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Pentagon versuchte die Internetspuren des für das Massaker in Afghanistan verantwortlichen US-Soldaten zu löschen

23.03.2012

Der Verdächtige, der sich inzwischen in einem Militärgefängnis in den USA befindet, will sich an nichts mehr erinnern

Nach dem Massaker an afghanischen Zivilisten am 11. März, das angeblich von einem einzelnen US-Soldaten begangen wurde, der des Nachts den Stützpunkt verlassen und in einem nahe gelegenen Dorf 16 Kinder, Frauen und Männer erschossen hat, brachte das Pentagon den Täter in aller Eile aus dem Land. Das geschah angeblich zum Schutz des Soldaten, während in Afghanistan von Zeugen berichtet wurde, nach denen das Massaker von mehreren Soldaten begangen worden sein soll. Vermutet wurde auch, es habe sich um eine der üblichen nächtlichen Razzien gehandelt, die vielleicht schief gelaufen ist. Es wird aber auch bestritten, ob es Zeugen gibt, die mehr als einen US-Soldaten gesehen haben wollen.

Vom Pentagon wurde den misstrauischen afghanischen Vertretern, die den Vorfall untersuchten, ein Überwachungsvideo gezeigt, das zeigte, wie der Täter zum Stützpunkt zurückkehrt und die Waffen niederlegt. Während das Pentagon damit Zweifel beseitigen wollte, dass es sich nur um einen Täter handeln soll, wuchsen diese dadurch. Die meisten Stützpunkte werden durch Überwachungskameras, die auf Masten oder Ballons befestigt sind, dauerhaft beobachtet. Es müsste also weiteres Videomaterial geben ( Hat wirklich nur ein einzelner US-Soldat das Blutbad angerichtet?).

Seltsam ist auch, dass das Pentagon erst nach fünf Tagen den Namen des verdächtigten Täters Robert Bales bekannt gab, nachdem dieser schon in die USA in ein militärisches Hochsicherheitsgefängnis gebracht worden war. Auch seine Frau und seine zwei Kinder wurden in einen Stützpunkt geholt, angeblich um sie zu schützen. Während dieser Zeit wurde versucht, wie McClatchy Newspapers berichten, das Netz von Texten, Hinweisen und Fotos zu säubern und auch die Facebook-Seite seiner Frau zu löschen sowie den Zugang zu ihrem Blog zu blockieren. Das aber gelang nicht wirklich. Die Medien machten sich nach Bekanntwerden des Namens auf die Suche und fanden beispielsweise in den Cache-Versionen von Webseiten Bilder und Texte.

Angeblich galt der Reinigungsversuch des Pentagon dem Ziel, die Familie des mutmaßlichen Täters zu schützen. Das erklärten Pentagon-Mitarbeiter, die aber anonym bleiben wollten. Manche wunderten sich, dass das Pentagon dies überhaupt versuchen wollte, weil klar war, dass Informationen, die einmal im Web veröffentlicht worden waren, kaum gänzlich gelöscht werden können.

Ein Motiv für das Massaker ist weiterhin nicht bekannt. Bales war bereits im vierten Kampfeinsatz und erlitt im Irak eine Gehirnverletzung. Offensichtlich wollte er nicht nach Afghanistan verlegt werden. Die Frage ist, warum er trotz seiner traumatischen Gehirnverletzung wieder nach Afghanistan kam. Das könnte für das Pentagon problematisch werden, allerdings bietet es auch die Möglichkeit, den Täter als psychisch krank darzustellen, was auch eine Strategie zu sein scheint ( "Er ist einfach übergeschnappt" ). Nach seinem Anwalt kann er sich nicht erinnern, überhaupt ein Massaker begangen zu haben. Betrunken sei er aber nicht gewesen. Die Version könnte für den Angeklagten das Pentagon, die US-Regierung und auch die afghanische Regierung am besten zu sein. Am Tag vor dem Massaker war ein Kollege von Bales durch eine Bombe verletzt worden.

Beschrieben wurde er als umgänglicher und verantwortungsbewusster Mensch. Allerdings kamen auch problematische Seiten seines Verhaltens durch Medienrecherchen heraus. Er scheint durchaus zu Wutanfällen geneigt zu haben. Bei einer eigentlich anstehenden Beförderung scheint er übergangen worden zu sein. Er soll nach den Anschlägen vom 11.9. aus patriotischen Gründen zum Militär gegangen sein. Zuvor hatte er wohl an der Börse gezockt und Pleite gemacht.

Interessant an dem Fall sind nicht nur mögliche Verschleierungsversuche des Pentagon, sondern auch die Schwierigkeiten, den mutmaßlichen Täter anzuklagen. In Afghanistan wurde verlangt, Bales nach afghanischem Recht den Prozess zu machen. Allerdings haben die USA sichergestellt, dass die US-Soldaten in Afghanistan Immunität genießen und nur vor amerikanischen Gerichten belangt werden können. Dort aber sind zur Anklage und Verurteilung forensische Beweise und Zeugenaussagen erforderlich. Im Augenblick ist aber nicht einmal eindeutig belegt, wie viele Menschen getötet wurden und ob wirklich Kinder darunter waren. Die Angehörigen haben ganz nach Tradition die Toten schnell beerdigt. Die Beweisaufnahme erfolgte durch Afghanen, deren Glaubwürdigkeit die Verteidigung vermutlich ebenso leicht untergraben könnte wie Zeugenaussagen von Betroffenen. Heute soll gegen Bales Anklage wegen 17fachen Mords erhoben werden.

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