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Nachrichten aus Kultur und Medien

Schaf im Wulffpelz

04.01.2012

Agieren die Medien als Kontrollinstanz oder sind sie selbst Getriebene?

Will eigentlich irgendwer einen Mann zum Bundespräsidenten, der so unbedacht ist, ausgerechnet dem Chefredakteur der BILD-Zeitung Drohungen auf die Mailbox zu sprechen? Jenseits von der Vettern- und Günstlingswirtschaft, von der provinziellen Maschsee-Connection, die in unserer Welt der Sarkozys und Berlusconis, der Putins und der Scheichs doch wirklich nur deshalb der Rede wert ist, weil sie noch nicht mal im Schlechten groß ist, ist das eigentliche Sujet der Affaire Wulff doch ihr Lehrstück-Charakter für das Verhältnis von Medien und Politik.

Selten hat man die Medien der Bundesrepublik derart als vierte Gewalt auftretend erlebt, die im Konzert Details durchsickern lässt und gemeinsam an einem Strang zieht, um dem Staatsoberhaupt seine Grenzen aufzuzeigen.

Goethes Zauberlehrling fällt zum Fall Wulff und Medien ein, der - "walle, walle" - die Geister, die er rief, nicht mehr zu bändigen vermag. Denn Wulff selbst ging den Teufelspakt mit BILD und der Springer-Presse ein. Er war zu nahe an den Medien dran, noch dazu am Boulevard, also einem politikfremden Medium. Selber schuld. Wer mag, kann jetzt über die psychische Disposition des Bundespräsidenten räsonieren, Mitleid muss man jedenfalls nicht haben.

Dafür spricht das, was an Wortlaut aus dem Telefonat des Bundespräsidenten durchsickerte, eine zu klare Sprache: "Krieg ... Rubikon ...", vor allem "endgültiger Bruch" - tatsächlich redet hier, wie die FAZ bemerkte, ein enttäuschter Ex. Einer, der eine besondere Beziehung gehabt hat, der meint, auf Rechte pochen zu können, drohen zu dürfen. Das sagt viel über Wulffs Auffassung von Pressefreiheit, über seinen Drang, Medien zu instrumentalisieren, und über sein symbiotisches Verhältnis zu Springer.

Was hinter dem blassen Typ, an dem man sich nicht stoßen konnte, nun sichtbar wird, ist noch etwas anderes. Christian Wulff ist mehr als nur einfach so langweilig wie die Bürger, die er repräsentieren sollte, grau und dröge, ein konturloser Parteisoldat und Karrieretreppensteiger. Wulff ist eben doch ein CDUler, ein Mitglied der Partei Kanthers und Kochs, Filbingers und Oettingers: Ein Machtmensch, dreist, selbstherrlich, und zur Not bereit, kräftig auszuteilen, zumindest mit dem Mund.

Wer will von so einem repräsentiert werden?

Wulff hat alles falsch gemacht, was er falsch machen konnte. Er hat Fehler begangen, die von Beobachtern zu Recht als unbegreiflich und politisch selbstmörderisch beschrieben werden:

"Das macht einen ja wirklich fassungslos - das klingt fast wie ein politisches Selbstmordkommando, was er da vollzogen hat. Ich kann das gar nicht verstehen. ... Dass jemand Drohungen, für die er sich dann ja auch anschließend offenbar entschuldigt hat, auf Mailbox, also auf den Anrufbeantworter, auf Tonband spricht - das habe ich noch nie erlebt. Und so etwas Irres, ehrlich gesagt, ist mir noch nie vorgekommen. ... dann muss man von allen guten Geistern verlassen sein." Stefan Aust

Er hat reagiert, wie ein Junge-Union-Funktionär, den man im Bordell gesehen hat, wie ein Klassenprimus, der beim Abschreiben erwischt worden ist: verdruckst und feige. Und dumm, überfordert und panisch im Moment der Herausforderung; ein Schaf im Wulffspelz. Wer will von so einem repräsentiert werden? Dann doch besser die fingerkauende Merkel.

Kommt alles raus?

Jetzt hat jedenfalls Wulffs Stunde geschlagen: Wulff hat noch einen Schuss - und der muss sitzen. Selbst dann ist es genau genommen sehr unwahrscheinlich, dass er die gegenwärtige Affaire übersteht. Erst recht angesichts des bisherigen Krisenmanagements. Aber er hat gar keine andere Wahl, als gegenüber der Öffentlichkeit einen Canossagang antzureten und alles öffentlich machen, um sich einen Rest von Glaubwürdigkeit wieder aufzubauen. Ansonsten ist die einzige Frage, die sich noch stellt: Wird Christan Wulff noch heute zurücktreten oder erst morgen?

