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Sein ist da, wo Raum ist

05.05.2013

Wie sich der reale Raum zum digitalen verhält und für wen der Raum weiter Schicksal bleiben wird

Ist der Raum, den wir wahrnehmen, erleben und spüren, wenn wir uns stoßen oder verletzen, ein von menschlichem Handeln und Denken fabrizierter? Oder kann, darf und muss man ihm eine "eigene Qualität", "Eigengesetzlichkeit" oder gar einen "Eigensinn" attestieren? Sowohl Physiker als auch Geisteswissenschaftler sind sich darüber unschlüssig. Auch wie sich der "Raum als Gegebener" zum "Raum als Gemachten" verhält, und welchen Anteil soziale, grafische oder mediale Operationen oder Praktiken haben, die Räume darstellen und gleichzeitig herstellen.

Ein in sich ruhender Hafen

Für die politische Geografie, für Friedrich Ratzel und Karl Haushofer, für Halford J. Mackinder und Robert Kjellén etwa, war die Sachlage in der Vergangenheit klar. Der Raum trotzt der Zeit. "Mit festen Schultern", lesen wir noch in Nietzsches Vorarbeiten zum "Zarathustra", steht er "gegen das Nichts". "Wo Raum ist, da ist Sein", ergänzte der Philosoph noch. Der Raum ist das Sein, das sich seiner Vernichtung widersetzt. Containergleich umhaust er Menschen, Völker und Kulturen und übt als Landschaft oder Territorium mittelbare oder gar unmittelbare Effekte auf ihr Denken, Handeln oder (Rechts)Bewusstsein aus.

Nicht zufällig verfiel später George F. Kennan, ein Vertrauter von Harry S. Truman, post WK II auf den Begriff des "Containement", das rote Trennlinien (innen/außen) zog, klare Zuordnungen schaffte (Freund/Feind) und Zugänge blockierte (in/out), wie es heute das Netz auch tut. Mit dieser Politik der Eindämmung, so der US-amerikanische Außenpolitiker, sollte das Expansionsstreben des kommunistischen Rivalen eingehegt werden und ist bekanntlich auch erfolgreich eingehegt worden.

Exemplarisch für diese Raumvorstellung steht vielleicht Fernand Braudels wunderbares "Mittelmeerbuch", das Nicolas Sarkozy bewundert und deren Trilogie jüngst bei Suhrkamp wieder aufgelegt worden ist. Darin führt der französische Historiker den Leser in eine von sozialen und kulturellen Ereignissen quasi unbewegte Geschichte ein, die statt Dynamik, Mobilität und hektischer Betriebsamkeit eher von Trägheit und Langsamkeit eingenommen wird, von den "longue durées" der Landschaft, der Geografie und des Klimas

Es ist der beharrliche Kreislauf der Dinge, der den Raum rund ums Mittelmeer beherrscht, und den sozial-kulturellen Wandel, aber auch die Taten großer historischer Individuen überdauert. Braudel ist fest davon überzeugt, dass es der schnelllebige Wechsel ist, der den Menschen die Illusion gibt, sie seien die Helden der Geschichte, während sie in Wahrheit doch nur deren Objekte sind. Wer das Desaster des Euro, die Krise Europas und die Nord-Süd Spaltung besser verstehen will, der sollte mal einen Blick da hineinwerfen.

Brandbeschleuniger

Gleichwohl kann der Raum auch zum Taktgeber, Störenfried und Unruhestifter werden. Dann wirkt er wie ein Schwamm oder Datenspeicher, der Geschichten und Fantasmen, Mythen und Opfer, Sehnsüchte und Niederlagen aufsaugt, sie sammelt und dadurch die "Seele" einer Gemeinschaft oder Nation (Hegel nannte das noch "Volksgeist") nachhaltig oder gar dauerhaft zu prägen und zu formen versteht. Man denke etwa an die blutigen Kämpfe im und um das Westjordanland, die Streitereien auf dem Tempelberg um den Felsendom in Jerusalem ( Geografie der Macht).

