copyright infringement on the internet is like strolling into the Vietnamese jungle circa 1964 and politely asking everyone to use squirt guns. I know that if FunnyJunk disappeared fifty other clones would pop up to take its place overnight, but I felt I had to say something about what they're doing."

Zumindest reagierte der Seitenbetreiber, indem er sämtliche Postings entfernte, die "The Oatmeal" im Titel trugen – und seine User aufforderte, ihrerseits Inman anzuschreiben und zu demonstrieren, dass hinter FunnyJunk nicht nur ein Inhalte klauendes Script steckt, sondern eine Usergemeinschaft.

Inman reagierte darauf seinerseits mit einem offenen Brief, einer Liste von immer noch auf FunnyJunk erreichbaren Oatmeal-Comics und der Klarstellung, dass es ihm nur um die Entfernung dieser Inhalte ginge.

Und damit hätte dieser Vorfall von vor einem Jahr eigentlich ein Lehrstück dafür sein können, wie man mit Urheberrechtsverletzungen auch ohne Einschaltung von Anwälten und Gerichten umgehen kann – bis vor wenigen Tagen dann plötzlich doch ein Brief von Anwalt Charles Carreon eintrudelte. Bei Matthew Inman. Im Auftrag des Betreibers der Seite FunnyJunk. Mit der Forderung nach 20.000$ Entschädigung für "die fälschliche Beschuldigung, willentlich Urheberrechte zu verletzen" und die Links auf die betreffenden Comics bei FunnyJunk, welche letztlich dazu führten dass bei der Googlesuche nach FunnyJunk nun Inmans Blogeintrag eines der relevantesten Suchergebnisse ist. Damit, so Carreon, wolle Inman seinen Klienten willentlich schädigen und die eigene Popularität erhöhen – zumal mittlerweile ja die Behauptung, FunnyJunk würde Inhalte von The Oatmeal hosten, gar nicht mehr dem Status Quo entspräche.

Nach einer Woche Bedenkzeit und einem Besuch bei seinem eigenen Anwalt entschloss sich Inman dann zu einer Reaktion. In einem offenen Brief führte er zuerst einige Dutzend seiner Comics auf, die immer noch bei FunnyJunk erreichbar waren. Weiterhin unterbreitete er seinen Gegenvorschlag: Statt 20.000$ an FunnyJunks Anwalt zu zahlen, würde er Spenden sammeln und bei Erreichen dieser Summe ein Foto des Geldes machen. Dieses Foto würde er dem Seitenbetreiber schicken – zusammen mit einem Bild von dessen Mutter, wie sie gerade versucht einen Kodiakbären zu verführen. Danach würde er den gespendeten Betrag je zur Hälfte an die "National Wildlife Foundation" und an die "American Cancer Society" spenden.

Nach 64 Minuten waren 20.000$ erreicht. Nach einem Tag 100.000$. Nach zwei Tagen 164.000$. Parallel dazu wandten sich Inmans Fans an Charles Carreon und bombardierten ihn mit Mails und Telefonanrufen – eine Reaktion, mit der dieser nach eigener Aussage in dieser Intensität nicht gerechnet hatte:

"I'm completely unfamiliar really with this style of responding to a legal threat — I've never really seen it before"

Vielleicht hätte ihm jemand vorher mal den Streisand-Effekt erklären sollen, oder es jetzt noch schnell tun; derzeit prüft Carreon, ob Inman mit dem Spendenaufruf gegen die Nutzungsbedingungen von IndieGoGo, dem Anbieter der Spendensammlung, verstößt.

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