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Außer Kontrolle
Twister schreibt

Pssst, nicht über die Armut in Deutschland reden, bitte!

Der jährliche Armutsbericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes gerät in die Kritik. Der Grund: Das Reden über Armut könnte "rechte Kräfte" beflügeln.

Jedes Jahr veröffentlicht der Paritätische Wohlfahrsverband seinen Armutsbericht. Dieser Bericht soll darüber Aufschluss geben, wie viele Personen in Deutschland von Armut bedroht werden oder bereits als arm gelten. Wie Peter Nowak konstatiert, wird schnell nach der Veröffentlichung zur Tagesordnung übergegangen. Aus verschiedensten Gründen.

Die einen sehen Armut als zwangsläufige Folge von Reichtum an und üben sich in Fatalismus, die nächsten betreiben das "alle selbst schuld"-Spiel oder üben sich in "Schaut euch die Armen in Indien an, dann wisst ihr was Armut ist, hier ist niemand arm"-Rhetorik. Diese wird oftmals noch mit der Glorifizierung der selbst erlebten Armut verknüpft, die mit den bekannten schöngefärbten Erinnerungen an die "gute alte Zeit" noch zusätzlich romantisiert wird. Die schönen Zeiten als man noch mit Löwenzahnblumen spielte weil es kein Spielzeug gab, die Suppe dreimal aufgewärmt und die Kleidung dreimal aufgetragen wurde, die 7 Kilometer zur Schule noch zu Fuß zu bewältigen und doch alle glücklich und zufrieden waren.

Dieses Jahr übt sich auf Spiegel Online einer der dortigen Autoren in einer neuen Begründung dafür, dass es falsch sei, über Armut in Deutschland zu sprechen. Oder eher über den "gefährlichen Blues des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes", der mit seinem Armutsbericht die "gefährliche Mär vom bitterarmen Deutschland singe"; und dies trotz "nachweislich steigender Durchschnittseinkommen, gesunkener Arbeitslosigkeit, Mindestlohn und weiter ausgebauter sozialstaatlicher Leistungen ."

In einem Artikel, der mit Sticheleien gegen den den Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes nicht geizt, stellt Autor Guido Kleinhubbert die These auf, dass derjenige, der die Botschaft des Wohlfahrtsverbandes einfach so "abkaufe", schnell von Wut gepackt werden könnte auf das System, die Menschen in Armut vegetieren lässt – natürlich nur angeblich.

Herr Kleinhubbert stellt auch fest, dass der Wohlfahrtsverband wider besseren Wissens so täte als ob "immer mehr Männer und Frauen trotz harter Arbeit oder gestiegener Hartz IV-Bezüge kein würdiges Leben führen und zum Beispiel ihren Nachwuchs nicht mehr angemessen ernähren" könnten, was dessen "Fans" natürlich so glauben. Und daraus würde dann weitere Unruhe in der ohnehin schon verunsicherten Bevölkerung entstehen und letztendlich kämen so "Pegida-Gröhler, AfD-Politiker und NPD-Wirrköpfe" zu den "Fans" des Verbandes, der so verantwortungslos handelt.

Herr Kleinhubberts Artikel hat auch einen einfachen Gegenvorschlag: Über Ungleichheit könne man reden, aber doch nicht über Armut. Seine Argumentation erinnert an die derzeit in den USA überbordenden Ideen der "Safe Spaces", die Menschen in möglichst vielen Situation von allem, was sie eventuell in irgendeiner Form triggern könnte, bewahren sollen.

Was anfangs noch vor Diskriminierung schützen sollte, ist mittlerweile in den USA zur Gefahr für freie Rede, Lehre und Kommunikation geworden und dient auch als Zensurinstrument. Herr Kleinhubbert agiert ebenso, wenn er den Verkünder der Botschaft, dass in Deutschland Menschen von Armut bedroht sind oder bereits in dieser leben, als quasi Rattenfänger und verantwortungslosem Agitator darstellt, der bei anderen ja die Wut u.a. auch gegen Flüchtlinge triggert. Subtil aber durchaus geschickt verschiebt er damit die sachliche Diskussion darüber, ob die Zahlen aussagekräftig sind oder nicht, ins Abseits und ersetzt sie durch eine Kritik daran, überhaupt über Armut zu sprechen.

Dies zu allem Überfluss noch mit einer vermeintlichen Sorge um die Flüchtlinge und die "verunsicherte Bevölkerung" zu garnieren, ist perfide, da so die Diskussion im allgemeinen erstickt wird, weil sie als "Trigger" für fremdenfeindliches Denken dienen könnte. Es ist der Versuch, ein unter der falschen Flagge der Humanität segelndes Schiff namens Verschweigen auf den Weg zu schicken, das der "verunsicherten Bevölkerung" suggerieren soll, dass es doch allen irgendwie gut geht – nur manchen eben mehr und manchen weniger.

Mit der gleichen Argumentation könnte man Diskussionen über die geringen ALG II-Sätze, Mindestlohn, Leiharbeit et cetera abwürgen. All dies könnte ja dazu führen, dass die verunsicherte Bevölkerung noch weiter verunsichert wird und ggf. sich Menschen dem rechten Rand anschließen, der u.a. auch gerne, wenn auch deutlich verklausulierter, von den etablierten Parteien bedient wird.

Eine Strategie, die beschämend ist und, zynisch gesagt, in ähnlicher Form auch bei häuslicher Gewalt gegenüber Kindern und Partnern angewandt wird – das Schweigen wird eingefordert, indem eine Drohkulisse aufgebaut wird, die bei Nichtschweigen furchtbarste Konsequenzen zeigt. Zwischen "Wenn du etwas sagst, dann kommst du ins Heim und wir in den Knast." und "Wenn du etwas sagst, dann gibt es noch mehr Wut gegen das System und die Rechten bekommen mehr Zulauf und wenden sich dir zu und es gibt noch mehr Fremdenfeindlichkeit" ist wenig Platz.

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