Die Opposition setzt zum Sturm an: "Ich komme in der Summe ... zu der Überzeugung, dass Herr Wulff den Anforderungen des Amtes als Bundespräsident nicht gewachsen ist. Er muss sich die Frage stellen, ob er dies der Bundesrepublik Deutschland weiter antun will in der schweren Zeit, in der wir ja sind."

In alldem steht Wulff nun das Bedächtige, Ängstliche, Lahme und Unentschlossene seiner Persönlichkeit im Weg. Das latent Beleidigte, das hinter seiner Farblosigkeit aufscheint.

Jetzt fragen sich wieder viele: Wie können Leute wie Wulff und Guttenberg nur glauben, dass sie damit durchkommen, dass das nicht alles am Ende herauskommt? Gute Frage. Eine Erklärung wäre Dummheit. Vielleicht sind eben viele Politiker auch nicht klüger, als die Leute, die sie vertreten sollen? Eine zweite Erklärung - die keinen Widerspruch zur ersten bildet - ist Hochmut, Arroganz, Anmaßung. Beides zusammen mündet in Selbstüberschätzung und Blindheit.

Zudem: Woher wissen wir denn eigentlich, dass "alles" herauskommt? Wir kennen nur, was veröffentlicht und nicht dementiert wurde. Woher wissen wir, dass das alles ist? Dass nicht die interessantesten Fakten verborgen blieben.

Was will Springer?

Und noch eine Frage: Was will Springer? Es kann ja sein, dass hier aus dem journalistischen Ethos heraus gehandelt wird, sich stellvertretend gegen die Anmaßung der Macht zu wehren, und dass ein derartiger Regelbruch, eine solche Attacke gegen die Pressefreiheit, noch dazu durch den Hüter der Verfassung, die Offenlegung verlangt.

Andererseits sind ja ein paar Dinge klar: Der Wortlaut des Mittschnitts von Wulffs Anruf auf Kai Diekmanns Mailbox lag "seit mehreren Wochen ... mehreren Redaktionen" vor, so Hans Leyendecker in der SZ. Sie können nur vom Empfänger selbst stammen, der sie mindestens in Redaktionskreisen weitergab - damit de facto veröffentlichte. Warum? Und warum (erst) jetzt? Wohlgemerkt: An den Fakten ändert das gar nichts. Aber die Öffentlichkeit könnte sich ein schärferes Bewusstsein darüber leisten, was sie wann wissen darf und was noch nicht, und eine Ahnung davon, was sie alles nie erfahren wird.

Jedenfalls bleibt festzustellen: Auf dem vorläufigen Höhepunkt der europäischen Staatsschuldenkrise ist das ganze Land damit beschäftigt, die Amigo-Affaire eines real recht machtlosen Durchschnittspolitikers aufzuklären. Sämtliche Medien von Links bis Rechts lassen sich vom über Bande spielenden Springer-Verlag am Nasenring durch die Arena ziehen, lassen sich von der Guttenberg-Fanpostille mit immer neuen Fakten füttern, die punktgenau über Wochen in Tagesrationen verabreicht werden. Und im Grunde wartet das Publikum auf neue Enthüllungen, verfolgt gespannt die Daily-Soap "Wulff-Story". Und hofft auf weitere Enthüllungen, vielleicht gar jene noch ausstehende Telenovela über "das Vorleben" der Präsidentengattin, von dem seit Monaten in den "gut informierten Berliner Kreisen", geraunt wird, es habe mit Escort-Service und dem Bordell "Artemis" zu tun.

Ist der Journalismus hier Kontrollinstanz oder selbst Getriebener? Was fehlt, ist die Thematisierung genau dieser Fragen, sind Selbstreflexion und Kritik der Kritik. Auch das gehört nämlich zu den Verhaltensformen der demokratischen Kultur.

Es ist klar, dass Springer hier kühl taktiert und kalkuliert hat, dass eine Agenda verfolgt wird. Auch klar ist, dass man Wulff schon im Sommer in einem langen Text in der Welt am Sonntag nach Jahren der Gunst plötzlich als einen Menschen charakterisierte, der gelegentlich lügt, oft schönfärbt und noch öfter schweigt, der gern das Bild einer heilen Welt entwirft, "die in Wirklichkeit längst zerbröselt" war. Der "der Inszenierung auf dem Boulevard" verfallen ist, der "die Menschen dazu bringt, ihm gern zu glauben".

Damit ist es nun vorbei. Irgendetwas muss zwischen Wulff und Springer vorgefallen sein. Oder will man nur die Kanzlerin demontieren? Vielleicht sieht man bald klarer.

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