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Außer Kontrolle
Twister schreibt

Rauchen aus fünfter Hand?

Wie geht es weiter mit dem Rauchverbot?

Dass Kleidung und Haare von Rauchern nach Rauch riechen, ist eine Binsenweisheit. Aber die Studie um das sogenannte "Third Hand Smoking" ist dagegen eine Lachnummer, wenn man sich nur die Zahlen ansieht. 65 Prozent der Nichtraucher und 43 Prozent der Raucher stimmten der Aussage des Satzes zu, wonach "das Einatmen der Luft in einem Raum, in dem gestern geraucht wurde, die Gesundheit von Heranwachsenden und Kindern schädigen kann". - würde man eine ähnliche "Studie" in Bezug auf Mobiltelefone, Pornographie, laute Musik oder dergleichen mehr durchführen, kämen sicherlich gerade wegen der Involvierung von Heranwachsenden und Kindern ähnliche Ergebnisse heraus.

Dass eine persönliche Einschätzung aber etwas hinsichtlich einer tatsächlichen Gefährdung aussagen kann, ist neu. Man mag zum Rauchen in der Öffentlichkeit stehen wie man will, aber wer die Kommentare von (insbesondere) Nichtrauchern liest, der fragt sich manches Mal, mit welch willfährigen, hilflosen Personen es man dort zu tun hat. Jahrelang konnten sie nicht mit den arroganten, gnadenlosen und qualmenden Freunden gemeinsam weggehen, mussten, so sie Gesellschaft haben wollten, sich gepökelt fühlen, waren unfähig, einem Raucher, der sich beim Salat bereits die Glimmstengel reihenweise ansteckte, klar zu sagen, dass dies nicht erwünscht ist, so dass sie quasi zum Raucherhass gezwungen wurden. Amüsanterweise beklagen sich jetzt viele darüber, dass die rauchenden Freunde nicht etwa in die rauchfreien Kneipen gehen, sondern entweder zu Hause bleiben um dort zu rauchen, oder sich nach draußen begeben. Fazit: Die Nichtraucher sitzen wieder alleine in ihrer Kneipe.

Es ist für mich schwer nachvollziehbar, dass es Vegetariern usw. gelang, alleine durch ihre Nachfrage nach entsprechenden Speisen dafür zu sorgen, dass es entsprechende Restaurants gibt oder Salate etc. auch auf den "normalen Speisekarten" stehen, während es Nichtrauchern nicht gelang, ihren Bedarf an Nichtraucherkneipen so zu artikulieren, dass mit einem entsprechenden Angebot geantwortet wurde.

Noch unverständlicher ist, dass die Mehrheit der hilferanten (hilflos-tolerant) Nichtraucher anscheinend mit rücksichtslosen "Freunden" gesegnet ist, die die Wünsche der nichtrauchenden "Freunde" völlig ignorieren - und dennoch zu den Freunden zählen. Natürlich geht es auch um fremde Menschen, die in der Gaststätte rauchen usw. usf, aber wer sich die Kommentare in Foren etc. durchliest, fragt sich: warum umgeben sich Menschen langjährig mit rücksichtslosen Menschen und bezeichnen sie als ihre Freunde, wenn sie doch meinen, dass diese Körperverletzung an ihnen begehen?

Mit dem Rauchverbot scheinen Dämme gebrochen zu sein, so dass nach dem Rauchen in der Öffentlichkeit jetzt auch (mit wechselnden Argumentationen) das Rauchen im Privatbereich angegriffen wird. Von der Gefährdung von Kindern und Heranwachsenden bis hin zur Sachbeschädigung, mit der sich der Vermieter herumplagen muss, findet man eine Liste von Argumenten, weshalb auch im Privatbereich das Rauchen nur bedingt zugelassen werden sollte. Gerade bei der Gefährdung von Kindern und Heranwachsenden stellt sich so manchem die Frage, inwiefern diejenigen, die sich jetzt so vehement auf das Problem des Rauchens stürzen, sich mit dem "Leben mit Giften" an sich beschäftigen. Sieht man sich z.B. das Arsenal an Körperpflegeprodukten sowie Reinigungsmitteln in diversen Haushalten an (in denen die Anwendung eines Kratzschwämmchens für die Reinigung eines Backbleches anscheinend ein Relikt ist), dann fragt man sich, wie diese Mischung aus Haar-, Backofen-, Antischimmel-, Deo-, Raumerfrischungs-, Möbelerfrischungs-, Schuhimprägnierungsspray sowie Glas-, Küchen-, Boden-... reiniger für Kinder sein muss. Von den diversen Dingen, die per Nahrung aufgenommen werden, ganz zu schweigen. Die Sorge um die Kinder erscheint da oft eher als Mittel zum Zweck, denn als ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Thema Kindeswohl.

Keine Frage: Rauchen ist nicht gesund. Doch viele Dinge, die nicht gesund sind, bleiben erlaubt. Dies muss in einer möglichst freien Gesellschaft auch so sein. Der Mensch muss auch die Möglichkeit haben, sich selbst schaden zu dürfen, sonst wird er letzten Endes nur noch ein Borg-ähnliches Mitglied der Gesellschaft, dessen Rechte nur noch das beinhalten, was die Gesellschaft als unschädlich definiert - was bedeutet, dass Individualität nur noch innerhalb sehr enger Grenzen möglich sein würde. Viele Arten des selbstschädigenden Verhaltens schädigen auch andere. Nicht so direkt wie es beim (Passiv)rauchen der Fall ist, aber auch beispielsweise exzessiver Sport, exzessive Arbeit oder Alkoholsucht finden nicht im luftleeren Raum statt, sie wirken sich auch auf Familie usw. usf. aus.

Die Debatte um das Rauchen scheint aber, auch wenn man sich ansieht, dass immer öfter gefordert wird, es dürfe kein Geld für Alkohol und Tabakwaren für ALGII-Empfänger mehr geben, eine Debatte um Individualität und um Genuss zu werden bzw. sie ist es bereits. Es geht nicht nur darum, Rauchwolken ausstoßen zu dürfen, es geht auch darum, was in den eigenen vier Wänden noch erlaubt sein sollte und ob es wirklich sinnvoll ist, sich auf der einen Seite damit zu befassen, inwiefern man leistungssteigernde chemische Drogen legalisieren sollte, auf dass Menschen den Anforderungen der Leistungsgesellschaft gewachsen sind, während man auf der anderen Seite beginnt, das zu verbieten, was für den Einzelnen ein Genuss darstellen kann.

PS: Nur zur Erläuterung: nachdem ich bis vor kurzem noch ab und an meine Zigarillos gepafft habe, rauche ich jetzt nicht mehr.

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