Oder er verwandelt sich in eine Art "Wunderblock". Bekanntlich war das die Metapher, mit der der Sigmund Freud Anfang des vorigen Jahrhunderts die Funktionsweise des "Unbewussten" zu beschreiben suchte. Unaufhörlich kann dieser danach neu beschriftet werden, wobei andere Inschriften gelöscht, um- und überschrieben werden. Freilich hinterlassen diese Schreibakte Spuren, die, auch wenn sie scheinbar unlesbar geworden sind, stets präsent bleiben. Jederzeit können sie wieder lesbar gemacht und zum Pulverfass für ein Volk, eine Nation, Region oder Kultur werden. Die Balkankriege, der arabische Bruderkrieg in Nordafrika oder im Größeren Mittleren Osten, haben das blutig vor Augen geführt.

Hoch problematisch werden solche Kämpfe um Anerkennung, Ressourcen und Lebensraum allerdings, wenn der politische Wille "mehr will" als er wollen kann oder darf. Im geopolitischen Denken hat das dazu geführt, dass Raum und Wille als austauschbare Ausdrücke behandelt wurden. Wo das der Fall war, wurden Geografie und Kultur, Territorium und Ethnie, Überlieferung und Ideologie eins, sie wurden in Raumpolitiken umdefiniert, die politische Raumnahmen und Raumsetzungen rechtfertigten. Mit "Nehmen, Teilen, Weiden", umschrieb Carl Schmitt gut sechzig Jahren später dann jenen "völkerrechtlichen" Dreiklang, mit dem Grund und Boden in Besitz übergeführt werden.

Technik eröffnet Räume

Leitmedium der Erschließung und Nutzbarmachung des Raums war in der Vergangenheit "die Eisenbahn", die von Lord Salisbury einst als "Hauptwerkzeug des Imperialismus" bezeichnet und von Lenin als Symbol für die Revolution herangezogen worden ist. Erinnert sei an die imperiale Rolle, die sie im 19. Jahrhundert bei der Erschließung Amerikas und Sibiriens, Afrikas (Transsahara-Bahn) oder des Mittleren Ostens (Bagdad-Bahn) einnahm. Ihre Aufgabe war es, noch unerschlossene Gebiete zu durchdringen und Grenzen zu verschieben, Türen zu öffnen und die Wildnis zu zivilisieren.

Diese Raum erschließende Wirkung, die das "eiserne Pferd" hatte, kommt auch anderen Medientechnologien zu. Aktuell dem Internet. Das Netz ist gleichsam der "locomotive breath", der fremde Völker, Räume und Werte einander näher bringt, neue Märkte erschließt und sie mit westlichen Werten und den Praktiken des Freihandels bekannt und vertraut macht.

Ein Irrtum der Medienwissenschaften der letzten Jahrzehnte war es, lange Zeit übersehen zu haben, dass Medien (Telegraf, Kabel, Radio, Presse, Fernsehen ...) immer schon Raumtechnologien gewesen sind ( Wachsende Räume). Weil sie nie bloßes Mittel zur Erreichung bestimmter Zwecke, sondern "Waffe und Instrument" zugleich sind und praktisch jedem dienen, der sie nutzt, sind sie alles andere als neutral.

Vom Raum zum Verkehr

Von raum- und diskurspolitisch nicht ganz unwichtiger Bedeutung ist dabei vermutlich der Begriff der "Infrastruktur". Nicht nur, weil er trotz seiner integrierenden, Raum verdichtenden Effekte, die materielle Verankerung im Raum anzeigt, die nötige Widerstandskraft gegenüber den immateriellen Kräften der Virtualisierung, Medialisierung und sozialen Konstruiertheit entwickelt und die Raumwissenschaft zur "Verkehrswissenschaft" macht. Sondern auch, weil er vielleicht den Schlüssel für die Erschließung, Eroberung und Neuvermessung des Raums liefert und implizit noch die Frage nach dem Verhältnis von Kolonisation und Dekolonisation stellt.

Noch vor Jahren konnte oder wollte man nicht voraussehen, dass sich das Internet mal zur "Infrastruktur" entwickeln werde, die unseren gesamten öffentlichen wie privaten Alltag prägen, Formen und gestalten wird. In der "Magna Carta for fhe Knowledge Age" übertrugen Alvin Toffler und Co. vor knapp zwanzig Jahren "den amerikanischen Traum" auf den "Cyberspace". Ein Jahr später lieferte Al Gore, Bill Clintons Vize, mit seinem Bild vom "Information Superhighway" den passenden historischen Kommentar dazu.

