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Sarrazin: eitel und provokativ

25.08.2010

Sarrazin wird als Denker gegen den Strom gefeiert, ist aber nur ein kleiner Ausländerfeind

Thilo Sarrazin setzt auf Aufmerksamkeit. Deswegen provoziert er auf Teufel kommt raus. Dem persönlichen Antrieb, in der Aufmerksamkeitsökonomie mit den immergleichen Themen zu punkten, scheint dem SPD-Mitglied, früheren Finanzsenators von Berlin und Bundesbank-Vorstandsmitglied ganz egal zu sein.

Jetzt hat er ein Buch mit dem katastrophischen Titel "Deutschland schafft sich ab. Wie wir unser Land aufs Spiel setzen" geschrieben, das muss zum Teufel komm raus beworben werden, wozu sich Sarrazin auch der Bild-Zeitung bedient, die für derartiges immer gut ist. Der Sozi sieht Deutschland von Muslimen und nebenbei auch von der Unterschicht bedroht, die dank der Transferleistungen darauf aus ist, möglichst viel Nachkommen zu erzeugen. Die Deutschen sterben aus, schaffen sich durch Zeugungsverzicht und vereinfachte Zuwanderung ab. Oje.

Dem Deutschlandfunk sagte der aufrechte Kämpfer:

"Es geht nicht an, dass wir es zulassen, dass etwa 40 Prozent der muslimischen Migranten bei uns von Transferleistungen leben mit Einkommen, die viel höher sind als das Arbeitseinkommen da bei sich zu Hause wäre, und denen von daher jede Integration erspart wird. Und bei den Migranten, die künftig noch kommen, da schließe ich den Familienzuzug ausdrücklich ein, müssen wir wesentlich schärfere Maßstäbe anlegen. Natürlich kann überhaupt kein vernünftiger Mensch etwas dagegen haben, dass ein marokkanischer Ingenieur oder Arzt bei uns arbeiten kann, und der soll auch mit seiner Familie kommen dürfen. Aber die unqualifizierte Migration, die wir gegenwärtig haben, und die Migration des ungebildeten, unqualifizierten Familiennachzugs, das kann in dieser Form nicht weitergehen."

Vor allem geht es dem Politiker um Erregung der öffentlichen Meinung. Dafür muss man arbeiten und sich in Szene setzen, mitunter ein ganzes Buch schreiben (lassen). Und natürlich hat man alles aus eigener Kraft geschafft, schon ganz früh, der Wille zählt, nicht die Umstände: "Als ich im Februar 1955 die Aufnahmeprüfung am Gymnasium Petrinum in meiner Heimatstadt Recklinghausen ablegte, konnte ich fließend lesen (und zwar mit höherem Lesetempo als heute), hatte eine vollständig sichere Rechtschreibung, konnte schriftlich dividieren und multiplizieren, kannte die gesamte biblische Geschichte rauf und runter und hatte im regionalen Umfeld erdkundliches und historisches Orientierungswissen."

So ist unser Sarrazin, zwar nicht ganz so fortpflanzungsfreudig wie die Muslime in seinen Augen, aber doch vorbildlich strebsam, wie es jeder sein sollte. Dafür ziehen die Muslime in Deutschland die Sozialleistungen an, denn sie wollen es sich bequem machen, richtige Schmarotzer eben. Und solche Ansichten machen Sarrazin angeblich zum "Denker", der gegen den Strom schwimmt, man sollte eher sagen, der mit dem Strom schwimmt und der die noch verbliebenen Bedenken mit Lust und Eigeninteresse wegräumt. Hartz-IV-Empfängern hatte er auch schon mal empfohlen, kalt zu duschen.

Sarrazins Feinde sind eigentlich nicht die Unterschichtsangehörigen und die Muslime, sondern die nicht nationalistisch und rechtsausgerichteten Intellektuellen, die für die Ideale der Aufklärung eintreten:

"In Deutschland arbeitet ein Heer von Integrationsbeauftragten, Islamforschern, Soziologen, Politologen, Verbandsvertretern und eine Schar von naiven Politikern Hand in Hand und intensiv an Verharmlosung, Selbsttäuschung und Problemleugnung."

Es hat lange gedauert, bis nun die SPD aufgewacht ist und sich traut, gegen den rechten und ausländerfeindlichen Sarrazin anzutreten. Der SPD-Parteivorsitzende Sigmar Gabriel droht zwar noch immer nicht mit einem Parteiausschlussverfahren wegen seiner rassistischen Äußerungen, meint aber: "Wenn Sie mich fragen, warum der noch bei uns Mitglied sein will - das weiß ich auch nicht." Allerdings gäbe es da noch mehr Kandidaten.

Auch Raed Saleh, der integrationspolitische Sprecher der Berliner SPD, wirft Sarrazin im Deutschlandfunk Rassismus, Intoleranz und inakzeptable Pauschalisierungen vor. Im Grunde vertrete er die Parolen von NPD oder Pro Deutschland und schüre bewusst Vorurteile. Er spreche sogar von "genetisch bedingter Dummheit". Dies sei eindeutig rassistisch. Auch was die von Sarrazin den Muslimen abgesprochene Integrationsfähigkeit betrifft, widerspricht Saleh seinem (Noch)Parteigenossen: "Wir haben in Deutschland eine Integration, die millionenfach gelungen ist und auch in Berlin eine Integration, die hundertfach gelungen ist."

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