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Außer Kontrolle
Twister schreibt

"Sie haben kein Recht zu schweigen" oder: Wie Krimis Weltbilder verändern

Egal, ob Profiler oder Kriminalbeamte: die Krimi"kultur" sorgt fleißig dafür, dass Menschen immer weniger daran denken, dass auch sie Rechte gegenüber der "Staatsmacht" haben

Da ich derzeit viel Zeit für alle Tätigkeiten habe, die man liegend erledigen kann ;) bot es sich an, mal wieder diverse DVDs anzuschauen bzw. auch abends den Fernseher zu bemühen. Ich schaue gerne Krimiserien und mir ist klar, dass sie nicht die Realität abbilden und natürlich wegen der Dramaturgie einiges gekürzt oder vereinfacht dargestellt wird, dennoch...

Aber von vorne:

Heute stand eine Folge der Krimiserie "Lynley Mysteries" auf dem Programm. Im Original "Chinese Walls" betitelt, wurde im Deutschen in gewohnt schwülstig-religiöser Übersetzung "Wenn einer trägt des anderen Last" daraus. In dem Film geht es um eine ermordete Referendarin und es vergehen knapp 23 Minuten bis zur ersten Gesetzesübertretung des Gesetzeshüter.

Einfach mal ein wenig herumschnuppern

Inspector Lynley samt Assisstentin suchen einen Bürokomplex auf, doch die Tür ist verschlossen. Eine Putzfrau meldet sich, die offensichtlich verängstigt ist und mitteilt, es sei noch niemand da. "Schon okay, jetzt öffnen Sie die Tür", verlangt Sergeant Havers. Nachdem die Putzfrau das Weite sucht ("ich habe jetzt weitere Arbeit...") bleiben die beiden Ermittler von Scotland Yard völlig selbstverständlich in dem Büro. Während Sergeant Havers noch anmerkt, dass sie sich doch ohne Beschluss nicht einfach umsehen könnten, sieht Inspector Lynley das lässiger - schließlich habe eine Zeugin sie doch hereingelassen, also sei alles in Ordnung. Mit absoluter Selbstverständlichkeit durchforsten sie das Büro und auch den Kellertrakt und nehmen das dortige Studio für "Onlineangebote für Erwachsene" unter die Lupe. Gls die Mieterin dies als Hausfriedensbruch tituliert, wird vom Inspector ganz locker Gegenteiliges behauptet.

Wie gesagt: Natürlich ist dies nur ein Film, doch schon seit einiger Zeit fällt auf, dass das, was früher noch die Ausnahme des rüpeligen "Schimanski-Typen" war, zur Regel geworden ist. Polizisten in Filmen lügen, betrügen, sie erzwingen Geständnisse, foltern und stehlen, lassen Beweismittel verschwinden und sehen all dies als selbstverständlich an, da sie ja "die Guten" sind. Was früher für mich noch die reine Actionkomponente war, lässt mich heute schaudern bei dem Gedanken, ich sei vielleicht der Verdächtige.

...sonst geht es nach Guantanamo Bay...

Es sind keineswegs nur die US-amerikanischen Serien, die mit einer solchen Arroganz der Polizei aufwarten, auch wenn es teilweise dort am schlimmsten ist. Wer beispielsweise Navy CIS schaut, der findet ein Horrorkabinett aus einem selbstherrlichen, cholerischen Chef, sexistischen Special Agents und einer ehemaligen Mossadagentin, die schon mal dem Verdächtigen mitteilt, es würde sie nur wenige Minuten kosten, einen Zusammenhang zu Al-,Qaida zu konstruieren damit er in Guantanamo Bay landet. Verdächtige werden psychisch und auch physisch misshandelt, Chef Gibbs hat als Vergeltung für den Mord an seiner Frau und Tochter deren Mörder eiskalt erschossen (aus dem Hinterhalt), spielt sich in Bezug auf Vergeltung und Co. jedoch als moralische Instanz auf und hat auch sonst mit Doppelmoral kein Problem, genauso wenig wie die anderen Protagonisten aus den Polizeiserien, die nicht zuletzt wegen ihrer eigenen persönlichen Probleme geradezu wüten. Dass diese Grenzübertretungen in den Serien nicht geahndet werden, ist selbstverständlich.

Genauso selbstverständlich knicken aber die Befragten ein (nicht weiter verwunderlich bei den Methoden, die angewandt werden), und nicht einmal gibt es nur den Versuch, die Problematik zu thematisieren, ein Disziplinarverfahren in die Serie zu integrieren oder ähnliches. Sämtliche Lügen, Betrügereien, Diebstähle etc. werden einfach als Randschauplatz abgetan, der notwendig war um dann die "Bösen" zu überführen und Attentate zu verhindern, Mörder zu überführen usw.

Da schauen sich Ermittler zwanglos in der Wohnung, Scheune usw. um, während der arglose Befragte für die hochschwangere Ermittlerin Tee kocht (nur um ihn nachher mit der "Marihuanaplantage" auf dem Dachboden zu weiteren Aussagen zu erpressen); da werden Türen ohne Not eingetreten, Wohnungen ohne Durchsuchungsbeschluss betreten und Anwälte verweigert.

Dies alles ist, keine Frage, Fiktion. Doch auch stete Wiederholung von der Tätigkeit der Polizei prägt sich ein. Da es kein Korrektiv im Fernsehen gibt und das Fehlverhalten weder in den Filmen selbst noch in Medienanalysen usw. thematisiert wird, entsteht so in den Köpfen vieler auch der Gedanke, dass solches Verhalten rechtlich in Ordnung sei. Längst sind die Ermittler, die sich an Recht und Gesetz halten, quasi medial ausgestorben, um einen Fall zu lösen, wird eben alles getan, die Gesetze gelten nur für andere.