Dies zeigt, dass im Begriff der "Infrastruktur" Raumbegriffe, Raumvorstellungen und Raumkonzepte unterschiedlichster Sichtweisen zwar vermengt, aber politisch wieder greifbar werden. Auf diese Weise ist es möglich, Verkehrsmittel (öffentlicher Nahverkehr) und Verkehrswege (Straßen, Schienen), Nachrichtenwesen (Telefone, Computernetze), Versorgungs- (Wasser, Gas, Strom) und Entsorgungssysteme (Abfall, Abwasser) mit sozialen Einrichtungen wie Kindergärten und Schulen, Krankenhäusern und Universitäten in Einklang zu bringen. Im Begriff der "Nation-Building" kommt das mittlerweile auch in politwissenschaftlichen Kreisen zum Ausdruck.

Erweitung der diplomatischen Kampfzone

Am Beispiel des deutschen Griffs nach Afrika hat Dirk van Laak neulich gezeigt, wie es der westlichen Zivilisation vor WK I gelungen ist, mithilfe technischer Mittel (Eisenbahnen, Telegrafen, Telefonen …) Zug um Zug den Rest der Welt zu erobern und dann unter sich aufzuteilen. Wesentlich für den imperialen Ausgriff war in seinen Augen neben dem Bewusstsein für die Dynamisierung der Räume der Transfer des Missionsgedankens der Religion auf die Technik ( Europas Zukunft liegt im Süden).

Mit ihren "Remarks on Internet Freedom" am 21.Januar 2010, die die so genannte "21st Century Statecraft"-Agenda vom Mai 2009 ergänzte und fortschrieb, kommt diese Missionsgedanke erneut zum Ausdruck. Mit diesen "Bemerkungen zur Internetfreiheit" gab Hillary Clinton, von nur wenigen überhaupt beachtet, jüngst die politische Losung und Richtung vor, in der das US-Außenministerium das Internet und die mit ihm verbundenen soziale Dienste wie Twitter, Youtube und Facebook zu nutzen gedenkt.

Mit Hilfe sozialer Medien versuchen US-Diplomaten jetzt Bürger des Ziellandes direkt anzusprechen, sie versuchen Kontakte zu knüpfen, Beziehungen zu vertiefen und Projekte voranzutreiben, die von gemeinsamem (westlichem) Interesse sind. Schon sind Millionen von Steuergeldern in Softwareanwendungen geflossen, mit denen etwa Internetzensur, Überwachung und die Blockade von Webseiten aufgehoben bzw. umgangen werden können. Auch ist man dabei, Nutzern durch eigens entwickelte Übertragungseinheiten oder externe Funknetze, so genannte "shadow networks", zu helfen, sie ggf. wieder an das Netz oder Mobilfunknetz anzuschließen, sollte das Netz, wie in Nordafrika und im Iran geschehen, von den dortigen Machthabern abgeschaltet werden.

Die Ideen Hillary Clintons zur "Internetfreiheit", zur "Zivilgesellschaft 2.0" und zu "Innovation und Institutionalisierung" fielen umgehend auch in Europa, das traditionell derlei Entwicklungen hinterherhinkt, auf fruchtbaren Boden. Auch sie haben inzwischen die Vorzüge der "public" oder "digital diplomacy" erkannt, die Netz basierte Dienste einer "Außenpolitik 2.0" liefern. Auch sie haben ein "Joint Communique" auf den Weg gebracht, in dem sie sich verpflichten, eine Reihe internationaler Workshops und Konferenzen mit Internetaktivisten, Politikern und Vertretern der IKT-Branche zu organisieren, um die Freiheit des Netzes zu gewähren.

