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Nachrichten aus Politik und Wirtschaft

Spaniens umstrittene Olympiabewerbung

09.01.2013

Madrid setzt wieder auf einen Immobilienboom, der dem Land einen tiefen Absturz in die Krise bescherte

Am Dienstag wurde in der spanischen Hauptstadt die Bewerbung für die Olympischen Spiele 2020 vorgestellt. Angeführt von der Madrider Bürgermeistern Ana Botella hatte eine Delegation am Vortag in Lausanne beim Internationalen Olympischen Komitee (IOC) die endgültigen Unterlagen für die dritte Bewerbung in Folge eingereicht. Bei der vierten Olympia-Bewerbung insgesamt will Madrid sich gegen Istanbul und Tokio durchsetzen. Wie der Türkei und in Japan bereitet man sich nach der offiziellen Vorstellung nun auch in Spanien auf den Besuch einer IOC-Delegation im März vor.

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"Die Olympiade wäre ein Möglichkeit, um unsere ökonomische Situation zu verbessern", umschrieb die Madrider Bürgermeisterin die tiefe Wirtschaftskrise, die das Land seit vier Jahren fest im Griff hat. Botella sieht darin eine Möglichkeit, um die Krise zu überwinden. Sie appellierte an das IOC, "einem Land im alten Europa" zu helfen. Auch der Präsident des spanischen Nationalen Olympischen Komitees argumentierte ähnlich. "Es gibt es keine rentablere und dankbarere Investition", sagte Alejandro Blanco. Er hofft, dass das dem Land neuen "Optimismus" und "Schwung" gibt. Für die konservative Regierung sprach der Minister für Bildung, Kultur und Sport von einem "außergewöhnlichen Projekt". José Ignacio Wert bekräftigte, Ministerpräsident Mariano Rajoy habe dafür ausdrücklich seine Unterstützung zugesichert.

Die Kosten sollen sich mit 1,6 Milliarden Euro in Grenzen halten, weil 80 Prozent der Sportstätten schon gebaut seien, wird argumentiert. Das spanische IOC-Mitglied Juan Antonio Samaranch sagte, die finanziellen Anstrengungen hielten sich mit 100 bis 150 Millionen jährlich in den nächsten sieben Jahren in Grenzen. "Da stört auch keine Krise“, so Samaranch. Doch damit kommt nicht einmal die niedrig angesetzte Summe zusammen.

Eine wachsende Zahl von Kritikern betont hingegen, dies sei ohnehin nur die halbe Wahrheit. So wurde das Stadion "La Peineta" zwar schon 1994 gebaut, es muss aber vergrößert werden, um als Olympiastadion zu dienen. Veranschlagt werden dafür 160 Millionen Euro. Auch das Wassersportstadion ist zwar für 85 Millionen Euro schon gebaut, soll aber nun für weitere 56 Millionen Euro umgebaut werden. Solchen Kalkulationen wird aber ohnehin kaum geglaubt. Fertiggestellte Spielstätten, wie Caja Mágica, wurden real mit 294 Millionen Euro mehr als doppelt so teuer, als einst geplant war. Und in der Bewerbung wird zum Beispiel auch Madrid Arena als fertiggestellt angeführt. Diese Sportstätte machte aber im November traurige Schlagzeilen, als bei einer Massenpanik fünf junge Frauen ums Leben kamen. Dabei wurde auch bekannt, dass die Arena wegen gravierender Sicherheitsmängel gar keine Betriebsgenehmigung hat.

Risikoreiche Finanzwette

Ausgerechnet das konservative Wall Street Journal hat schon vor der "risikoreichen Finanzwette" gewarnt, für die Steuergelder eingesetzt werden sollen, während "radikale" Einschnitte im Haushalt vorgenommen würden. Die Zeitung muss es wissen, denn nach seiner peinlichen Abwahl 2004 wechselte der konservative Ex‑Regierungschef José María Aznar als Berater zu dem Blatt. Unter seiner Führung hatte die konservative spanische Volkspartei (PP) die Immobilienblase gegen alle Warnhinweise aufgebläht. Die US-Wirtschaftszeitung erinnerte, dass die seit langem von den Konservativen regierte Hauptstadt längst "eine der am höchsten verschuldeten Städte Spaniens ist".

Dass Olympia eine rentable Investition ist, wird ohnehin bezweifelt. Gemäß allen Studien entspreche keines der Argumente, die Befürworter zentral für die Spiele angeführten, der Realität. Zu diesem Ergebnis kam Mark Perryman, Autor des Buchs "Warum die Olympischen Spiele uns nicht gut tun". Tatsächlich bescherten die Spiele 2012 London statt einem Tourismus-Ansturm einen Einbruch der Besucherzahlen.

Olympia reiht sich in das Vorhaben der Konservativen ein, erneut auf einen Immobilienboom zu setzen, um die Krise zu überwinden. Die offensichtlich aus den Vorgängen bisher nichts gelernt haben. Deshalb wurden zum Jahreswechsel noch schnell Gesetze verabschiedet, um das umstrittene Eurovegas-Projekt des US-Milliardärs Sheldon Adelson auf den Weg zu bringen. Er will sechs Glücksspieltempel mit 18.000 Spielautomaten und zwölf Hotels mit 36.000 Betten errichten, wenn seine Forderungen erfüllt werden. Angeblich sollen 260.000 Jobs geschaffen und knapp 17 Milliarden Euro investiert werden.

Adelson fordert, dass das in Spanien geltende Rauchverbot in seinen Casinos ebenso aufgehoben werden müsse wie geltende Tarifverträge und Bebauungsvorschriften. Viele Steuern wurden im Rahmen der "Lex Eurovegas" für ihn schon um bis zu 95 Prozent gesenkt. Sogar Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz hat sich in die Debatte eingemischt.

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