Ausflug in die Gedankenwelt

Genauso wie der "Wir sind die Guten, wir treten die anderen, bis sie bluten"-Tsunami im Fernsehen über einen hereinbricht, wird die mediale Serienwelt beherrscht von einer Vielzahl sogenannter Profiler. Diese waren einst die Menschen, die sich Mühe gaben, einen Täter zu verstehen, um ihm auf die Spur zu kommen. Spätestens seit der zwar spannenden, doch auch bedrückenden Serie Cracker (Für alle Fälle Fitz) aber ist der Profiler ein selbst sozio- oder psychopathischer Protagonist, der zwar mit seinen persönlichen Problemen, seinen Marotten und dem Zynismus für Kurzweil sorgt, doch bei einer kritischen Betrachtung seiner Handlungsweisen zu einem bestürzten Schlucken führt. Da werden Verdächtige angebrüllt, beleidigt, psychisch malträtiert, mit Vorurteilen und daraus resultierenden Beleidigungen überschüttet... weil ja der Profiler sicher ist, den Richtigen, den Täter vor sich zu haben.

In der bestürzenden Folge "Tod eines Knaben", die im englischsprachigen Original den weitaus passenderen Titel One day a lemming will fly trägt, wird dies besonders deutlich. Ein eher schmächtiger, homosexueller Junge wird getötet aufgefunden und schon bald richtet sich der Verdacht gegen seinen Lehrer, der zweimal versucht, sich selbst zu töten, weil er sich schuldig am Tod des Jungen fühlt. Grund genug, hinter dem Ganzen sexuelle Hingezogenheit zum Jungen zu vermuten - und während der verdächtige Lehrer nicht nur seine Freundin und seinen Job verliert, sondern auch ein wütender Mob versucht, ihn zu zu töten, er von einem der Polizisten permanent homophob beschimpft wird und nicht zuletzt von Fitz noch eine grausame Schilderung der Geschehnisse, die zum "Tod eines Knaben" führten, erträgt... währenddessen ist Fitz so überzeugt von seiner Theorie, von seinem Können und seinem Genius, dass er nicht einmal in Betracht zieht, er könnte falsch liegen. Und so bekennt sich der Lehrer zu dem Mord, die anberaumte Pressekonferenz soll diesen grandiosen Sieg der Polizei feiern und es ist letztendlich egal, wer tatsächlich den Mord bestanden hat.

Denn - und das ist das Bedrückende an der Folge - der selbstgerechte Fitz hat dem Lehrer angeboten, sich doch zur Tat zu bekennen, damit er, der Profiler, seine Last mit ihm teilen kann. Nur geschieht dies anders als er dachte, denn ein Unschuldiger hat gestanden. Ein Unschuldiger, der sich schuldig fühlt, weil er jemandem nicht ausreichend geholfen hat, weil er, als der Junge ihm gestand, dass er sich in ihn verliebt hatte, panisch reagierte, den Jungen wegschickte und dieser noch am selben Abend getötet wurde. Und so, weil die Polizei ja nun die Ermittlungen einstellt, bleibt der wahre Mörder frei und kann erneut töten - und Fitz wird sich genauso verantwortlich fühlen wie jetzt der "Mörder", den man der Öffentlichkeit präsentiert.

Diese Folge zeigt, wie nach Prestige hungernde Polizei (Chief Inspector Billborough weigert sich, die Pressekonferenz abzusagen oder den Fehler der Polizei zuzugeben, nachdem ihn Fitz informiert), selbstgerechte Profiler und von Vorurteilen und Hass geprägte Polizeimitarbeiter agieren können, ohne dass es zu Konsequenzen kommt, die ihnen ihr Fehlverhalten vor Augen führt. Zwar sitzt ab und zu ein Polizist im stillen Kämmerlein und weint oder der Profiler betrinkt sich voller Schuld, dennoch ändert das nichts an seinem Verhalten und auch von rechtlicher Seite aus kann er weitermachen wie bisher.

Aber mit der Polizei muss man doch reden...

Durch das fehlende Korrektiv und die Aufklärung der Bevölkerung auch hinsichtlich ihrer Rechte, was den Umgang mit der Polizei angeht, entsteht immer stärker die Ansicht, dass die Polizei eben "sehr viel darf" und z.B. es für denjenigen, der von der Polizei befragt wird, weder moralisch noch rechtlich möglich ist zu schweigen, den Zutritt zur Wohnung zu verweigern oder dergleichen mehr. Ganz im Gegenteil - bei vielen hat sich die Ansicht etabliert, dass die Polizei auf derartige Handlungsweisen sogar mit Festnahme reagieren könnte. Diese Ansicht resultiert aus dem in Krimis oft verwandten Satz, der auf eine Verweigerung der Aussage folgt: "Na gut, dann sprechen wir eben auf der Wache miteinander", was letztendlich nur ein Druckmittel ist.

Doch wer sich über die Befugnisse der Polizei unterhält und kein Gegenüber hat, das sich mit der Thematik bereits befasst hat, der stößt immer öfter auf die Annahme, dass die Polizei jede Wohnung betreten, jede Frage stellen, jeden Gegenstand in der Wohnung in Augenschein nehmen darf. Auf den Computer Zugriff nehmen, Mails durchsehen und Briefpost, Kontoauszüge ansehen und intime Fragen stellen? Für viele ist dies etwas, bei dem der Befragte keinerlei Rechte hat. Die Krimis, in denen die Ermittler sich wie Menschen verhalten, für die keinerlei Gesetz gilt, sorgen weiterhin fleißig dafür, dass diese Annahmen sich weiter verbreiten.

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