Dass Vladimir Putin seine Sicherheitsbehörden jüngst beauftragt hat, Büros deutscher Stiftungen in Moskau zu durchsuchen und Computer zu beschlagnahmen, geschieht, wenn man diese Entwicklungen zugrunde liegt, nicht zufällig. Auch dem russischen Präsidenten ist aufgefallen, dass sich diese "friedlichen" Einrichtungen nicht ausschließlich ihren hoheitlichen Aufgaben der Vermittlung von Sprache und Kultur widmen, sondern sich beizeiten zu "U-Booten der westlichen Außenpolitik" entwickelt haben.

Nichts Neues unter der Sonne

Neu ist das wiederum nicht, wie die Geschichte des "Free Flow of Information" beweist, der gern auch von Cyberaktivisten beschworen wird. Schon John Foster Dulles, Architekt der Politik des Kalten Krieges, wies in den 1950ern darauf hin: "Wenn ich einen Bereich auswärtiger Politik für wichtig erachte, dann ist es der Free Flow of Information."

Eine Flut von US-Filmen, Walt Disney Produktionen und US-Magazinen wie Reader's Digest, Time, Newsweek oder Playboy überschwemmte daraufhin den Markt und generierte Millionen von Lesern und Zuschauern außerhalb den USA. Später nahmen beispielsweise auch "Voice of America", das legale amerikanische Propagandaradio, sowie "Radio Liberty" und "Radio Free Europe" die Ostblockstaaten gezielt und erfolgreich unter Nachrichtenbeschuss.

Auch die "Deutsche Welle", die immer noch munter und mit Segen der Bundesregierung sendet, das "Institut für Auslandsbeziehungen" (ifa) oder die "Goethe-Institute", die sich eigentlich um die Förderung der deutschen Sprache im Ausland und die Weitergabe deutscher Kultur sorgen wollen, spielen bisweilen, wie man in Ägypten beobachten konnte, mehr und minder offen und verdeckt auf dieser politischen Klaviatur.

Im Befehlsraum des Rechners

Der digitale Raum wiederum, der unser Handeln und unsere Denkweisen immer stärker durchdringt, formt und prägt, ist einer, der beide Bedeutungen und Sichtweisen perfekt miteinander koppelt und vereint. Er ist ein mathematisch gemachter, der einen "raumontologischen" Anspruch erhebt.

Einerseits spannt er eine künstliche ("virtuelle") Welt auf, die eine unendliche Vielzahl von Anwendungen zulässt, Möglichkeiten des Information, des sozialen Austausches und der gegenseitigen Hilfe; zugleich entwirft er, auf einer den Blicken und Zugriffen des Nutzers entzogenen Seite, eine vollkommen getaktete und programmierte Welt, die vor allem der Effizienzstärkung dient, eine Ökonomisierung des Alltags bewirkt und die Verbesserung der Kosten-Nutzen Rechnung anstrebt.

In diesen unsichtbaren Räumen ist alles streng determiniert, vorausberechnet und kalkülisiert; hier werden keine Fragen gestellt, Meinungen ausgetauscht, Kompromisse geschlossen oder strittige Normen oder Werte argumentativ begründet und gemeinschaftlich bestimmt; und hier ist auch kein Disputieren und Schmeicheln, Verführen oder Bestechen, Aushandeln oder Leben in Provisorien möglich. Die Menge möglicher Interaktionen wird durch mathematisch festgelegte Regeln vollständig definiert.

Dem Bewusstsein unzugänglich

Anders als in analogen öffentlichen Räumen, wo Stimmungen und Meinungen gehandelt werden, die Atmosphäre und das Klima unter den Akteuren eine wichtige Rolle spielen und Beobachter Wirklichkeiten konstruieren, besteht die Syntax der Maschine aus Adressen, Daten und Befehlen. Wenn-Dann-Sätze, in Zeichenketten umgeschrieben und bislang in Silizium gebrannt, machen das Medium zum imperium (Befehl). Kommunikation – unter digitalen Bedingungen – bedeutet letztlich nichts anderes als: Lesen, Schreiben und Ausführen.

Von allen diesen Vorgängen merken weder der "normal user" noch der "social networker" in aller Regel nichts. Erst recht nicht, seitdem Eingabebefehle (MS-DOS) durch Doppelklick und Touch ersetzt wurden. Öffnet der Nutzer ein Fenster, dann mag es ihm vorkommen, als erzeuge die Maschine ihm eine unendliche Vielfalt von Möglichkeiten. Dieser Eindruck entsteht, wenn man die Syntax aus Befehlen und Algorithmen als lose Kopplung beschreibt und Kontingenz (Unberechenbarkeit) für die Beschreibung dieser Vorgänge für ausreichend hält.

Übersehen wird dabei aber, dass die 0/1-Taktung der (logischen) Maschine den Würfelwurf der Zeichen in maschinelle Sicherheit überführt. Kontingente Operationen, die in der Alltagswelt in der Regel vom "nervösen und quirlenden Bewusstsein" (Niklas Luhmann) ausgelöst werden, vollzieht der Digitalrechner entscheidungssicher, und zwar, weil er rechnet und gerade nicht auswählt. Willkürlichkeit, Differentialität und Substituierbarkeit der Zeichen, die mancher für die Realität des Virtuellen ausgeben, bekommen dadurch einen Halt.

Die Maschine wird menschlich

Im Cyberspace, also der Vernetzung aller verfügbaren Computer zu einem weltumspannenden Datenraum, sowie in sozialen Netzwerken wie Facebook oder Vkontakte, wird diese unmenschliche Welt aus Adressen, Programmen und Befehlen menschlich und auch "lebendig". Durch kluge Anwendungen und ausgebuffte Geschäftsmodelle, wie sie vor allem immer wieder in Silicon Valley ausgegraben werden, wird er zu einer gigantischen Interaktions- und Kommunikationsmaschine. Der User ist fortan nicht mehr passiver Empfänger, bei Twitter, Google, Amazon und Facebook wird er selbst zum aktiven Suchenden, Verfasser und Sender von Botschaften.

Anonym und unter Ausschaltung von Geschlecht, Ethnie und körperlichen Gebrechen kann der Nutzer sich aus digitalen Versatzstücken ein Profil basteln oder sich eine selbstgestrickte Identität geben; er kann ferner Kommentare geben, Empfehlungen weiterreichen und Wertungen abgeben, während er bei einer Online-Auktion ein altes Flugzeug ersteigert oder von illegalen Tauschbörsen sich die gesammelten Werke von Leonard Cohen kostenlos heruntersaugt; und er kann schließlich auch in Ereignisse aktiv eingreifen und dabei ein bisschen Revolution spielen, wenn er Skandalvideos vor Ort mit seinem Smartphone aufzeichnet und sie sofort bei Youtube oder bei Facebook ins Netz stellt.

Das Bewusstsein wird transparent

Das alles ist möglich und machbar. Freilich kann der User dort aber genauso oft auf unliebsame Programme und Gestalten stoßen, auf Adressen und Personen etwa, die ihn belügen oder betrügen, ihn missionieren oder einfach beschwatzen wollen, oder auf "digitale Kampfmittel", auf Viren, Bugs und Meme, die nicht nur sein Denken in Beschlag nehmen oder seinen Rechner lahm legen wollen, sondern ihm obendrein noch seine Zeit rauben, seine Aufmerksamkeit binden und ihn zu Kollaboration, zum Croudsurfen und zur Komplizenschaft anhalten und bewegen wollen.

Jeder Schritt, den er im Netz unternimmt, jeder Kontakt, den er dort aufnimmt, jede Nachricht, die er weitergibt, hinterlässt wie im realen Raum Spuren, die von einem interessierten Dritten jederzeit nachverfolgt, aufgezeichnet und ausgewertet werden können. "Wir wissen, was ihr lest, was ihr trinkt, was ihr esst, wohin ihr geht", soll laut CNN ein FBI-Mann gegenüber der Familie der Attentäter des Bostoner Marathons im Vorfeld des Anschlags bei einer Routinebefragung der beiden Brüder geäußert haben. "Sie wussten, was er tat, welche Internetseiten er besuchte. Sie haben jede Bewegung verfolgt", sagte etwa die Mutter von Tamerlan Zarnajew.

Für Menschen unbewohnbar

Die Illusionen, die der Screen dem User beim Navigieren durch den virtuellen Datenraum vorspiegelt, ist trügerisch. Autonom und souverän ist er beim Klick oder Touch mitnichten. Computertechnologie ist nicht bloß Ausdruck und Folge des US-amerikanischen Traums von Freiheit, Freihandel und offenen Märkten, sie ist noch mehr Abfall- und Nebenprodukt waffentechnologischer Forschung und Eskalation, die aus dem militärischen Wunsch nach punktgenauer Ortung, Steuerung und Kontrolle von Kommunikationen hervorgegangen ist.

Mit jedem "Drinsein" werden Nutzer und Netzbewohner Teil eines Programms und zum Transmissionsriemen maschineller Rückkopplungsschleifen. Was auf den ersten Blick vielleicht wie wachsende Selbstbestimmung und Selbstregierung ausschaut, und bei den Aufständen in Nordafrika zu Begriffen wie "Facebook-" oder "Twitter-Revolution" geführt hat, avanciert bei genauerem Hinsehen zum Ziel, das wie ein feindliches Flugzeug geortet, ausgespäht, kontrolliert und mit elektronischen Nachrichten belästigt und bombardiert werden kann.

Gewiss weist der Cyberspace Eigenschaften einer "autopoietischen Maschine" auf. Ein "lebender Organismus" im biologischen Sinne ist er aber nicht. Zählen, Rechnen und Kalkülisieren sind keine lebens- bzw. bestandserhaltende Funktionen. Weswegen dieser algebraische, nicht-euklidische Raum für Lebewesen in der uns bekannten Gestalt letztlich unzugänglich und unbewohnbar bleibt und daher allen Ideen, die der Anthropologisierung, Vitalisierung und Besiedelung des Virtuellen das Wort reden, strenge physikalische Grenzen gesetzt sind.

Raum bleibt Schicksal

Wer "lebbaren Raum" sucht und "wohnen" will, der sollte und muss sich mithin und verstärkt anderweitig umsehen. Und zwar dort, wo der Raum dem Menschen hold ist, wo er Atmosphäre ist und zugleich Stimmungen erzeugt oder vermittelt. Allein der empirische und dreidimensionale ist dafür konstitutiv. Ohne seine Präsenz gibt es kein Fühlen und Spüren, kein Hören, Tasten und Sehen. Erst durch die Sinne und dem Einzelnen, der sich ihrer kunstvoll oder kreativ zu bedienen weiß, verwandelt sich der Raum in einen stimmungsvollen.

Erst diese Ko-Existenz von Wahrnehmung und Erleben stiften jenen Resonanzraum, den die Romantiker früherer Jahrhunderte sowie modische Schöngeister unserer Tage gern mit den Begriffen der Verzauberung, Ästhetisierung oder Poetisierung belegt haben. In auf Hochglanz getrimmten "Lifestyle"-Magazinen, die sich dem schöner "Wohnen, Leben und Lieben" widmen und ihren Lesern so etwas wie angemessene Wohn-, Lebens- und Liebeskultur vermitteln oder anerziehen wollen, findet er mitunter als eine Art Abfallprodukt Platz und Wiederaufnahme.

Für die Bewohner von Favelas, Armutsvierteln oder Müllhalden, auch für jene, die in Gaza, in Syrien oder am Hindukusch aufwachsen, mit ethnischen, sozialen und religiösen Konflikten konfrontiert werden und/oder mit den kargen Erträgen der Böden und Landschaften auskommen müssen, auf denen sie mangels Alternativen zu leben gezwungen sind, wird der Raum nicht nur zum "Container". Für alle diese Bewohner, denen der reale Raum unterschiedliche Zonen der Sicherheit, der Armut und des Glücks zuweist, ist und wird er zum Schicksal.

Globalisierung und Digitalisierung haben allerdings die Karten neu gemischt. Sie haben die Verteilung von Armut und Reichtum, von Konsum und Kommunikation, von dynamischen und trägen Gesellschaften geografisch neu sortiert, aber Trennlinien, Zugänge und Ausschlüsse in Zentrum und Peripherie, in Gewinner und Verlierer, Ort und Nicht-Ort nicht beseitigt. Darum werden unterschiedliche Zeitzonen, soziale Segmentierung, Zugangsbeschränkungen und ungleich verteilte Zugangschancen auch weiterhin von zentraler Bedeutung bleiben.

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